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Eine unvergessliche Reise trotz Corona

Trotz allem hatten wir riesiges Glück

Wie Corona die Teilnehmer der vorerst letzten nd-Leserreise in Vietnam einholte

Von Heidi Diehl

Geplanter Reisebeginn war der 11. März. Losgeflogen sind Sie aber bereits einen Tag früher. Warum?

Aeroflot hatte wegen Corona den eigentlichen Flug gecancelt. Davon erfuhren wir wenige Tage vor Reisebeginn. Bis auf vier Teilnehmer, die aus Angst vor der Pandemie stornierten, waren alle pünktlich an Bord.

Haben Sie nicht auch darüber nachgedacht, die Reise abzusagen?

Nein, obwohl mir sowohl mein Arzt als auch meine Frau ins Gewissen geredet haben. Aber ich konnte doch die Gruppe nicht im Stich lassen. Und wir wussten ja nicht, wie sich die Situation in den nächsten Tagen entwickeln würde.

Wie war die Anreise?

Problemlos. Wir kamen pünktlich in Moskau an und flogen von dort weiter nach Hanoi. Dort gelandet, wollten wir uns Visa besorgen, denn wir hatten vom Reiseveranstalter gehört, dass ab diesem Tag in Vietnam Visapflicht herrscht. Doch außer Fiebermessen und ein Formular ausfüllen war nichts. Wir waren die Letzten, die ohne Visum einreisen durften.

Sie waren einen Tag früher in Vietnam, gab es dadurch Probleme?

Nein, im Gegenteil. Wir hatten einen Tag gewonnen, den wir nutzten, um uns auszuruhen. Der Veranstalter, GR-Reisen, hatte bereits ein Hotel für die nicht geplante Nacht in Hanoi gebucht. Ich nutzte die gewonnene Zeit auch, um für die Mitreisenden einen einführenden Vortrag zu halten.

Am 12. März sollten Sie nach Da Nang weiterfliegen.

Sind wir auch. Zu der Zeit flogen die Maschinen noch planmäßig, auch ansonsten war am Flughafen kaum etwas von Corona zu spüren. In Da Nang allerdings merkte man deutlich, dass viel weniger Touristen da waren, als noch vor einem Jahr. Insbesondere kaum Chinesen.

Konnten Sie dort alles so machen, wie es der ursprüngliche Reiseverlauf vorsah?

Nicht ganz, es gab schon erste Einschränkungen. Aber unser fantastischer vietnamesischer Reiseleiter Thi, der auch schon die Gruppen im letzten Jahr begleitete, hat sich unglaublich um uns gekümmert. Fiel ein Programmpunkt weg, weil Einrichtungen geschlossen werden mussten, fand er etwas Neues, ebenso Interessantes.

Hatten Sie keine Angst, sich irgendwo anzustecken? Seit dem Abflug der Gruppe hatte sich die Situation ja dramatisch verändert.

Natürlich war da ein etwas mulmiges Gefühl, aber Angst hatte wohl keiner von uns. Dank Thi, der für uns Gesichtsmasken und Desinfektionsmittel besorgt hatte, fühlten wir uns gut aufgehoben. Und selbstverständlich haben wir peinlichst auf Hygiene geachtet.

Wurden viele Programmpunkte gestrichen?

Anfangs lief noch fast alles nach Plan. Wir waren im Mekongdelta, haben die schwimmenden Märkte von Can Tho gesehen. Der geplante Besuch bei Gastfamilien fiel verständlicherweise aus. Niemand hat sich darüber beschwert.

Für Sie war es ja - wie schon bei den beiden Reisen im letzten Jahr - auch ein Wiedersehen mit vielen Orten, an denen Sie als Kriegsfotograf waren. Wie war das für Sie?

Das waren immer sehr emotionale Momente. Natürlich habe ich mich mental darauf vorbereitet - dennoch, wenn man dann da ist, kommen lang verschüttete Erinnerungen zurück. Wie zum Beispiel beim Besuch des Tunnelsystems von Cu Chi, das im letzten Krieg den Menschen Schutz bot. Normalerweise sind dort Massen von Touristen, diesmal waren wir so gut wie allein. Es war eine besondere Atmosphäre, für mich eine besonders emotionale. 1975 war ich dort als Kriegsfotograf. Wenngleich sich vieles verändert hat, hatte ich die Bilder von damals sofort wieder vor Augen.

Die letzten Tage verbrachten Sie in Ho-Chi-Minh-Stadt, dem früheren Saigon. Zu der Zeit herrschte in Deutschland schon Ausnahmezustand. Wie sah es dort aus?

Auch dort schlossen immer mehr Einrichtungen. Noch war die Stadt aber nicht lahmgelegt, doch man konnte schon deutlich erkennen, dass die Situation von Tag zu Tag komplizierter wurde.

Wie zum Beispiel?

Bis zum vorletzten Tag unserer Reise konnten wir uns noch frei bewegen und viele geplante Touren machen. Bei anderen fanden wir einen guten Ersatz. Kritisch wurde es am 20. März, dem letzten Tag unserer Reise. Da kam zum ersten Mal so etwas wie Nervosität auf.

Weswegen?

An diesem Tag machte die Stadt alles dicht, auch die Hotels. Wir durften nicht mehr raus, das Haus wurde von der Polizei kontrolliert. Keiner wusste, was wird. Ich habe versucht, mit GR-Reisen und auch mit nd-Leserreisen telefonisch Kontakt aufzunehmen - leider vergeblich. Dann hörten wir über die offiziellen vietnamesischen Kanäle, dass keine Flugzeuge mehr das Land verlassen dürfen. Das war schon eine angespannte Situation.

Und dann?

Erst mal versuchte ich, die Leute zu beruhigen. Da wir ohnehin nicht mehr tun konnten, als auf weitere Informationen zu warten, habe ich einen dreistündigen Vortrag gehalten und ein paar Filme gezeigt, die ich mitgebracht hatte. Doch natürlich half das nicht darüber hinweg, dass sich alle fragten, wann wir wieder nach Hause kommen. Die Ungewissheit war zermürbend.

Wie ging es weiter?

In der Nacht rief mich GR-Reisen an und teilte mir mit, dass unser Flug am nächsten Tag doch geht. Was für eine Erleichterung für alle, als ich sie am Morgen informierte. Via Moskau landeten wir am 22. März pünktlich in Berlin-Schönefeld mit der letzten planmäßigen Maschine. Wir hatten riesiges Glück.

Wissen Sie, wie es den Reiseteilnehmern heute geht?

Wir alle haben uns sofort nach der Ankunft in freiwillige Quarantäne begeben. Seitdem haben wir telefonischen Kontakt - uns allen geht es gut.

Diese Reise werden Sie bestimmt nicht vergessen.

Garantiert nicht, doch nicht nur wegen der besonderen Umstände. Auch weil es eine großartige Reisegruppe war. Jedem Einzelnen merkte man die Begeisterung für Land und Leute und das große Interesse für die Geschichte Vietnams an. Einige waren sogar schon das zweite Mal mit mir auf Spurensuche.

Gespräch: Heidi Diehl

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