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Flagge zeigen gegen den Hunger

Kolumbianer setzen in der Quarantäne auf Nachbarschaftshilfe - staatliche Unterstützung kommt oft nicht an

  • Von David Graaff, Medellín
  • Lesedauer: 3 Min.

Rote Fahnen sind in Kolumbien zum Symbol für den Hunger geworden. Notleidende Familien, die aufgrund der Ausgangssperre keine Einkünfte mehr haben, hängen sie aus den Fenstern ihrer Wohnungen oder an das Dach ihrer einfachen Behausungen.

»Wir wissen nicht mehr, wovon wir unsere drei Kinder versorgen sollen«, sagt Paola Idrobo, die in einer einfachen Holzhütte im Armenviertel La Torre in Medellín lebt, Kolumbiens zweitgrößter Stadt. Sie und ihr Mann gehören wie viele in ihrer Nachbarschaft zu den rund 13 Millionen Menschen in Kolumbien, die laut Zahlen des Nationalen Statistikamtes DANE im informellen Sektor arbeiten. Das entspricht knapp der Hälfte der arbeitenden Bevölkerung. Sie leben von dem, was sie täglich verdienen. Als Mechaniker, Müllsammler, Bauarbeiter oder Straßenhändler.

»Oft leben die Familien mit mehr als zehn Personen aus mehreren Generationen auf engstem Raum«, erklärt der Vertreter der Bewohner des Viertels La Torre, Carlos Mesa, der an diesem Tag Lebensmittel und Hygienemittel an die Bedürftigsten verteilt, für die private Spender gesammelt haben. »Die Stadtverwaltung hat sich hier bislang noch nicht mit den versprochenen Lebensmittelhilfen blicken lassen und die von der Regierung angekündigten Bargeldzuschüsse reichen besonders für große Familien nicht aus, wenn sie überhaupt bei ihnen angekommen sind.«

Umgerechnet mehr als 50 Millionen Euro will die Regierung von Präsident Iván Duque für Hilfen und Unterstützung zur Bewältigung der Folgen der Corona-Pandemie ausgeben. Zusätzlich rund 23 Millionen Euro sollen aus dem Verteidigungshaushalt in die Corona-Maßnahmen fließen.

Doch das Prestigeprojekt »Solidarisches Einkommen«, eine Auszahlung von Direkthilfen an rund 3 Millionen Menschen, stockt. Weil die Datenbanken fehlerhaft waren, musste die Ausgabe der Einmalzahlung von umgerechnet 37 Euro gestoppt werden. Rund 1,8 Millionen Bedürftige warten deshalb nach wie vor auf Unterstützung, wie die Wochenzeitung »Semana« berichtete. Auch die von lokalen Behörden angekündigten Lebensmittelhilfen und finanzielle Zuwendungen kommen nur allmählich - rund vier Wochen nach Einführung der Quarantänemaßnahmen - bei den Bedürftigen an.

Um die bereits grassierende Korruption und Klientelismus zu vermeiden, wollen die Verwaltungen Sorgfalt walten lassen und nur offizielle Register verwenden. Das kostet Zeit und erfasse, so Kritiker, nicht alle Bedürftigen. Zudem fehlt es den Bürgermeistern und Gouverneuren an Geld. Auch weil der Nationalstaat in der Krise Mittel an sich gebunden hat, die für die Gebietskörperschaften bestimmt waren, buhlen sie nun um Privatspenden. In der Hauptstadt Bogotá kamen so in nur 24 Stunden umgerechnet rund zwölf Millionen Euro zusammen.

Unterdessen wachsen insbesondere bei der armen Bevölkerung Hunger und Unmut. Landesweit kommt es vor allem in den Armenvierteln der Großstädte seit Wochen zu Straßenblockaden und einzelnen Auseinandersetzungen mit Polizeieinheiten. Medien berichten zudem über Plünderungen von Supermärkten und Lebensmitteltransporten.

Basisorganisationen und linke Politiker fordern unter anderem die Einführung eines Grundeinkommens, um den Widerspruch zwischen sozialer Notlage und notwendigen Schutzmaßnahmen in dem Land mit der größten sozialen Ungleichheit auf dem südamerikanischen Kontinent aufzulösen. Ihr Slogan: »Quarantäne ja, aber ohne Hunger«.

Erst zum Wochenanfang hatte Präsident Duque die geltende Ausgangssperre bis zum 11. Mai verlängert. »Die Zahl der Todesfälle und Fälle pro eine Million zeigen eine gute Entwicklung und auch der Trend der Zahl der pro Tag positiv Getesteten verbessert sich«, sagte Duque. Laut Angaben des Nationalen Gesundheitsinstituts haben sich bislang 4149 Personen mit dem Coronavirus infiziert, 196 sind an den Folgen von Covid-19 gestorben. Die Reproduktionsrate ist auf 1,5 gesunken. Kritiker weisen jedoch auf die hohe Dunkelziffer hin. Laut einer Gruppe von Wissenschaftsjournalisten standen zudem zu Wochenbeginn noch etwa 3000 Testergebnisse aus.

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