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»Wir sind sehr besorgt um die Frauen«

Lucy Polo Castillo über die Gefahren zunehmender machistischer Gewalt während der Ausgangssperre in Spanien

  • Von Carmela Negrete
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Regierung hatte angekündigt, Frauen in Hotels zu beherbergen, die Opfer von ihrem Partner während der Ausgangssperre werden. Wie funktioniert zurzeit diese Maßnahme?

Der Plan sieht vor, Frauen in Hotels oder Hostels unterzubringen, wenn die Plätze in Frauenhäusern belegt sind. Man geht davon aus, dass es mehr Frauen sein werden, die Hilfe brauchen. Diese Zimmer werden auch für Frauen angeboten, die nicht akut von Gewalt bedroht sind, aber die Opfer von Menschenhandel waren oder als Prostituierte beschäftigt waren. Die Behörden sind gerade dabei, die Plätze zu vergeben. Wir haben schon viele Anträge gestellt.

Frauen können auch in der Apotheke um Hilfe bitten. Wie läuft das ab?

In der Ausgangssperre darf man nur rausgehen, um Lebensmittel oder Medikamente zu kaufen. Deswegen darf man zur Apotheke. Die betroffene Frau kann dort einen »Mundschutz 19« bestellen. Das ist das Codewort und die Apothekerin weiß dann, dass sie den Notruf wählen muss. Die Idee kam vom Apothekerverein aus Teneriffa, der damit den Frauen helfen wollte, die zurzeit zu Hause Gewalt ausgesetzt sein könnten.

Haben Sie seit dem Inkrafttreten der Ausgangssperre mit ihrem Verein zum Schutz von Frauen mehr zu tun?

Wir haben eine besondere direkte Telefonnummer eingerichtet, um den Frauen so schnell wie möglich in dieser Situation zu helfen. Viele Migrantinnen müssen mit dem Täter leben. Oft hängt ihr legaler Aufenthaltsstatus von ihrem Mann ab. Wir haben Anwälte und Psychologen in unserer Hotline. Die Kinder sind von der Situation auch betroffen, sofern sie noch zuhause leben. Ein weiteres Problem stellen die Besuche von gewalttätigen Männern dar, die aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen sind. Deshalb hat die Regierung für die Zeit der Ausgangssperre eine neue Maßnahme verkündet: Die Frau darf die Besuche absagen, wenn es Anzeigen gegen den Mann gab und er muss sich daran halten. Wir sind als Organisa tion sehr besorgt über die Frauen, die dieses Grauen zurzeit erleben müssen.

Wie ist die Situation der Frauen, die illegal als Prostituierte arbeiten.

Normalerweise arbeiten wir auch für viele Prostituierte, die unsere Beratung in Anspruch nehmen. Wir machen uns Sorgen, weil viele von denen zurzeit weiter ohne jeglichen Schutz arbeiten. Die Hotelzimmer als Unterkunft für sie war eine Maßnahme, die die Regierung durchgesetzt hat, weil wir als Organisationen es gefordert haben. Denn viele Prostituierte, die in Klubs gearbeitet hatten, waren plötzlich obdachlos.

Viele Nichtregierungsorganisationen und Vereine in Spanien verteilen zurzeit Lebensmittel, obwohl sie das vor der Ausgangssperre und der Corona-Pandemie nicht gemacht hatten. Auch Sie?

Ja. Die meisten Frauen, denen wir helfen, rund 70 Prozent der Migrantinnen, haben einen unklaren Status. Sie haben keine Papiere und deshalb bekommen sie keine staatliche Hilfe. Viele von denen hatten als Pflegerinnen oder als Haushaltshelferinnen schwarz gearbeitet. Nun, wo man überall einen Passierschein zeigen muss, haben viele Angst bekommen, dass ihr illegales Tun bekannt wird und sie auffliegen. Das war aber ihre einzige Einnahmequelle und nun haben sie deshalb kein Geld mehr für das Lebensnotwendige wie Essen. Wir selber haben noch keine Verteilung organisiert. Aber wir arbeiten mit anderen Organisationen zusammen, die gerade versuchen, diese Lücke zu schließen. Wir machen Druck, damit sie auch Hilfe bekommen, obwohl sie keine Papiere haben.

Werden Migrantinnen medizinisch behandelt?

Die Situation hat sich mit der Pandemie. Davor hatten wir manchmal Stress, wenn sie keine Versicherung hatten und Hilfe brauchten. Nun werden alle behandelt.

Wie ist die Situation im Abschiebegefängnis von Valencia?

In diesem Gefängnis werden Migranten eingesperrt, nur weil sie keine Papiere haben. Bis vor wenigen Tagen gab es noch einige Inhaftierte, nun sind alle dort endlich frei. Aber in Spanien gibt es noch andere Abschiebegefängnisse, die noch offen sind. Diese Kriminalisierung in Zeiten der Corona-Pandemie ist nicht menschlich. Sie haben keine Verbrechen begangen. Im Gegenteil, sie haben hier gearbeitet.

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