Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.

Wiederentdeckung der Leichtigkeit

Mona Høvring lässt ihre mutterlose Heldin sich freischwimmen

Als ich neun Jahre alt war, lernte ich schwimmen. Meine Mutter brachte es mir im Traum bei, da war sie schon tot.

In dem Traum spielten der Nachbarsjunge und ich mit Murmeln. Ich war gut und hatte schon mehrere Runden gewonnen, als meine Mutter mich rief. Sie stand unten an der Straße. Ich unterbrach das Spiel sofort, ließ die kostbaren Glasmurmeln liegen und lief zu ihr. Sie drückte mich an sich und fragte, ob wir baden gehen wollten. Im Einkaufsnetz hatte sie alles dabei, was wir brauchten: unsere Badeanzüge und die großen, hellblauen Handtücher, die immer so rau waren, weil sie draußen in der prallen Sonne und dem rastlosen Wind auf der Leine zum Trocknen aufgehängt wurden. Sie hatte kalten Saft in der Thermosflasche, eine alte Zeitung und ein paar Holzscheite. Es war ein Wunschtraum. Ich war so glücklich.

Am Strand machten wir zwischen den Steinen ein Feuer. Wir zogen die Badeanzüge an und gingen ins Wasser.

- Es ist lauwarm, sagte ich. Wir sind wohl auf eine warme Quelle gestoßen.

- Vielleicht hat das Feuer das Meer aufgewärmt, meinte meine Mutter.

Als wir weiter draußen waren, zeigte sie mir, wie ich Arme und Beine bewegen musste. Die rechte Hand hielt sie unter mein Kinn, die linke unter den angespannten Bauch.

- Du musst nicht zappeln, sagte sie. Es ist nicht nötig, dass du dich so anstrengst.

Sie sprach ruhig, sagte, ich solle mich vom Wasser tragen lassen, dürfe das Atmen nicht vergessen.

- Wenn du die Luft anhältst, gehst du unter.

Es war, als glitte ich in ein anderes Dasein hinein. Für kurze Zeit bewegte ich mich in einer neuen Wirklichkeit, aber kaum hatte ich gesagt, jetzt könne sie mich loslassen, jetzt könne ich schwimmen, wachte ich auf, und obwohl es noch Nacht war, verließ ich das Bett, nahm den Badeanzug aus der Kommode und schlich mich aus dem Schlafzimmer.

Im Bad nahm ich ein Handtuch von der Trockenleine. Ich fand die Bademütze nicht, schnappte aber die gerüschte Duschhaube, die auf der Badewannenarmatur hing. Ich zog sie gleich über und musste mich etwas mühen, bis ich die langen, hellbraunen Haare unter den Haubenrand gestopft hatte.

Das Badezeug packte ich in den Sportbeutel. Ich hatte ihn im Handarbeitsunterricht genäht, er war aus Leinen, mit Kreuzstich waren ein geschnörkeltes L und ein ebenso geschnörkeltes S darauf gestickt, unter diese Initialen hatte ich zwei Margeriten gestickt, die aussahen, als ob sie im Wind wippten. Ich ging in die Küche, holte Erdbeermarmelade aus dem Kühlschrank und Brot aus der Brotdose. Ich schnitt zwei dicke Scheiben ab und schmierte sie. Das steife Butterbrotpapier wurde klebrig, weil die Marmelade herausquoll, aber ich machte ein Gummiband drum, damit alles zusammenhielt. Bevor ich ging, schrieb ich meinem Vater mit dem Zeigefinger eine Nachricht auf die beschlagene Fensterscheibe:

