Hip-Hop für Erwachsene

Kinderzimmer Productions sind wieder da, mit »Todesverachtung to go«

  • Von Christof Meueler
  • Lesedauer: 5 Min.

Das Kinderzimmer verlassen und kurz vor 50 wieder einziehen: Kinderzimmer Productions, genannt KZP, sind wieder da. Comeback nach 13 Jahren. In der Popmusik ist das eine Ewigkeit. Ist das Mitmachenmüssen, Es-besser-können-Wollen oder Was-zu-sagen-Haben? Es ist Hip-Hop als On-Off-Beziehung. 2007, nach ihrer letzten Studio-Platte, erklärten KZP: »Leider halten viele Menschen Hip-Hop inzwischen für dumpf und dumm, und wer sich den Mainstream ansieht, muss ihnen leider recht geben. Wir sind nicht angetreten, Teil einer solchen Kultur zu sein, halten nicht mehr länger dagegen und sind deshalb draußen.«

Jetzt sind sie wieder drinnen, mit ihrem neuen Album »Todesverachtung to go«. Ein guter Titel, auch deshalb, weil der meiste Deutschrap immer noch stumpf und dumm ist, misogyn, homophob und lächerlich. Früher war Hip-Hop viel besser, sagen die Erwachsenen, vorausgesetzt, sie können dieser Musik etwas abgewinnen.

Auch MC Textor, der eine Teil von KZP (der andere ist DJ Quasimodo), glaubt an einen »goldenen Katalog« im Hip-Hop, von Mitte der 80er bis Mitte der 90er Jahre. Als die fünf New Yorker Stadtbezirke darum wetteiferten, wo der beste Hip-Hop produziert wird. Für Textor beginnt der »goldene Katalog« bei LL Cool J und endet 1994 mit dem Doppelalbum »Ready to Die« von The Notorious B. I. G.: »Die eine Hälfte ist fantastisch und die andere Hälfte deutet schon so eine Dekadenz an, die sich dann durch die gesamten 1990er zieht«, findet Textor. Diese »Dekadenz« meint auch den Durchbruch der Subkultur im Mainstream.

Das ist natürlich schon alles sehr lange her. Die alten Rapper aus New York nähern sich der 60 und Textor der 50. Immer schon war deutscher Hip-Hop dem US-amerikanischen circa zehn Jahre hinterher. Aber definiert sich Pop nicht durch den Moment, durch sofortige Überwältigung? Man muss doch nicht jede Neuerscheinung bis zurück zu Elvis führen, um sie zu begreifen. Oder jede neue Hip-Hop-Platte an den drei Alben von Boogie Down Productions (BDP) messen, nach denen sich KZP benannt haben, als sie sich 1994 in Ulm gründeten und in New York der »goldene Katalog« endete.

Ulm war tiefste Provinz, es gab nur zwei interessante Plattenläden, aber es gab die US-Soldaten, die dort stationiert waren. Und die brachten Funk und Hip-Hop in die Discos, so entstand Deutschrap, historisch gesehen. In den 90ern war der eher lustig und schwingend, tendenziell links. Ulm kannte niemand, die wichtigste Stadt war Hamburg. In den Nullerjahren wurde Berlin wichtiger und deutscher Hip-Hop schwerfälliger, brutaler und sexistischer. Die Wende zum Gangsta-Rap wurde mit zehn Jahren Verspätung auf die USA nachvollzogen. »Das Gangster-Ding dreht deine ganze Welt um« lautet ein Theorem von Ice-T, einem der Pioniere dieser Musikrichtung aus Los Angeles. Wer in den Nullerjahren Kool Savas, Bushido, Sido und all die anderen neuen Berliner Rapper aus seinem Kinderzimmer dröhnen ließ, konnte damit sehr gut die Erwachsenen irritieren.

