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Bov Bjerg

Birth, School, Work, Death

In seinem Roman »Serpentinen« erzählt Bov Bjerg von »Scheißvätern«, von Depressionen sowie von Deutschland und seiner Geschichte.

Von Thomas Blum

Ein Mann und sein kleiner Sohn, beide sind gemeinsam unterwegs, mit dem Auto. Der Vater im Gespräch mit dem Sohn. »Ich« und »der Junge«. Auf einer Reise. Doch nennen wir es nicht »Gespräch«, nennen wir es besser »Kommunikationsversuche«. Denn der Vater spricht offenbar nicht ganz unbefangen und hat anscheinend mit gewissen Belastungen zu kämpfen.

Es geht in den Süden der Republik, zur Schwäbischen Alb, an die Orte der Kindheit des Vaters. Und es stimmt etwas nicht: mit dem Vater, mit dem Sohn, mit der Reise. Das merkt der Leser früh. Dass in dieser Familie etwas nicht in Ordnung ist, so wie in den meisten anderen deutschen Familien eben auch. Dass der Mann, dem auf dieser Reise der Griff nach der Bierdose so selbstverständlich ist wie das Atmen, ein Problem hat. Oder mehrere.

»Urgroßvater, Großvater, Vater. Ertränkt, erschossen, erhängt. Zu Wasser, zu Lande und in der Luft.« Der Mann, um die 50 Jahre alt und von Beruf Soziologe, erinnert sich - an seine eigene Kindheit in der schwäbischen Provinz, an die Eltern und Großeltern, an das Leben der einfachen Leute, das kleinbürgerlich-bäuerliche Milieu, aus dem er stammt und das man heute wohl als »bildungsfern« bezeichnen würde. Es geht um die düstere Familienvergangenheit und um das Aufwachsen in der ebenso geist- wie trostfernen schwäbischen Einöde. Der Mann erinnert sich - nicht nur an die Suizide unter seinen männlichen Vorfahren, auch an sein Aufwachsen, seine Jugend in den 60er und 70er Jahren, an die Beschränktheit und Tristesse des dörflichen Lebens. »Dass einer irgendwo seine Wurzeln hatte, das Geschwätz kam vom Stammbaum. Jeder Depp ein Wurzelsepp und saugt das Blut aus dem Boden.«

Er erinnert sich etwa an die Kirche, in die er als Kind regelmäßig ging und die vor allem die Auslöschung der Individualität betrieb, denn schon allein die Wände der Kirche »waren so verrammelt mit Stuck und Gipsfigürchen und Bommeln, dass fast nichts mehr zu erkennen war. Jede freie Stelle musste ausgemalt, jede Lücke musste mit einer Botschaft gestopft werden. Der Chor hing voller Engel, noch in der letzten Ecke flatterte einer, damit nur niemand auf die Idee kam, die Leere anders zu füllen. Das war die Kunst von Geisteskranken, dachte ich. Barock brut.« Er erinnert sich an seine Zeit als Messdiener, an die leeren Rituale des Christentums, an Autorität und Gehorsam: »Die Glöckchen aufnehmen. Tut dies zu meinem Gedächtnis. Klingeln. Wieder auf der Bank sitzen, auf den Einsatz warten und nicht lachen. Das war eine gute Vorbereitung auf das Leben.«

Zur Schule gehen, in die Kirche gehen, gehorchen, zur Arbeit gehen, ein Auto kaufen, Besitz anhäufen. Männliche Autorität, väterliche Autorität, göttliche Autorität. Jederzeit funktionieren und stolz sein darauf, auf seinen Einsatz warten, nicht lachen. Birth, School, Marriage, Work, Death. »Die Leute hier kauften Möbel, als verlängerten Möbel das Leben. Deckenhohe Schränke, Eichentische, Polstergarnituren, Bettgestelle. Riesige Sessel, unverrückbar festgeschraubt in Wohnzimmerzonen. Möbel, deren Erwerb bekräftigte: Wir leben hier, und wir bleiben hier. Wir gehören hierher. Wenn die Möbel sich vollgesogen hatten mit Erinnerungen, fuhren die Leute sie zum Müllheizkraftwerk, und dann kauften sie sich neue, schöne, geschichtslose Möbel und lebten an Ort und Stelle das gleiche Leben noch einmal ganz neu von vorn.« Die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts, kompakt zusammengefasst. »Von der Politik sprachen sie wie vom Wetter. Sie kam und sie ging, sie änderte sich abrupt, und niemand konnte etwas dafür.«

