Der Iwan und die Platte

Lothar Berg lässt die verlorenen Kinder der »Spätaussiedler« zu Wort kommen

Wie sehr habe ich mir doch in den letzten Monaten diesen Moment so inbrünstig herbeigesehnt. Jetzt ist es soweit … unwiderruflich. Ich presse meine Stirn an das kalte Fensterglas und genieße jeden Stoß, den die eisernen Räder von den Schienen in den Waggon übertragen. Tack … tack … tack … immer schneller … immer schneller. Mein Herz und mein Puls nehmen diesen Takt auf und schlagen im gleichen Tempo. Raus aus dem Bahnhof in Tschimkent und hinein in die unendliche Weite Kasachstans. Endlich. Wir sind auf dem Weg nach Hause … nach Deutschland. Dorthin, wo die Menschen immer nur lachen und dorthin, von wo aus Onkel Iwan ab und zu die kleinen Pakete mit den bunten Sachen und den exotischen Süßigkeiten geschickt hat. Aus einer Stadt mit dem Namen Stuttgart. Tack … tack … tack … schneller in Richtung Schlaraffenland, schneller in Richtung Paradies. Endlich … nun komm, nun mach schon …

Die Aufregung legt sich langsam und die Kälte an der Stirn tut ein wenig weh. Das harte tack … tack … tack geht in dem Stimmgewirr im Waggon unter. Hier sind alle nur möglichen Nationen unterwegs … Russen, Turkmenen, Usbeken, Kurden, Kasachen, Koreaner und noch einige mehr. Genauso ein Durcheinander wie mit den Sprachen, ist es auch mit den Gerüchen. Irgendwo schnarcht jemand, ein Huhn gackert und ein Hund knurrt unter einer Bank, als ihn ein Strahl Kautabak nur um Haaresbreite verfehlt. Ich warte immer noch auf das Gefühl … dieses Gefühl, das mir bestätigen soll, dass alles so richtig ist.

Ich schiele hinüber zu Wladimir, meinem acht Jahre älteren Bruder. Er sitzt mir gelangweilt gegenüber, betrachtet seine Umgebung unter halbgeschlossenen Augenlidern hervor. Es scheint als würde er taxieren, zu wem er während der Fahrt Kontakt knüpfen kann, um vielleicht ein Spielchen oder ein Geschäft machen zu können. Wladimir scheint unbeeindruckt von unserem Vorhaben. Er sitzt da … gleichmütig, fast lethargisch … wie sonst auch. Neben ihm macht André, der älteste von uns dreien, ein ernstes Gesicht. Er gibt sich Mühe, seine Anspannung zu verbergen, aber wir wissen alle, wie schwer es ihm gefallen ist, seine Freundin Svetlana zurück zu lassen. Ab und zu wirft er einen Blick aus dem Fenster, als würde er hoffen, dass sie irgendwo dort draußen wartet, um mitfahren zu können.

Unsere Mama, Maria, kramt in den großen Taschen herum, die sie auf ihrem Schoß und zwischen den Knien balanciert. Sie ist ständig etwas am Auspacken, wieder einwickeln und von einer Tasche in die andere zu verstauen. Und nein, weder Wladimir, noch André, noch ich wollen jetzt schon ein Stück Blutwurst … auch 10 Minuten später noch immer nicht. Ich spüre, dass etwas nicht stimmt und streichele kurz Mamas Hände. Sie lächelt und hält mir einen Apfel hin. Obwohl ich keinen Appetit auf den Apfel habe, nehme ich ihn und über Mamas Gesicht gleitet ein kleines Lächeln. Ich sehe die kleinen Farbflecken an ihrem Handgelenk und ein paar winzige auf ihren Fingern und erinnere mich daran, wie sie noch bis zum letzten Moment die Tür unseres Hauses in Togus gestrichen hat. Praktisch noch bis Papa die Koffer und Taschen aufgeladen hatte. Ich glaube am liebsten hätte sie den Pinsel mitgenommen. Der Apfel ist saftig und ein wenig vom Saft läuft mir über das Kinn. Mama ist sofort zur Stelle und reibt mit ihrem Jackenärmel die Stelle trocken. Bevor sie mich mit noch mehr umsorgen kann, sehe ich wieder aus dem Fenster. Es ist immer noch das gleiche Land. Weit und leer … und trotzdem …

