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Der Osten erreicht westdeutsches Spitzenniveau

Satiriker und Kabarett-Chef Wolfgang Schaller wird 80

  • Von F.B. Habel
  • Lesedauer: 4 Min.

Mit dem Neuen Deutschland fing alles an - und lag schon damals etwas verquer! Jedenfalls, soweit man Wolfgang Schaller in der Moderation seines Programms »Kritik muß man üben«, das auf einer LITERA-Schallplatte überliefert ist, glauben kann. Als junger Deutschlehrer in Görlitz schickte er dem »ND« ein durchaus ernst gemeintes Gedicht und gab als Adresse die seiner Schule an. Bald kam die Antwort: »Lieber Pionier Wolfgang Schaller, lass Dir doch mal von Deinem Deutschlehrer zeigen, wie man Gedichte schreibt.« Daraufhin wurde der Deutschlehrer Satiriker.

Wolfgang Schallers Auftritte und die seiner Mitstreiter sind auf DDR-Schallplatten nachzuhören, er ist im Fernsehen aufgetreten und hat auch dort als Autor gearbeitet. Er hat überall in Deutschland gastiert - schon, als es noch zwei davon gab -, und hat Bücher veröffentlicht. Trotzdem ist der gebürtige Breslauer doch in Sachsen am berühmtesten. Das ist schade. Dass er uns allen (in beiden Deutschlands) viel zu sagen hatte und hat, beweist sein Buch »Eh ichs vergesse«, das gerade pünktlich zum heutigen 80. Geburtstag im Eulenspiegel Verlag erschienen ist und neben Kabaretttexten aus fünf Jahrzehnten auch viele seiner satirisch-bissigen Zeitungskolumnen enthält. Aktuelle Kommentare tun ihr Übriges.

Auch fürs Amateurkabarett engagierte sich Schaller, schrieb für die »Oderhähne« und leitete zeitweilig das Dresdner Robotron-Kabarett »Die Lachkarte«, wo er »Stumpi« kennenlernte.

Als Autor, Dramaturg und später auch Leiter der Dresdner »Herkuleskeule« wie auch mit Gastspielprogrammen hatte er einiges auszustehen. In den achtziger Jahren entdeckte die Staatssicherheit bei ihm »Wirkungserscheinungen der politisch-ideologischen Diversion«. Aber unter SED-Bezirkschef Hans Modrow war in Dresden manches möglich, was anderswo überhaupt nicht ging. So wurde Schaller 1988 gemeinsam mit seinem Ko-Autor Peter Ensikat sogar Nationalpreisträger und Freunde spotteten nun, die »Herkuleskeule« sei eine »Untergrundorganisation mit hohen staatlichen Auszeichnungen«.

Wolfgang Schaller und Peter Ensikat waren ein unschlagbares Team (kein Kollektiv!). Ihre gemeinsam entwickelten Kabarettprogramme, wie »Bürger, schützt eure Anlagen« (1980), »Auf dich kommt es an, nicht auf alle« (1986) und »Überlebenszeit« (1988) wurden von vielen Kabaretts in der ganzen Republik nachgespielt. Als Ensikat seit den neunziger Jahren die Berliner »Distel« leitete, schrieb Schaller auch fürs Hauptstadtkabarett, das ihm zuvor verschlossen blieb.

Nie vergaß er, dass der Sechsjährige 1945 als »Flüchtling mit lockigem Haar« seine Heimat verlassen musste, und dass er doch in der DDR eine neue Heimat fand. »Ich habe an einen besseren Sozialismus geglaubt. Seitdem weiß ich, wie schön auch für einen Atheisten Glaube sein kann«, schreibt er vielsagend im Vorwort zu »Eh ichs vergesse«. Und er wird nicht müde, auf die Situation heutiger Flüchtlinge hinzuweisen.

Neben vielen farbigen Fotos findet man im Buch Elogen von ehemaligen Mitstreitern, wie Werner Schneyder, Gerhard Polt, Frank Schöbel oder Peter Bause. Natürlich ließ sich seine Frau und »Herkuleskeulen«-Kollegin Birgit Schaller nicht lange bitten, aus dem Nähkästchen zu plaudern. Was Dieter Hildebrandt über ihn schrieb, trifft wohl ins Schwarze: »Er war besorgt um die Erhaltung der Grundidee, eine demokratische Republik zu schaffen, konnte aber nicht schweigen, wenn er diese Idee durch zunehmende Entmündigung der Bürger in Gefahr geraten sah. Wolfgang Schaller ist nicht einen Schritt zurückgewichen. Sein Witz hat ihn geschützt.«

Tatsächlich durfte Schaller reisen, um die Kraft der Satire auch in den Westen zu tragen. »Obwohl sie nicht ganz verbergen konnten, dass sie aus dem Osten kommen, erreichten sie doch westdeutsches Spitzenniveau«, zitiert Hansgeorg Stengel eine Münchner Zeitung, als Wolfgang Schaller mit dem Wernigeröder Buchhändler und Chansonnier Rainer Schulze und seinem damaligen Parteisekretär Wolfgang Stumph 1988 in der bayerischen Landeshauptstadt gastierte. Mit beiden ist er bis heute befreundet, und es verbinden sie wohl nicht nur alte Erinnerungen, sondern auch die Weltsicht, die damals kritisch war und es heute um so mehr ist.

Inzwischen hat Wolfgang Schaller viele Auszeichnungen erhalten. Gemeinsam mit Ensikat bekam er nicht nur aus Honeckers Händen den Nationalpreis, sondern auch von Steinmeier einen »Stern der Satire« am Deutschen Kabarettarchiv in Mainz. Er ist Ehrenkommissar der sächsischen Polizei, und am meisten freute er sich, dass er 2018 in einer Leserumfrage zum »Dresdner des Jahres« gewählt wurde. Er schreibt weiter, aber mit dem Kabarettgeschäft soll sich von diesem Jahr an Sohn Philipp Schaller herumplagen. Dass er das ausgerechnet in Pandemie-Zeiten übernimmt, haben sich beide nicht träumen lassen.

Wolfgang Schaller: Eh ichs vergesse - Satirische Zeitensprünge, 256 S. mit vielen farbigen Abb., Eulenspiegel Verlag Berlin 2020, 15 €.

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