Lieber Papa

ich bin baden gegangen

herzliche Grüße

Laura

Ich hatte noch Platz für ein kleines Herz und malte einen Pfeil durch. In den letzten Wochen hatte ich überall Herzen gezeichnet; auf den Ranzen, den Rücken der gelben Regenjacke, die Innenseite meines Handgelenks. Im engen Flur schlüpfte ich in die Stoffschuhe. Ich blieb einen Moment stehen und hörte auf den plätschernden Regen. Plötzlich bildete ich mir ein, dass da draußen jemand herumlief und schluchzte, eine Kinderschar, die voll Kummer umherstreifte, und obwohl ich wusste, dass es nur das Unwetter war, zögerte ich kurz, bevor ich die Haustür öffnete und in die Dunkelheit hinausging. Ich kannte den Weg, weil meine Mutter mit meinem Bruder Magnus und mir oft lange Strandspaziergänge gemacht hatte. Sie sang fast immer, ihre Stimme war schön und sicher. Einmal fragte ich sie, ob sie ein Gesangsstern werden wolle, da antwortete sie, dass sie wohl eher ein Seestern werden würde, wuschelte mir durchs Haar und lachte.

Als ich am Strand war, zog ich den Badeanzug an, legte meine Kleider in den Sportbeutel und lief zum Wasser hin unter. Als es mir bis zum Nabel reichte, begann ich zum ersten Mal in meinem Leben zu schwimmen. Das Meer war kalt, aber daran gewöhnte ich mich schnell. Ich machte die Bewegungen, die ich gerade im Traum gelernt hatte, es war ganz einfach, es war genau, wie ich mir vorgestellt hatte.

Ich prüfte immer wieder, ob ich noch Grund unter den Füßen hatte und kehrte erst um, als ich merkte, dass ich nicht mehr stehen konnte. Da begann ich zurückzuschwimmen. Mein Atem ging schneller, ich schluckte Wasser und begann, mit Armen und Beinen zu schlagen. Jetzt sterbe ich, dachte ich, mein Körper wurde ganz steif und wollte sich nicht mehr tragen lassen. Verschreckt und verzweifelt krümmte ich mich zusammen. Mein Knie traf auf etwas Weiches. Ich richtete den Oberkörper auf und fand auf dem Sandboden das Gleichgewicht wieder, so blieb ich stehen, kniend, wie das Mädchen auf dem Bild über meinem Bett. Aber hatte ich keinen Engel vor mir. Ich hatte nur die Nacht, den Strand und die Steine am Ufer.

Ich richtete mich auf und ging an Land, nahm frierend das Handtuch aus dem Sportbeutel und wickelte mich ein, setzte mich auf einen Stein und holte das Brot heraus. Ich erinnerte mich an etwas, das passiert war, als ich fünf oder sechs Jahre alt war. Ich stand nackt im Sand und sah zu meiner Mutter, die ein zwischen den Steinen ein Feuer machte. Wir hatten ein windgeschütztes Eckchen gefunden, aber ich bibberte und zitterte so sehr, dass ich mit den Zähnen klapperte. Als meine Mutter das Feuer angezündet hatte, richtete sie sich auf.

- Ach, mein kleines Strandnelkchen, sagte sie. Bibber, bibber. Sie lächelte und machte mich nach, stellte sich mit steifen Beinen und hochgezogenen Schultern hin, hielt die Arme gerade, ein wenig von der Hüfte abgespreizt, und zitterte am ganzen Körper. Sie war so schön, meine Mutter, muskulös und üppig. Ihre Brüste wölbten den Badeanzug. Ach, sie waren so wunderbar. Ich dachte, dass ich auch solche haben wollte.

- Bibber, bibber, sagte sie wieder und fing an, mich von oben bis unten abzurubbeln, auf einmal sah ich ihr Skelett, sah durch alles hindurch, durch all das Runde und Weiche, durch ihre Haut, rosa wie Quallen, durch die Muskeln, die klumpigen Wurzeln glichen, Adern wie bläulich rote Flüsse, die vielarmigen Sehnen; erfrorene und grauweiße Zweige, die Lunge, die an Tang und Algen, Seegras, meeresleuchtende Flimmerhärchen denken ließen, winzig kleine Muscheln hingen in langen, pfirsichfarbenen Fasern. Rischel, raschel hörte ich es von da drinnen, aber ich sagte es ihr nicht, erzählte ihr nicht, was ich sah, denn ich wollte nicht, dass sie traurig wurde. Stattdessen schloss ich die Augen, und sie begann zu singen, ihre Stimme war klar und warm. Als der Gesang verstummte, schaute ich sie an; sie war nicht mehr durchsichtig, jetzt hatte sie wieder ihre Stirn und ihre Wangen, das nasse Haar und die runden Schultern.

