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Auf die Antwort bin ich gespannt

Best of Menschheit, Folge 17: Religiöse Fantasien

  • Von Tim Wolff
  • Lesedauer: 3 Min.

Aus Tausenden von Jahren Menschheit stabile Regeln abzuleiten, ist nicht leicht und natürlich auch vermessen. Wenn man denn will - und ich will -, könnte eine lauten: Wenn Spott über eine Religion und ihre Vertreter höchstens einige wütende Wortmeldungen Unbedeutender und Applaus vieler nur bedingt Betroffener auslöst, ist an diesem Ort und zu dieser Zeit diese Religion nicht am falschesten Platz - nämlich fern genug von verheerendem Einfluss (ungefährlich deswegen natürlich noch lange nicht).

Religion ist elaborierter Quatsch, für das ihr ausgesetzte Individuum irgendeine Mischung aus nicht selten qualreich Anerzogenem und der nicht totzukriegenden Hoffnung, man könnte es der Hoffnung gleichtun und einfach nicht sterben - nur, weil man in der richtigen Haltung einem abwesenden, widersprüchlichen Irgendwas gehuldigt oder sich (zumindest zeitweise) gemäß tradierter Zwänge verhalten hat. Noch alberner wird das institutionell. Wenn ein Papst verkündet, er wird Gott um das schnelle Ende einer Pandemie bitten, ist ein »Auf die Antwort bin ich gespannt« eigentlich schon zu viel, um die Lächerlichkeit dieser Bitte zum Vorschein zu bringen. Und trotzdem gibt es diese Institution noch, wird sie halbwegs ernst genommen oder zumindest nicht tagtäglich ausgelacht. Irgendetwas muss der Menschheit an dieser Gaukelei durchweg gefallen haben und noch gefallen.

Womöglich ist es eine Art kollektives Rausch-Kater-Ding, dem der Homo sapiens allgemein in der ein oder anderen Form stets gern erliegt. Denn Religion war durch alle Menschenjahre lächerlich, und die Spielarten, die bis heute überlebt haben, taten das nicht nur durch Flexibilität in der Auslegung und Brutalität in der Machtausübung, sondern vielleicht auch dadurch, dass so vieles im Rückblick so peinlich daneben war, dass man lieber zu schweigen versucht und weitermacht, statt sich dem gefährlichen Quatsch, den man da bei nicht vollem Verstand verbrochen hat, ehrlich zu stellen.

Außerdem kann eine religiöse Fantasie auch durchaus Freude bereiten, in ihrer Verrücktheit und dank dem einfach zur Verfügung gestellten Überlegenheitsgefühl bei der Distanzierung. So hat, um ein sehr beliebiges Beispiel zu nennen (gemessen an den Jahrtausenden der Spezies), eine ausgesprochen minderjährige Person, die mit in meinem Haushalt lebt, weil sie dort hineingeboren wurde, kürzlich erkannt, dass hinter all dem auch Kika-tradierten Religionsabfall wie Christkindern, Osterhasen, Zahnfeen usw. die Eltern stecken. Aber nach kurzer gemeinsamer Überlegung beschloss sie, dass es viel mehr Spaß macht, so zu tun, als gäbe es sie alle wirklich. Es mache ja auch mehr Spaß, wenn man glaubt, der Lego-Krankenwagen sei ein echter.

Wenn Menschsein tatsächlich ein wenig Kindbleiben ist, wie gutmütige Humoronkel gerne behaupten, sollte neben dem Scherz über Religion auch der spielerische Ernst im Umgang mit dieser seinen Platz in der Loge der Sapiens-Errungenschaften haben. Schließlich dürfte die monotheistische Religion, die den fernsten und offensten Gott hat und den fantasievollsten Umgang mit Regeln, gerade deswegen das ermöglicht haben, was man Humor nennen kann: ein komplexes Konstrukt von Gedankenspinnereien gegen das diesseitige Elend, die auch das Verlachen von Göttern nicht auslassen können.

Oder so: Was wäre das für eine Menschheit, in der es Heidrun nie »gegeben« hätte, die Ziege auf dem goldbedeckten Dach in Valhalla, aus deren Zitzen zur Stärkung von Kriegern Met fließt? Ganz gewiss keine bessere.

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