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  • Berlin
  • 75 Jahre Ende des Zweiten Weltkriegs

Gedenken mit Sicherheitsabstand

Jahrestag der Befreiung der KZ Ravensbrück und Sachsenhausen diesmal online gefeiert

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.

»Gemeinsam erinnern, schafft Nähe und Verbundenheit«, weiß Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU). Doch genau das war nicht möglich zum 75. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager Ravensbrück und Sachsenhausen. Eigentlich sollte der Jahrestag am Wochenende mit 50 bis 60 Überlebenden gefeiert werden. Doch alle Veranstaltungen mussten abgesagt werden. Die Gedenkstätten sind wegen der Coronakrise bereits seit 14. März für Besucher vorläufig geschlossen.

Die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten organisierte ersatzweise einen Online-Jahrestag. Am Sonntag wurden auf ihrer Internetseite stiftung-bg.de die Grußworte der Präsidenten der beiden Internationalen Lagerkomitees hochgeladen und dazu die Grußworte verschiedener Politiker. Staatsministerin Grütters war, um ihre Rede einzusprechen, vorher zur Gedenkstätte Ravensbrück gekommen. Das Video zeigte sie, mit gut zwei Metern Sicherheitsabstand zur Gedenkstättenleiterin Insa Eschebach, über das Gelände schreiten.

»Die Corona-Pandemie erfordert körperliche Distanz, doch in Gedanken sind wir bei Ihnen«, wandte sich Grütters an die womöglich zuschauenden Überlebenden. Auf das Wasser des Schwedtsees, in den einst die Asche ermordeter Häftlinge gekippt wurde, legte sie sanft eine Blume. Hier am See steht das Mahnmal »Die Tragende«. Die Figur, so erinnerte Grütters, habe einen Namen: Olga Benario, die anderen Frauen mutig Hilfe leistete, aber selbst nicht überlebte. Doch überliefert sind ihre Worte, die Grütters zitierte: »Ganz besonders habe ich hier gelernt, den wahren Wert alles Menschlichen zu sehen.« Dieses Vermächtnis zu bewahren, sei »Teil unserer Verantwortung« nicht allein an Gedenktagen und in Gedenkstätten, betonte Grütters, sondern in ständiger Auseinandersetzung mit Diskriminierung und Ausgrenzung. »Schweigen wir nicht, wenn neue politische Kräfte dieses Vermächtnis mit Füßen treten«, mahnte die Staatsministerin. »Lassen wir nicht zu, dass Hass, Ressentiments und Gleichgültigkeit den wahren Wert alles Menschlichen, wie Olga Benario sagte, in Frage stellen.« Das Möglichste müsse getan werden, damit die Keime der Barbarei keinen Nährboden mehr finden.

Ähnliche Bilder wurden auch aus Sachsenhausen geliefert. Dort lief Stiftungsdirektor Axel Drecoll über das vereinsamte Areal. Normalerweise herrscht im April Andrang. Es kommen dann im Schnitt 2000 Besucher pro Tag, was nun nicht möglich ist. So leer wie jetzt ist die Gedenkstätte seit ihrer Eröffnung im Jahr 1961 noch nie gewesen, zumal an einem Jahrestag der Befreiung. Anstatt der Menschen aus aller Welt, die spanisch, russisch, polnisch, italienisch oder norwegisch und auch in anderen Sprachen miteinander reden, war nun Vogelgezwitscher das Hintergrundgeräusch, während Drecoll berichtete, wie weh es ihm tat, den Überlebenden absagen zu müssen. Denn diese wären zum Jahrestag der Befreiung ohne jeden Zweifel die wichtigsten Gäste gewesen. »Ich habe diese Stille noch nie so wahrgenommen. Ich höre die Vögel zwitschern das erste Mal. Der Ort verändert seinen Charakter ganz enorm«, erzählte Drecoll.

Die persönliche Begegnung mit den Überlebenden ist nicht zu ersetzen. Doch auch online drehte sich alles um sie und um ihre ermordeten Kameraden. Ein sehr gut gemachter, neun Minuten und 40 Sekunden langen Animationsfilm beispielsweise zeigte den 22. April 1945 in Sachsenhausen aus der Perspektive des Häftlings Thomas Buergenthal und des Soldaten Bernhard Storch. Beide waren Juden mit polnischen Wurzeln. Der kleine Junge Buergenthal wurde beim Herannahen der Front mit dem Zug aus dem KZ Auschwitz-Birkenau nach Sachsenhausen gebracht, ein Stück des Wegs musste er auch durch Eis und Schnee laufen, wobei er Erfrierungen an den Füßen erlitt. Zwei Zehen mussten ihm bei seiner Ankunft in Sachsenhausen amputiert werden. Er hatte Angst vor dem Krankenrevier. Denn in Ausschwitz-Birkenau führte der Weg vom Revier üblicherweise in die Gaskammer. Doch in Sachsenhausen durfte Buergenthal schließlich erleben, wie Soldaten eintrafen, deren Uniformen ihm fremd waren. Einer rief: »Hitler kaputt!« Das war der Moment der Befreiung. Bürgenthal streifte nun umher und entdeckte in einem Büro ein Hitlerbild, das er von der Wand riss und darauf herumtrampelte.

Bernhard Storch kämpfte als polnischer Soldaten an der Seite der sowjetischen Truppen. Er hatte auf dem Vormarsch bereits die Vernichtungslager Sobibor und Majdanek erreicht, die aber verlassen waren. In Majdanek sah er Berge von Schuhen und fürchtete, es könnten die seiner Angehörigen darunter sein. In Sachsenhausen endlich konnte Storch Häftlinge befreien, die sich aber nach der Flucht der SS-Wachmannschaft nur zögerlich aus den Baracken herauswagten. So sahen die Befreier zunächst nur einen leeren Appellplatz.

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