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Fahrräder für den Westen

Maria Charlotte Wulff beschreibt lange Leben an der Ostseeküste

  • Lesedauer: 8 Min.

Im September 1979, so früh wie in jedem der vorangegangenen Jahre, hatte für Regina Meyer die wenig erbauliche Vorweihnachtszeit begonnen.

Um reiche Gabentische zum bedeutendsten Fest des Jahres bemüht, waren die meisten Eltern monatelang gezwungen, sich die Hacken abzulaufen. Ohne derlei Beharrlichkeit wären ihnen enttäuschte Kinderaugen vor dem Weihnachtsbaum beschert worden. Das galt es zu vermeiden. Man streifte durch die Kaufhäuser der Bezirksstädte oder der Hauptstadt Berlin und suchte nach Anregungen. Erwarb nicht, was man sich wünschte, was die Kinder sich wünschen würden, wären sie nicht schon längst wegen der Mangelwirtschaft der DDR zu notbescheidenen Wesen geworden. Man kaufte, was es zufällig gerade oberhalb des Ladentisches zu ergattern gab. Erhielt knappe Waren von darunter, sogenannte Bückware, gehörte man zu der Spezies, die selber Beziehungen zu seltenen Kostbarkeiten hatte, mit denen man (ver)handeln konnte.

Die Meyers hatten nicht das Glück, mit Aal oder Holzbrettern bestechen oder tauschen zu können. Die Mutter musste Geduld und Demut aufbringen, sich mit dem begnügen, was sie zufällig zu fassen bekam. Zu diesem Weihnachtsfest hatte sie ein Kleinkinderfahrrad erstanden und im Keller des Wohnblocks im Neubauviertel Großer Dreesch, in dem die vierköpfige Familie wohnte, versteckt. Sie war beglückt. Ein Schmuckstück war ihr in die Hände gefallen!

Es hatte einen elegant hochgezogen verchromten Lenker, einen weißen langgestreckten geriffelten Sattel, der an einer umgestülpten, ebenfalls verchromten, Gabel auf unterschiedliche Höhen einzustellen war. Sie konnte anfangs als Rückenstütze dienen. Weiß ummantelte Bremskabel reichten von den beiden Handgriffen zum Vorderrad und, wann würde es etwas Derartiges je wieder geben, sogar zum Hinterrad. Das Rädelchen hatte einen Gepäckträger, auf dem ein Geschwisterkind würde sitzen und sich an der Gabel für den Sitz bequem festhalten können. Weiße Kappen an den Enden zierten die rot lackierten Schutzbleche, und Stützräder garantierten eine lange Nutzungszeit. Unglaublich schwer war das Ding; man hatte bei der Materialqualität nicht gespart. War es womöglich deshalb zu kaufen gewesen? Als Exportartikel hergestellt und wegen Übergewichts nicht abgenommen? Das runde Schild einer unbekannten Firma ließ darauf schließen. Regina Meyer war das schnuppe, lange zu überdenken war die Angelegenheit nicht, Minuten später hätte eine andere Mutti zugegriffen. Ihr war auch schnuppe, dass der Sohn, für den sie das Fahrrad kaufte, gerade erst im September ein Jahr alt geworden war. Es war so wunderschön und beeindruckend, das Kind würde schon zu ihm hinaufwachsen. An der Klingel hätte es sicher schon jetzt sein Vergnügen.

Die Mutter sah dem Weihnachtsfest gelassen entgegen. Der Sohn war bedacht und für die große Tochter, gerade Schulkind geworden, würde es Vielerlei aus Westpaketen geben, insbesondere einen sonnengelben Teddymantel mit breitgeripptem Kord an den Ellenbogen. Dass die weiteren Geschenke der Eltern aus HO und Konsum eher nützlichen Charakters waren, würde das Mädchen verschmerzen. Und wenn es in den letzten Dezembertagen noch Überraschungen zu kaufen gäbe, umso besser. Was Regina Meyer Sorgen bereitete, waren Apfelsinen, gar Mandarinen, ach, hätte sie die nur endlich! Haselnüsse, Walnüsse, Lebkuchen, Schokokringel mit bunten Streuseln, Schokoladenweihnachtsmänner und Pfeffernüsse sowie Äpfel hatte sie für die bunten Pappweihnachtsteller beisammen. Was war das alles ohne die orangenen Köstlichkeiten?

