Erntehelfer

»Spargelstechen ist ein Knochenjob«

Gewerkschafter Dominique John über die Nöte osteuropäischer Saisonkräfte in Zeiten von Corona

Von Moritz Aschemeyer

Dominique John leitet seit ihrer Gründung im Jahr 2011 die Beratungsstelle »Faire Mobilität« unter dem Dach des Deutschen Gewerkschaftsbundes. »Faire Mobilität« unterstützt Beschäftigte aus mittel- und osteuropäischen Ländern auf dem deutschen Arbeitsmarkt in der Durchsetzung gerechter Löhne und fairer Arbeitsbedingungen. Moritz Aschemeyer sprach mit John über Saisonkräfte auf deutschen Spargelhöfen.

Deutsche Landwirte sind auf Erntehelfer aus dem Ausland angewiesen. Gleichzeitig häufen sich derzeit Berichte über fehlende Hygienestandards bei der Erntearbeit und darüber, dass Löhne zurückgehalten werden. Wie etwa vergangene Woche im Spreewald, wo Löhne an Arbeiter aus Osteuropa nicht ausgezahlt wurden. Sind das Einzelfälle?

Wir gehen davon aus, dass die größeren Probleme sich noch zeigen werden. In der Regel wenden sich Beschäftigte erst an Beratungsstellen, wenn sie Probleme bei der Lohnauszahlung bekommen. Was die Erntehelferinnen und Erntehelfer angeht, erwarten wir einen größeren Rücklauf in sechs bis acht Wochen. Jetzt sind das noch vereinzelte Anrufe, weil die Unterkünfte überbelegt sind und die Hygienemaßnahmen nicht eingehalten werden. Oder wie im erwähnten Fall im Spreewald, der von einer Berliner Beratungsstelle bearbeitet wird, wo die Kosten für die Anreise von den Beschäftigten bezahlt werden sollten und die Akkordvorgaben zu hoch waren.

Müssen die Behörden Saisonarbeiter über ihre Rechte aufklären?

Im sogenannten Konzeptpapier des Landwirtschaftsministeriums und des Innenministeriums zur Saisonarbeit steht zu arbeitsrechtlichen Fragen praktisch nichts. Wir haben daher in Absprache mit dem Bundesvorstand der IG BAU Beratungshotlines in den jeweiligen Landessprachen eingerichtet und dem Landwirtschaftsministerium angeboten, dass sie die Telefonnummern direkt an den Abflughäfen an alle Leute verteilen. Das Landwirtschaftsministerium hat zunächst angegeben, dies tun zu wollen. Doch wurde es nicht umgesetzt. Jetzt machen wir mit anderen Organisationen Flughafenaktionen und verteilen die Hotline-Nummern an Ankommende. Es wäre deutlich effektiver, wenn alle diese Nummern bekommen würden.

Gibt es noch Kontaktmöglichkeiten ab dem Moment, wenn die Leute in den Bussen zu den Höfen sitzen?

Kaum. Es war schon vor Corona schwierig, an die Leute ranzukommen. Normalerweise würden wir auch in dieser Saison mit der IG BAU und anderen Beratungsstellen auf die Felder fahren und die Beschäftigten dort über ihre Arbeitsrechte informieren - etwa, dass sie Anspruch auf den gesetzlichen Mindestlohn haben . Das können wir in diesem Jahr wahrscheinlich nur vereinzelt machen. Grundsätzlich kann man aber aus unseren Erfahrungen festhalten: Es gibt bei vielen landwirtschaftlichen Betrieben - vorsichtig gesagt - eine gewisse Zurückhaltung, was die Zusammenarbeit mit Gewerkschaften angeht. Ich würde sogar sagen: Viele Landwirte vertreten einen ausgeprägten »Herr-im-Haus-Standpunkt«. Die Höfe, die uns Zugang zu den Unterkünften der Feldarbeiterinnen und Feldarbeiter gewährt haben, lassen sich an einer Hand abzählen. Das macht es unmöglich, in oder in der Nähe von Unterkünften, zum Beispiel während der Mittagspausen, Informationsmaterialien zu verteilen. Stattdessen versuchen wir die Leute während der Arbeit auf den Feldern anzusprechen. Dabei gab es immer wieder Vorfälle, wo Landwirte oder Vorarbeiter versucht haben, das zu verhindern.