Meine Beine beginnen mir von der Steherei am Fenster weh zu tun und ich setze mich auf das Knie meines Vaters. Seine raue Hand legt sich auf meine schmale Schulter und der vertraute Geruch von Altöl vermischt sich mit seinem Atem aus Knoblauch und Speck. So wie ich es schon von je her kenne, wenn Papa abends nach Hause kam und er irgendwo Autos repariert hatte. Ich blinzele zu ihm hoch, um das mir so vertraute Lächeln zu bekommen, das für mich Sicherheit und Geborgenheit bedeutet. Aber das Lächeln ist heute nicht in seinem Gesicht. Sein Blick geht hinaus und es scheint, als würde er all die Bilder da draußen in sich aufsaugen, sie verinnerlichen. Und ich sehe noch etwas, was ich so lange nicht mehr gesehen habe. Papa hält Mamas Hand fest … ganz fest … und Mamas Finger haben sich um die seinen geschlungen. Die kleinen, winzigen Farbkleckser bilden einen hellen Kontrast zu der dunklen, vernarbten Haut von Papas Händen. Ich glaube so etwas wie Feuchtigkeit in den Augen von Mama zu erkennen, aber im selben Augenblick stupst Papa mich ein kleines wenig an. Ich blicke hinaus und entdecke eine Schar Wildgänse, die in langer Reihe am Himmel daher ziehen. Im gleichen Moment weiß ich, dass dieses Gefühl, auf das ich warte, dieses Gefühl wie zu Weihnachten oder zum Geburtstag, nicht kommen wird. Das Gefühl der Freude, das mich doch hinwegtragen soll von all dem, was wir hinter uns lassen. Die Welle der Vorfreude auf die Zukunft in einem besseren Land, wo es alles im Überfluss gibt, wo wir zu Hause sind, wo wir keine Faschisten sind. Sie kommt nicht, sie trägt mich nicht, im Gegenteil, eine Traurigkeit steigt in mir hoch, als ich begreife, dass ich morgen früh nicht meine Oma Olga und meinen Opa Jakob sehen werde. Ich begreife, dass das vorbei ist und mit einem Male überkommt mich eine solche Sehnsucht, dass ich laut schluchze. Ich höre Papa, wie er mühsam schluckt, seine Hand presst für eine Sekunde stärker meine Schulter und ich wünsche, dass es wieder Sommer in Togus ist. Das ich aus dem Haus stürmen kann, vorbei an den Enten im Kanal, begleitet vom Bellen von Bimka meinem Hund an meiner Seite, um Oma und Opa zum Frühstück abzuholen. Das alles will ich plötzlich nicht mehr eintauschen, mit meinen acht Jahren, ich will es behalten. Mir wird so wohlig warm, ich lehne mich zurück an Papas Brust und lausche dem tiefen Brummen, wenn er etwas zu Mama sagt. Die Augen fallen mir zu und ich glaube ganz fest daran, dass alles nur ein Traum ist … wieder kommt das tiefe Brummen aus Papas Brustkorb … das Brummen, das mich beschützt. Aber der Zug rast unaufhaltsam weiter in Richtung Moskau, in diesem Oktober 1992.