»Regina, es gibt Apfelsinen!!!« Mit diesem euphorischen Ruf, zwei Wochen vor dem Fest, zeigt eine befreundete Kollegin von der oberen Etage des Büros des Schweriner Bezirksbauamtes, das im linken Flügel des herzoglichen Marstalles untergebracht ist, zwei Beutel voller prächtiger Navelapfelsinen. »Ich hab’ mich zweimal angestellt. Lauf los, vielleicht hast du noch Glück.« Regina Meyer hat ihren Arbeitsplatz im einzigen Büro, das im Souterrain des Gebäudeflügels untergebracht ist. Karlchen sitzt ihr dort gegenüber, ein kleiner knurriger Kollege, kurz vor dem Rentenalter. Manchmal zog der eine uralte Packung »Papirossa« aus der untersten Schreibtischschublade und erzählte Geschichten aus seiner russischen Gefangenschaft. Die Packung erinnert ihn an diese schreckliche Zeit. Einmal, als er ausnahmsweise besonders gute Laune gehabt hatte, luchste sie ihm eine davon ab. Die schmeckte nach Zeitungspapier, das man in Schlamm getaucht und anschließend wieder getrocknet hatte. Ekelhaft. Sie ließ es sich nicht anmerken. Später hat ihr der alte Knattersack, wie sie ihn nennt, keine mehr angeboten. Sie waren ihm zu kostbar.

An diesem Dezembertag einfach aufzuspringen und in die Innenstadt zu laufen, ist nicht möglich. Auf der Außentreppe würde sie durch die rechts und links befindlichen Fenster der Büros im Hochparterre entdeckt werden. Besonders von Fritz, ihrem giftigen Abteilungsleiter, der ihr scheinheilig anraten würde: »Was müssen es Apfelsinen aus dem kapitalistischen Ausland sein? Es gibt doch reichlich Apfelsinen aus Kuba. Kauft man die, tut man gleich etwas für unser Brudervolk …« Na ja, die Dinger sind voller Kerne und strohtrocken. Sogar gefährlich. Kinder sollen daran erstickt sein. Ob’s wahr ist? Vorzustellen ist das. Nein, die blassgelbgrünen bis braunen Früchte, die in jedem Obstgeschäft erhältlich sind, will Frau Meyer nicht. Sie will Apfelsinen, bei denen einem der Saft aus den Mundwinkeln tropft, süß und zart, wenig oder keine Kerne. Man kann sie sich nicht aus Hamburg von den Verwandten erbetteln, weil sie gammeln würden. Man muss sie zu Hause frisch erwerben. Heute ist ein Tag, an dem man Glück haben könnte! Karlchen öffnet auf seiner Seite das tief gezogene Fenster, aus dem man leicht nach draußen kommt und grinst verschmitzt: »Hau ab, sieh zu, dass du Land gewinnst! Ich sage, du bist auf dem Klo, wenn jemand nach dir fragt.«

Im Innencarré des Marstalles liegen die Büros des Ratsbereiches für Land-, Forst- und Nahrungsmittelwirtschaft, an das sich das Wohnungsbaukombinat anschließt. Regina schleicht sich an den Wänden entlang, läuft über den Großen Moor in die Puschkinstraße zum Markt und sieht gegenüber der Seite mit dem Rathaus das Ende einer Menschenschlange. Deren Beginn liegt in der Schusterstraße, die zum Weinhaus Uhle führt. Sie stellt sich an ihr Ende. Etwa dreißig Leute scheinen vor ihr in der Kälte geduldig auszuharren. Frau Meyer beginnt schon bald zu frieren, doch das darf heute keine Rolle spielen. Plötzlich geht ein Raunen durch die Ausharrenden. Es hätte keinen Zweck mehr, die Apfelsinen seien demnächst ausverkauft. Man solle sich nicht mehr anstellen. Es gäbe nur noch ein Kilo pro Person, aber die Südfrüchte würden nicht mehr für alle reichen, die in der Schlange stehen.