Ich habe zwei Fotografien, die mein Vater kurz vor meiner Geburt gemacht hat. Das eine zeigt Spuren meiner Mutter im Sand, deutliche Abdrücke ihrer kleinen Füße. Auf dem anderen Foto schaut sie über das Meer. Ihre Haare sind zerzaust, sie hat die Hände in den Rücken gestemmt, der Bauch unter dem türkisfarbenen Mantel ist groß und ragt weit vor. Es wirkt, als friere sie, aber das Licht ist warm, weich und körnig, ich glaube, sie lächelt. Etwas hinter ihr im Sand sitzt mein Bruder Magnus. Er trägt eine Ohrenklappen-Mütze aus hellblauem Nylon, einen weißen Eskimopullover mit buntem Muster und über den Windeln eine braune Cordhose. In der Hand hält er, wie die meisten Kinder, wenn sie am Strand sind, eine Schaufel. Die Schaufel ist knallrot in seiner Marzipanhand, das kugelrunde Gesicht wirkt froh und zufrieden. Dieses Bild macht immer, dass ich mir meine Mutter als gemütlich und freundlich vorstelle. Ich habe entschieden, mich so an sie zu erinnern.

Sie starb im Sommer. Noch immer sehe ich sie vor mir, wie sie aus dem Haus geht, am Apfelbaum vorbei, die kleine Steigung zum Gartentor hinauf. Vielleicht blieb sie, wie so oft, vor dem Unterwäschegeschäft stehen, vielleicht betrachtete sie ein Weilchen all das Schöne, das sie dort verkauften, bevor sie weiterging, vorbei an der Apotheke, dem Telegrafenamt, dem Bethaus. Vielleicht war es so, vielleicht nicht. Woran ich mich erinnere ist, dass ich in die erste Klasse ging und es ein klarer Tag war. Ich trug ein Kleid. Ich erinnere mich an das Flattern des Stoffes, die leichten Liebkosungen meiner Knie. Magnus kam zur Schule und holte mich, bevor die letzte Stunde vorbei war. Er sagte nicht viel, nur, dass ich mit ihm nach Hause gehen müsse, sein Gesicht verriet nichts. Wir liefen schnell. Ich weiß nicht warum, aber ich war voller Erwartungen. Ich sah ein Paket vor mir, vielleicht ein Geschenk.

Als wir nach Hause kamen, war es dort nicht wie sonst. Wir hörten Stimmen aus der Küche, sie waren leise, sie murmelten, als tauschten sie Geheimnisse aus. Magnus ging mit mir ins Wohnzimmer, da blieben wir sitzen und warteten. Es war warm und stickig, ich fing an zu schwitzen. Mir fiel ein, das ich im Ranzen draußen im Flur eine Flasche Saft hatte. Ich holte sie, und als ich zurückkam, setzte ich mich versehentlich auf das Heizöfchen. Morgens war es kalt gewesen, jemand hatte das Öfchen angemacht und vergessen, es wieder auszuschalten. Der Zischlaut klang wie eine fauchende Kreuzotter, die man überrascht hatte, wie eine wütende Katze. Es roch versengt, und ich schrie. Mein Vater kam aus der Küche. Er war kreidebleich, ich schob das darauf, dass er wusste, wie weh es tat, sich zu verbrennen.

- Was hast du ihr gesagt?, fragte er und packte Magnus fest am Arm.

- Nichts, sagte Magnus. Sie hat sich am Ofen verbrannt. Vater hob mein Kleid hoch, und ich drehte mich so, dass ich es auch sehen konnte. Ich hatte rote Streifen auf den Oberschenkeln. Als ich das sah, hörte ich auf zu weinen. Es brannte und schmerzte, aber ich wollte tapfer sein.

Mona Høvring:
Was helfen könnte
Aus dem Norwegischen von Ebba D. Drolshagen
Verlag Editionfünf, 144 S., geb., 19,00 €

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung