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Offline-Streik im Allgäu, Online-Kundgebungen beim DGB

In Sonthofen stand der Kampftag der Arbeiterklasse im Zeichen des Widerstands gegen eine Betriebsschließung.

  • Von Hans-Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 3 Min.

In Deutschlands südlichster Stadt Sonthofen stand der 1. Mai im Zeichen eines zähen Arbeitskampfs. Seit Donnerstag vergangener Woche streiken hier die Beschäftigten des Getriebebauers Voith gegen die Schließung ihres Werks, dessen Tradition vor gut 500 Jahren mit der Verhüttung von Eisenerz begonnen hatte.

Nun geht es für die selbstbewusste Belegschaft ums Ganze. Die »Hüttler«, wie die Voith-Arbeiter vor Ort genannt werden, sind fast alle in der IG Metall organisiert - und zeigen dem Rest der Welt, dass ein Streik auch in Pandemiezeiten möglich ist. Die Streikposten sind mit Mund-Nasen-Schutz ausgerüstet und halten gewissenhaft Abstand. Am Tag der Arbeit bekamen sie Solidaritätsbesuche von Menschen aus der Region, die mit ihnen um die Zukunft der »Hütte« bangen.

Während im tiefen Süden Deutschlands der Kampftag der Arbeiterklasse mit traditionellen Mitteln und unter freiem Himmel begangen wurde, hatte der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) noch im März alle größeren öffentlichen Veranstaltungen zum 1. Mai abgesagt. Damit gab es erstmals seit 75 Jahren keine DGB-Massendemonstration.

Als Ersatz bot der Dachverband allen Daheimgebliebenen ein digitales Infotainment-Programm aus Reden, Interviews, Talks, Musik und Kultur. DGB-Chef Reiner Hoffmann forderte angesichts der tiefsten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg ein Konjunkturprogramm, mit dem auch Probleme, die schon zuvor bestanden, in Angriff genommen werden sollten: »Die Klimakrise und der digitale Wandel machen auch vor dem Virus keinen Halt.« Sein Vorstandskollege Stefan Körzell forderte eine gerechte Vermögens- und Erbschaftssteuer zur Bewältigung der Folgen der Krise. »Allein das reichste Hundertstel der Bevölkerung besitzt ein Gesamtvermögen von netto rund 3,8 Billionen Euro«, gab er zu bedenken.

Wer nicht auf eine kämpferische Manifestation unter freiem Himmel verzichten wollte, konnte am Freitag unter Beachtung der Corona-Auflagen in mehreren Dutzend Städten von Schleswig bis Freiburg auf die Straße gehen. Zu den Kundgebungen hatte das kurzfristig gebildete Bündnis »Heraus zum 1. Mai« aufgerufen. So kamen auch in Hessens Landeshauptstadt Wiesbaden am Mittag rund 100 Menschen bei strömendem Regen zusammen. »Lässt Hessen Soloselbstständige verhungern?«, hatte eine Aktivistin des Verdi-Fachbereichs Medien auf ein Pappschild gemalt. Sie protestierte gegen die Blockade der Landesregierung bei der Hilfe für eine Personengruppe, die schon vor der Krise vielfach ohne Absicherung von der Hand in den Mund lebte. Ein weiterer Verdi-Aktivist forderte die DGB-Gewerkschaften auf, zur nächsten Demo wieder mit aufzurufen.

Dass der Klassenkampf von oben weitergeht, hatten die Metaller in Sonthofen Anfang der Woche erlebt. Die Konzernzentrale hatte eine Spedition mit dem Abtransport vorproduzierter Teile beauftragt. Daraufhin parkten Streikende das Tor zum Werksgelände umgehend mit Dutzenden Autos zu. Das Unternehmen erwirkte beim Arbeitsgericht Kempten umgehend eine einstweilige Verfügung, mit der alle weiteren Blockaden untersagt wurden.

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