Welche Konflikte gibt es in der aktuellen Situation?

Viele Landwirte beschweren sich, dass in der aktuellen Situation Leute kommen, die nicht an Landarbeit gewöhnt seien. Aus Rumänien haben wir wiederum gehört, dass es unter den Saisonarbeitern, die regelmäßig nach Deutschland kommen, dieses Jahr aus Angst vor Ansteckungen eine gewisse Zurückhaltung gibt, hierher zu kommen. Spargelstechen ist ein Knochenjob. Bei der Erntearbeit wird meistens im Akkord gearbeitet. Hier mal ein Beispiel aus Niedersachsen. Dort soll eine Arbeiterin pro Tag um die 100 Kilogramm Spargel stechen und bekommt für ein Kilo 87 Cent. Bei zwölf Stunden sind das dann 7,20 Euro in der Stunde. Das entspricht nicht dem gesetzlichen Mindestlohn - und davon werden noch Kosten für Verpflegung und Unterkunft abgezogen. Hier sind Konflikte programmiert. Zudem müssen die Beschäftigten in den ersten zwei Wochen isoliert arbeiten und wohnen. Auch hier sind viele Fragen offen: Etwa, wenn eine Seite das Arbeitsverhältnis auflösen will, kann der Hof dann verlassen oder der Arbeitgeber gewechselt werden? Wer bezahlt eigentlich die Rückreise?

Ist so etwas denn schon vorgekommen?

Ja, inzwischen gibt es verschiedene Fälle. So hat in einem Fall in Niedersachsen das zuständige Gesundheitsamt festgestellt, dass die Quarantänebedingungen nicht eingehalten wurden. Daraufhin forderte es den Bauern auf, diese kurzfristig zu verbessern, sonst würde man die Saisonkräfte woanders hin vermittelt. Hier war das Gesundheitsamt hinterher und wurde dadurch zum Arbeitsvermittler. Man merkt an solchen Punkten deutlich: Es gibt kein zu Ende gedachtes Konzept für die ganze Konstruktion. Der Druck der Landwirtschaftslobby war so groß, dass schnell eine Lösung gesucht werden musste. Jetzt kann man im Sinne der Beschäftigten, die hierherkommen, nur hoffen, dass es nicht ganz so schlimm kommt.

Welche Probleme ergeben sich noch?

Die Landwirte sollen die Leute in den ersten 14 Tagen voll versorgen. Bei uns haben sich Beschäftigte darüber beschwert, dass sie während dieser Zeit in extra für sie eingerichteten Hofläden mit überhöhten Preisen einkaufen müssen. Was dann dazu geführt hat, dass die Leute die Höfe verlassen haben, um selbst einzukaufen. Das ruft wiederum Unruhe bei der Bevölkerung in der Umgebung hervor, hier geht die Angst vor den »infizierten Ausländern« um.

Wie sind Saisonarbeiter eigentlich versichert?

Die Idealvorstellung ist die der Lehrerinnen oder Lehrer aus Rumänien, die sich in ihren Sommerferien entscheiden, in der hiesigen Landwirtschaft etwas dazuzuverdienen. In diesen Fällen wären die Leute in Rumänien sozialversichert. Häufig kommen allerdings Leute hierher, bei denen das nicht der Fall ist. Die müssten dann eigentlich hier sozialversichert werden. Wir wissen aber, dass dies häufig nicht geschieht. Das geht so lange gut, wie niemand krank wird oder einen Unfall hat.

Wie versuchen Sie bei »Faire Mobilität« weiter vorzugehen?

Wir arbeiten vernetzt mit anderen Beratungsstellen für osteuropäische Beschäftigte und in dieser Branche eng mit der IG BAU zusammen. Wir versuchen weiter, über verschiedene Kanäle an die Leute heranzukommen und ihnen Informationen und Hilfestellung zukommen zu lassen. Zudem versuchen wir, über unsere Kontakte zu Gewerkschaften und staatliche Organisationen in den Herkunftsländern Informationen zu streuen.

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