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Solidarität ist nicht ansteckend

Dass es sich bei den vielen Gabenzäunen im Stadtgebiet um »Infektionsherde« handelt, kann bezweifelt werden

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 2 Min.

»Ich denke, in Zeiten der Coronakrise müssen unkompliziert neue Wege gefunden werden, um den Menschen, die am stärksten von der Pandemie betroffen sind, zu helfen«, kommentiert der Pankower Bezirksverordnete Maximilian Schirmer von der Linken eine Beurteilung der Stadträtin Rona Tietje (SPD), wonach die »gut gemeinten Gabenzäune« zusätzliche Infektionsrisiken verursachen würden.

»Bei den Plastiktüten und Beuteln, die an den Zäunen hängen, ist nicht von außen ersichtlich, was sich darin befindet«, beschreibt Tietje ihre Wahrnehmung. Von daher müssten bedürftige Menschen zwangsläufig den Inhalt der Tüte »begutachten«. Ein gründliches Händewaschen sei danach meist nicht möglich. So ist es nachzulesen in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage Schirmers, der sich erkundigt hatte, ob im Bezirk Gabenzäune, beziehungsweise die angehängten Gaben ordnungsamtlich entfernt worden seien.

»Die Gabenzäune bilden einen wichtigen Bestandteil bei der Notversorgung obdachloser Menschen und anderer Bedürftiger«, entgegnet der Linke-Politiker. Diese litten besonders stark unter den Auswirkungen des Virus, da viele Hilfeleistungen wegfallen, wie die Versorgung durch die Tafel oder das Verkaufen von Zeitungen in der S-Bahn.

Aus diesem Grund hat sich die Idee der Gabenzäune mit Inkrafttreten der Eindämmungsverordnungen in der Hauptstadt in Windeseile verbreitet: 63 soll es mittlerweile allein in Berlin geben. Viele sozial Engagierte sahen hierin eine schnelle und unkomplizierte Möglichkeit, direkte Hilfe zu leisten.

Nun ist ein öffentlicher Ort, an dem Tüten und Kleidung hängen, etwas anderes als eine Kleiderkammer oder eine Suppenküche, aber genau diese Einrichtungen wurden geschlossen. Zumal deren Versorgung auf ähnliche Weise erfolgt: es werden Plastiktüten ausgegeben, in denen verpackte Lebensmittel zu finden sind.

Wer Diskussionen unter den Aktiven einzelner Gabenzaun-Initiativen verfolgt hat, weiß, dass man sich um Infektionsrisiken sehr wohl Gedanken gemacht hat: Tüten werden beschriftet, Kleidung wird sortiert, es gibt mehrsprachige Hinweisschilder. An anderen Stellen, wo sich die ehrenamtlichen Helfer*innen nicht dauerhaft um die Koordination des Ortes kümmern können, kann schnell der Eindruck entstehen, hier entstehe ein Müllplatz - wenn man nicht genau hinschaut oder hinschauen will.

Schirmer findet, dass Ideen wie die Gabenzäune politischer Unterstützung bedürfen. »Es wären offizielle Richtlinien wünschenswert gewesen, wie und unter welchen Bedingungen sie ohne Risiko bestückt werden können. Auch wäre es sicherlich möglich, Initiativen zu finden, die sich verbindlich dazu bereit erklären, die Einhaltung des Infektionsschutzes zu kontrollieren.«

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