KZP haben sich tatsächlich in einem Kinderzimmer gegründet, in dem von Quasimodo, und zwar »im Auftrag ewiger Jugend und Glückseeligkeit«, wie sie 1996 ihr zweites Album nannten. So einen Titel wird man nicht mehr los, vor allem, wenn man Musik macht für alle Älteren, die BDP und KZP von früher kennen. Also Leute, die die Midlife-Crisis schon hinter sich haben und damit auch die wichtigste Frage der Philosophie, zumindest, wenn es nach Albert Camus geht: Warum bringt man sich nicht um?

Der Schauspieler Fabian Hinrichs (Jahrgang 1974) formulierte es im vergangenen Herbst so: »Wenn man sich nicht umbringt, dann klingelt man bei jemandem. Und dann ist die größte Frage der Philosophie, warum man bei jemandem klingelt.« Das sagte er in einem Stück, das er gemeinsam mit René Pollesch entwickelt hatte, mit dem Titel »Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt«. Todesverachtung to go.

Warum, Textor, wird 2020 wieder geklingelt? Er antwortet erst philosophisch und dann psychologisch. Philosophisch: Weil man jetzt besser Bescheid wisse, altes Musikerargument. Psychologisch: »Es gibt ja diese Forderung, man muss hungrig bleiben, aber es ist viel toller, lecker zu bleiben. So funktioniert mein Gehirn.« Die Musik von KZP 2020 geht wirklich in diese Richtung. Die Sounds und Samples wirken nicht mehr so überdosiert wie auf den alten Alben. Die Lieder sind straighter, am knalligsten und effektivsten im BDP-Würdigungssong »Boogie Down«, der auch eine Erwachsenen-Angeberzeile bereithält: »Ich war da, als die alte Zeit noch gut war.« Das ist ernst gemeint und ironisch zugleich, sonst wäre es nicht zu ertragen.

Ironie muss lustig sein, sonst ist man nur lächerlich. Textor ist es nicht, aber »du bist veraltet und gekickt, gefaltet und geknickt«. Er meint die Jungen, doch es könnten auch die Alten sein. »Du wirst eingetütet, frankiert und verschickt.« Über sich rappt er: »Ich sage, Textor klingt wie der bessere Trickster, und Sexhandarbeiter klingt freundlicher als Wichser.« Doch hört gut zu, ihr Gefalteten und Geknickten: »All diese Geilheit ist nicht einfach so passiert. Ich bin wie Tomatenmark, dreifach konzentriert.« Aus dem Basiskochbuch für Erwachsene, voller Vertrauen in die Verfeinerung. Bestes Lied der Platte.

Obwohl schon aufgelöst, spielten KZP 2011 ihre alten Rapsongs mit dem Radio Symphonie Orchester Wien ein. Es war ein Angebot des Radiosenders FM4, das sie nicht ablehnen konnten, denn ein Orchester ist die größte musikalische Macht, der absolute Gipfel. Danach fing Textor mit dem Runterkommen, Besinnen, Konzentrieren, kurz gesagt mit dem Tomatenmarkwerden an.

2012 veröffentlichte er ein sehr schönes romanhaftes Soloalbum über seine Jugend in der Provinz mit Jazz-, Chanson- und Rap-Fragmenten. »The Days Of Never Coming Back And Never Getting Nowhere« nannte er 2017 ein Minimal-Country-Album, ziemlich nah am Meisterwerk, das er mit dem Gitarristen Holger Renz eingespielte, nur Gitarre und Kontrabass, sehr melancholisch und sehr laut im Leisesein.

Nach diesen Erfahrungen weiß er heute, »dass Luft lassen tatsächlich eine Qualität ist, also dass nicht jeder Platz gefüllt werden muss. Dass Luft lassen, also es nicht zu tun, vielleicht das krasseste Statement ist, dass man setzen kann.« Deshalb setzen KZP gegen das hypermaskuline Gewedel mit den Kokstütchen und den dicken Eiern im Deutschrap der Gegenwart die Suche nach dem Finden der richtigen Stelle: »Das Ping zum Klingen zu bringen, wenn du pingelig bist«, rappt Textor in »Lecker bleiben«. Aber auch: »Wir kotzen aus, was uns innerlich frisst.«

Kinderzimmer Productions: »Todesverachtung to go« (Grönland)

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