»Ich gebe nicht auf, vielleicht habe ich noch Glück«, denkt Regina Meyer und schlurft Schrittchen für Schrittchen voran zur Eingangstür des Obstgeschäftes, aus dem triumphierende Einkäufer tröpfeln und mitleidig auf die durchgefrorenen Menschen schauen. Die Eingangstür kommt in Sicht, ihr wird übel. Diese Aufregung! Und stehen kann die dünne Frau sowieso nicht, kippt schnell mal aus den Latschen. Sie setzt sich auf die Stufe vor der Eingangstür, hinter ihr haben die Kunden aufgegeben. Sie nicht. Sie reißt sich zusammen. Und schließlich steht sie im vergleichsweise warmen Laden, rückt auch da Stückchen für Stückchen gen Verkaufstresen, ungerührt von den Mahnungen der erschöpften Verkäuferinnen, die warnen: »Es ist Schluss, nur noch drei Leute bekommen Apfelsinen.« Einige Kunden vor ihr resignieren, verlassen das Geschäft. Sie rückt nach. Warum löst sich die Schlange nicht gänzlich auf? Kartoffeln, Kohl oder Sellerie wird wohl kaum ein Wartender kaufen wollen. Auch die Abfertigung der letzten Glücklichen wartet Frau Meyer ab: passiv, mechanisch, entkräftet. Es könnte schließlich doch noch eine Kiste zum Vorschein kommen. Oder? »Schluss, aus!« Alles umsonst. Der gestandenen diplomierten, üblicherweise beherrschten, Mittdreißigerin schießen Tränen der Wut und Verzweiflung in die Augen. Sie schluchzt hemmungslos den Weg zurück ins Büro. Diesmal durch den Vordereingang hinein in das Gebäude. Wehe, es hätte sie jemand zu kritisieren gewagt! Partei und Regierung wären nicht gut weggekommen.

Die Familie konnte sich zum Weihnachtsfest nicht nur an Apfelsinen satt essen, die es zwei Tage vor dem Fest überraschenderweise in allen Obstgeschäften, ohne lange Warteschlangen, zu kaufen gab, auch Mandarinen prangten auf den bunten Tellern. Der Mutter konnte das die gefühlte Demütigung nicht wettmachen. Es war der blanke Hohn für sie. Wie hätte sie AHNEN können, dass es diese ungewöhnliche Südfrüchteschwemme vor Heiligabend geben würde!?

Mit dem Fahrrad vergnügte sich während der Festtage auf dem Gehweg vor dem Wohnblock die große Schwester. Der kleine Bruder genoss ausgiebig dessen Klingel. War doch schon mal was! Für späteren Gebrauch wurde das Gefährt nach den Feiertagen sorgsam in einem Bettbezug im Keller verstaut.

So harrte das wertvolle Stück seiner eigentlichen Bestimmung. Der Bruder, für den das Teil vergeblich alljährlich zum Frühlingsbeginn hervorgeholt wurde, lernte erst kurz vor der Einschulung mithilfe seiner geduldigen Schwester, damit zu fahren. Als er sich schon fast lächerlich auf dem Ding ausnahm. Die Mutter, jedes Jahr druckvoller und gerade deshalb erfolglos, sah’s konsterniert vom Fenster im fünften Stock.

Der Westen wird recht daran getan haben, der DDR das Fahrrad nicht abzunehmen. Es war einfach nur schön anzusehen.

Maria Charlotte Wulff:
Mäuseköttel … und andere durchaus ernsthafte Erzählungen
Mövenort Verlag, 185 S., kt., 10,00 €

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