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Gerechtigkeit auf diese Welt bringen

Ahmed Saadawi lässt einen monströsen Rächer der Vielen auf die Mächtigen in Bagdad los

  • Lesedauer: 8 Min.

Um seine Geschichten überzeugender zu gestalten, bemühte sich Hadi, sie mit realistischen Details anzureichern, lauter Einzelheiten, die er wirklich erlebt hatte, an die er sich genau erinnerte und derer er sich bediente, wenn er seine Geschichten vortrug. Er saß im Café von Asis, dem Ägypter, auf der Bank in der Ecke am vorderen Fenster und strich sich über den Schnauzer und den zweigeteilten Bart. Er stocherte mit dem kleinen Löffel im Teeglas herum, schlürfte zwei Schlucke und begann ein weiteres Mal mit seiner Geschichte. Einige neue Gäste waren eingetroffen, eingeladen von Asis, um Hadis Geschichten und Schnurren zu lauschen. Einer der Gäste war eine schlanke, blonde deutsche Journalistin mit schmalen Lippen und einer dicken Brille auf der feinen Nase, die zwischen ihrem jungen irakischen Übersetzer und einem palästinensischen Fotografen Hadi gegenüber auf der Bank saß. Außerdem saß noch ein dunkelhäutiger Journalist namens Machmud Sawadi bei ihnen, der aus der südirakischen Stadt Amara stammte und zurzeit in Abu Anmars Hotel wohnte.

Die deutsche Journalistin drehte einen Doku-Film über die Arbeit ihrer irakischen Kollegen in Bagdad und begleitete zu diesem Zweck Machmud Sawadi einen ganz normalen Arbeitstag lang. Sie filmte, wie er auf der Straße Informationen sammelte, und ergänzte das mit Kommentaren über die Schwierigkeiten, mit denen er sich konfrontiert sah. Sie hatte nicht eingeplant, einer langen, verwickelten Geschichte zu lauschen, erzählt von einem glupschäugigen, nach Alkohol stinkenden Trödler in abgerissenen, von Zigarettenglut gezeichneten Kleidern. Sich zu auffällig in Bagdad zu zeigen, war für sie nicht ohne Risiko, weshalb sie die Kamera nicht angestellt hatte, sondern sich darauf beschränkte, Tee trinkend zuzuhören. Immer wieder drehte sie sich zu ihrem Dolmetscher, der ihr wortreich erklärte, was der Trödler erzählte.

Die Geschichte fand kein Ende. Es war frühlingshaft warm, und die Journalistin hätte lieber den Rest des Tages an der frischen Luft verbracht. Zudem musste sie irgendwann zurück ins Pressezentrum im Sheraton-Hotel, um die Aufnahmen, die sie mit Machmud Sawadi gemacht hatte, zu transkribieren. »Der Typ erzählt einen Film nach«, sagte sie zu Machmud, als sie endlich das Café verließen. »Seine Geschichte ist der Plot eines Streifens von Robert De Niro.«

»Stimmt, offenbar schaut er viele Filme an. In der Gegend hier ist er weithin bekannt.«

»Er hätte nach Hollywood gehen sollen«, sagte die Journalistin lachend und stieg ins Auto ihres Übersetzers.

Hadi störte das alles nicht. Schließlich gab es Leute, die mitten im Film das Kino verließen. Das war stinknormal. »Wo waren wir stehen geblieben?«, fragte er, als Machmud Sawadi zurückkam und sich wieder auf die Bank ihm gegenüber setzte. Asis stand daneben, ein paar leere Teegläser in der Hand, ein breites Lächeln auf dem Gesicht und wartete gespannt auf die Fortsetzung der Geschichte. »Bei der Explosion«, half er Hadi weiter.

»Der ersten oder der zweiten?«

»Der ersten, der auf dem Tajaran-Platz«, sagte Machmud, der darauf wartete, dass sich Hadi in Widersprüche verwickelte. Nur deshalb hörte er sich die Geschichte ein zweites und ein drittes Mal an.

Der Soundso

»Hallo ... Hallo ... Test, Test, Test.«

»Es klappt! Es nimmt auf!«

»Ich weiß. Hallo ... Hallo ... Test, Test.«

»Pass auf die Batterien auf.«

»Sei still, bitte. Hallo ... Hallo, ja.«

»Ich habe nicht viel Zeit. Vielleicht ist es mit mir bald zu Ende und ich schmelze dahin, während ich bei Nacht durch die Straßen und Gassen laufe, auch wenn meine Mission noch nicht erfüllt sein sollte. Ich bin ein wenig wie dieses Diktiergerät hier, das jener unbekannte Journalist meinem armen Vater, dem Trödler, gegeben hat. Die Zeit, die mir zu Verfügung steht, ist wie der Strom in der Batterie darin: nicht viel und ganz sicher nicht genügend.

Ist dieser armselige Trödler wirklich mein Vater? Nein, er ist nur ein Durchgang, eine Passage für den Willen unseres ›Vaters, der da ist im Himmel‹, wie es meine Mutter Elischwa gern ausdrückt. Wirklich eine elende Frau. Eigentlich sind alle elend, und ich bin die Lösung, die Antwort auf den Ruf der Elenden. Ich bin, wenn man so will, eine Art Retter, der Erwartete, der Ersehnte, der Erhoffte. Das unsichtbare Räderwerk, gerostet, weil zu selten gebraucht, hat sich endlich in Bewegung gesetzt. Das Räderwerk eines Gesetzes, das nicht immer wachsam ist. Die Gebete der Opfer und ihrer Angehörigen haben sich zu einem ungeheuren Schrei vereinigt und dieses Räderwerk angestoßen. In seinen dunklen Tiefen begann es zu arbeiten und hat mich hervorgebracht. Ich bin die Antwort auf ihren Ruf nach dem Ende des Unrechts, nach Rache für all die Verbrechen. Mit Gottes und des Himmels Hilfe werde ich Rache nehmen an allen Verbrechern. Ich werde endlich Gerechtigkeit auf Erden walten lassen. Man wird nicht länger unter Schmerzen und Leiden auf eine Gerechtigkeit warten müssen, die einmal kommen wird - im Himmel oder nach dem Tod. Werde ich meine Mission erfüllen? Ich weiß es nicht, aber ich will versuchen, ein Beispiel zu setzen: Rache für die Unschuldigen nehmen, die keinen anderen Beistand haben als ihre bebenden Seelen, die beten, vom Tode verschont zu bleiben.

Ob mich jemand hört oder kennt, ist mir tief im Innern gleichgültig. Ich bin nicht gekommen, um bekannt oder gar berühmt zu werden. Aber um sicher zu gehen, dass meine Mission nicht missverstanden und noch mühseliger wird, sehe ich mich zu dieser Erklärung gezwungen. Man hat mich zu einem Verbrecher und einem Monster gemacht und mich gleichgesetzt mit denjenigen, an denen ich Rache nehmen will. Das ist eine schreiende Ungerechtigkeit. Tatsächlich wäre es eine moralische Pflicht, mir zu helfen, mir zur Seite zu stehen, um Gerechtigkeit auf diese Welt zu bringen, die von Machtgier, Begehrlichkeit und unersättlicher Mordlust heimgesucht wird.

Ich erwarte von niemandem, dass er ebenfalls eine Waffe in die Hand nimmt oder sich an meiner statt an den Verbrechern rächt. Aber bitte versperrt mir nicht den Weg und erstarrt nicht in Entsetzen, wenn ihr mich seht. Ich sage das zu allen guten, friedfertigen Menschen. Und ich bitte euch: Betet für mich und wünscht mir von ganzem Herzen den Sieg und die Erfüllung meiner Mission, bevor es zu spät ist und mir alles aus den Händen gleitet und.«

»Oh, die Batterie ist leer.«

»Warum unterbrichst du mich? Was ist los?«

»Die Batterie ist am Ende, mein Herr und Meister.«

»Na gut, no problem! Geh und komm erst wieder, wenn du eine Tüte voller Batterien besorgt hast.«

… Es gibt noch drei weitere, weniger wichtige Personen: der junge, der ältere und der älteste Verrückte. Der junge ist derjenige, der mich zu Beginn meiner Aufnahme immer wieder unterbrochen hat und den ich dann fortgeschickt habe, um in einem mehrere Kilometer entfernten Laden Batterien zu kaufen, was ihn über etliche gefährliche Kreuzungen führte. Dieser junge Mann ist fest davon überzeugt, dass ich ein beispielhafter Bürger bin, wie ihn der irakische Staat seit den Tagen von König Faisal I. bis zur amerikanischen Besatzung nicht mehr hervorzubringen vermocht hat.

Zusammengesetzt aus Teilen von Menschen, die zu unterschiedlichen Ethnien, Rassen, Stämmen, Geschlechtern und sozialen Gruppen gehörten, repräsentiere ich dieses unmögliche Gemisch, das niemals Wirklichkeit geworden ist. Ich sei der erste wirkliche irakische Bürger, glaubt er. Der ältere Verrückte sieht in mir ein Instrument der Massenvernichtung, das dem Erscheinen des Erlösers vorangeht, den alle Religionen auf Erden kennen. Ich sei es, der diejenigen Menschen vernichtet, die vom rechten Pfad abgekommen und auf Irrwege geraten sind. Durch seine Mithilfe werde also die Ankunft des Erlösers beschleunigt. Der älteste Verrückte hält mich für den Erlöser und glaubt, er werde in nächster Zeit eines Teils meiner unsterblichen Qualitäten teilhaftig, sein Name werde neben meinem in jedwedem Schriftstück festgehalten, das von dieser schwierigen Zeit spricht, die entscheidend sei für die Geschichte der Erde und dieses Landes ….

Ein, zwei Stunden nach Sonnenuntergang gehe ich hinaus. Unter dem allgegenwärtigen Kugelhagel wandere ich allein durch endlose Straßen, wo nicht einmal mehr Katzen und Hunde streunen. Es gibt nichts als den Widerhall meiner Schritte während der kurzen Pausen der Gewehrsalven, die mit vorrückender Nacht immer heftiger werden. Ich bin mit allem ausgerüstet, was ich eventuell benötigen könnte: erstklassige Identitätskarten und Dokumente, mit denen mich der Feind versorgt hat; einem exakten Wegeplan durch die Wohnviertel, Straßen und Gassen, den mir der Zauberer angelegt hat und der mir hilft, Begegnungen mit Personen zu vermeiden, auf die ich ebenso wenig erpicht bin wie sie auf mich.

… Es gibt einen Mann, der zu al-Qaida gehört und in einem Haus in Abu Ghraib am Rande der Hauptstadt wohnt. Außerdem einen venezolanischen Offizier, der als Söldner in einer Sicherheitsfirma in Bagdad arbeitet. Wenn ich an diesen beiden einmal die Rache vollstreckt habe werde, wird alles vorbei sein. Doch noch haben die Dinge nicht den Verlauf genommen, den ich mir vorgestellt habe. Eines Nachts kehrte ich nach Hause zurück, den Körper von Kugeln durchlöchert. Es hatte einen hitzigen Kampf und eine gefährliche Verfolgungsjagd gegeben, und ich hätte die Gurgel dieses Kriminellen fast nicht zu fassen gekriegt, der viele bewaffnete Gruppen mit Dynamit und anderen Explosivstoffen versorgte, unabhängig von ihren religiösen oder politischen Ausrichtungen. Er war ein Todeshändler par excellence und wohnte mit einigen Mitgliedern seiner Gang in einem Haus unweit des Schurdscha-Marktes mitten in Bagdad.

Ahmed Saadawi:
Frankenstein in Bagdad
Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich
Assoziation A, 296 S., geb., 22,00 €

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