Das gelobte Land

Nach und nach begreife ich, dass ich der »Coole« im Lager bin. Denn schon nach sechzehn Monaten ziehen wir aus dem Lager in Hohenschönhausen weg, wo andere jahrelang bleiben, weil sie es nicht auf die Reihe bekommen. Oder wie Onkel Igor wieder zurück nach Russland gehen. Viele neiden mir das. Kameraden tun plötzlich so, als ob ich sie verraten würde oder als ob ich mich als etwas Besseres fühlen würde. Das tue ich doch gar nicht. Sie verstehen nicht, dass wir das können, weil sich Mama, Papa, Wowa und André so angestrengt haben mit dem Sprachkursus und weil Papa kein Geld mehr geschenkt bekommen will und sich Arbeit gesucht hat. Ich bekomme ein eigenes Zimmer und mein Papa hat Arbeit … das wollen sie nicht hören. Papa hat gestern Abend seit langem mal wieder für uns das Brot geschnitten, als wir gemeinsam zu Abend gegessen haben. Da habe ich auch erfahren, dass Wowa und André nun eine Lehre machen, also einen Beruf lernen. Wowa als Tischler und André als Handelsverpacker. Das hat sicher Mama so bestimmt, die immer gesagt hat, dass ihre Jungs etwas Anständiges lernen müssen. Sie sitzt am Tisch und beobachtet noch immer jeden von uns scharf, ob der sich die Hände gewaschen hat. In der Schule können sie mich jetzt erst recht mal. In zwei Wochen bin ich hier weg. Ich glaube, die sind ganz froh darüber. Scheiß auf das Mamaheft und scheiß auf die Versetzung in eine dritte Regelklasse. Ich habe sowieso noch keine Noten, weil ich mich noch immer einleben muss.

Ab und zu gehe ich mit in die Wohnung in der Ludwig-Renn-Straße 60, wo Mama und André die Tapeten abgerissen haben und nun gründlich sauber machen. Nächste Woche soll tapeziert werden. Wir stopfen die Tapetenreste in Müllbeutel. Ein paar passen in die Mülleimer, ein paar lässt Papa auf der Arbeit verschwinden. Überall liegen Tapetenrollen in den Zimmern. Tapeten mit Blümchen, mit Streifen und mit Punkten. »Soll ich helfen?« Halb mit Hoffen und halb mit Bangen stelle ich André die Frage. »Nee, lass man. Das mache ich lieber alleine.« Er ist jeden Abend in der Wohnung. Papa sehe ich gar nicht mehr. Er arbeitet. Früh morgens ist er schon los und kommt erst spät zurück, wenn ich schon schlafe. Obwohl ich gar nicht so schnell einschlafe. Ich habe Angst. Angst vor der neuen Schule. Was erwartet mich da. Wieder Gelächter? Wieder schiefe Blicke? Alles von vorne? Wieder bin ich der Neue. Noch immer trage ich gebrauchte Sachen von anderen. Und noch immer muss ich oft raten, was die anderen erzählen. Kommen neue Kämpfe auf mich zu? Neue Gegner? Ich weiß auch schon, wo ich hin muss. In die 15. Marzahner Grundschule, in der Max-Herrmann-Str. 18. Vierte Klasse. Vielleicht laufe ich mal hin und schaue mir das vorher an. Vielleicht fährt ja auch ein Bus oder die S-Bahn dort hin.

Ich hole mir meine letzte Bestellung von Huy ab, der mir auf die Schulter klopft und mir die Hand schüttelt. Er gibt mit die Papprolle, auf die ich so lange gewartet habe. Als ich die fünf DM aus der Tasche hole, schüttelt er den Kopf, kneift ein Auge zu, nickt und er lacht wie immer. Es ist das erste Mal, dass Huy kein Geld für etwas haben will. Es klopft und jemand steckt den Kopf herein, sagt etwas. Huy schiebt mich zur Tür, nickt, lacht, schiebt mich hinaus. Die Geschäfte gehen weiter. Morgen ist es hier vorbei. Morgen ziehen wir in die neue Wohnung. Sie ist renoviert. Überall bunte Tapeten und auf dem Boden Teppiche in rot, grün, blau und allen Farben, die das Blumenmuster hervorbringen kann. Frau Schröder hat uns Kontakte gemacht zu Umzugsfirmen, von denen wir übriggebliebene Möbel bekommen. So ist die Wohnung mit gebrauchten DDR Möbeln eingerichtet, aber ganz sauber. Mama hat alles zweimal geputzt. Alles riecht frisch. Ich habe als einziger von uns neue Möbel. Ganz in weiß. …

Lothar Berg:
MIGRANT ... und nun?
Das Leben des Alexander »Sascha« D.
Anthea Verlag, 510 S., kt., 19,90 €

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