Man sieht: Es geht in dem Roman auch um die deutsche Vergangenheit, die umso weniger vergehen will, je dringlicher alle immerzu wollen, dass sie vergeht. »Ich sah eine Autobahn und dachte: Nazis. Ich sah Gleise und dachte: Deportationen.«

Bov Bjerg erzählt nicht nur von der Reise eines Vaters mit seinem Sohn ins Ungewisse, die das vordergründige Romangeschehen bildet. Er erzählt von Alkoholismus, Depression und Suizid, vom Verschweigen, von der Lüge und der ungeschönten Realität; von Zwängen und Traditionen, vom Terror des Familienirrsinns, vom Stumpfsinn des Landlebens und von der Freiheit, die man gewinnen kann, wenn es einem gelingt, all das hinter sich zu lassen; vom fortgesetzten Vergessen oder Verdrängen der nationalsozialistischen Vergangenheit, die in geschichtsrevisionistischer oder die Täter zu Opfern machender Absicht noch heute gern »die schwere Zeit« genannt wird; von der Unbildung der kleinen Leute und der selten glückenden Möglichkeit des Entkommens in die Bildung, die Wissenschaft, die Kunst; von ausbleibender und scheiternder Kommunikation; von Grobheit, Hass, Gewalt und Niedertracht und von der bürgerlichen Fassade, die stets um jeden Preis aufrechterhalten werden muss; von Klassengegensätzen, von der schweren körperlichen Arbeit der kleinen Leute und dem Lesen und Labern der »besseren Leute«; und von der Flucht aus der ländlichen Provinz in die urbane Stadt. Er erzählt von »Scheißvätern«, von Deutschland und seiner Geschichte und von dem, was man, salopp gesagt, das Deutschland-Problem nennen könnte.

Dazu, dass dieser Roman vollkommen frei ist von Trivialem und jeder Form der Sentimentalität, passt auch Bjergs Umgang mit der Sprache, die wie von allem Ballast, allem Zierrat und allem Überflüssigen bereinigt daherkommt. Erzählt wird, wie bereits in Bjergs 2015 erschienenem Erfolgsroman »Auerhaus«, in einer Weise, wie man sich das heute - auf einem Buchmarkt, der von den Juli Zehs und Sebastian Fitzeks und ihresgleichen beherrscht wird, und in einer Welt, in der zuverlässig auch jedem von anderen Schmusproduzenten halbwegs stabil zusammengeleimten Phrasenkatalog ein Platz in der Bestsellerliste so gut wie sicher ist - kaum mehr vorstellen kann: sprachlich extrem präzise, mit einem ausgeprägten Sinn für Tonfälle, für erzählerische Reduktion und Verdichtung, und, bisweilen, mit ebenso raffiniertem wie bitterem Witz. Wenn etwa im Erzähler, dem männlichen Protagonisten des Romans, als sein Blick auf die marmorierten Fliesen im Bad seines Pensionszimmers fällt, ein Erinnerungsschub ausgelöst wird, in dessen Folge die deutsche Geistesgeschichte in wenigen Sätzen wie folgt zusammengefasst wird: »Marmorierte Fliesen waren überall. Weltkrieg, Völkermord, Wirtschaftswunder und marmorierte Fliesen. Seit wann gab es marmorierte Fliesen? Seit fünfzig Jahren? Seit hundert Jahren? Schon immer? Seit Heidegger? Seit Luther? Seit Hagen seinen Speer in Siegfrieds Rücken gestoßen hatte? Hagen wischte das Blut von den Fliesen, Schmierstreifen blieben, die Fliesen blieben marmoriert auf ewig.«

Bov Bjerg: Serpentinen. Roman, Claassen, geb., 267 S., 22 €.

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