Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Der unsichtbare Feind

Durch das Coronavirus droht den brasilianischen Favelas eine soziale und medizinische Katastrophe

  • Von Thaís Cavalcante, Rio de Janeiro
  • Lesedauer: 6 Min.

Eine neue Angst geht in den Favelas von Rio de Janeiro um: das Coronavirus. Ende Februar wurden im Fernsehen die ersten Fälle von Infektionen in Brasilien gemeldet. Reiche Europaurlauber hatten das Virus wahrscheinlich mit zurück in das größte Land Lateinamerikas gebracht. Als Corona Rio de Janeiro erreichte, warnten Favela-Aktivisten früh vor den möglichen dramatischen Auswirkungen. Doch bis heute hat die Regierung des ultrarechten Präsidenten Jair Bolsonaro, hat das Gesundheitsministerium keinen spezifischen Plan für die Favelas vorgestellt. Die zahlreichen armen Viertel der Stadt am Zuckerhut sind mal wieder auf sich allein gestellt.

Gizele Martins, 34, krause Haare, randlose Brille, ist Journalistin und Aktivistin in dem gigantischen Favela-Komplex Maré (siehe Randspalte) im Norden von Rio. Als sich Corona auch dort auszubreiten begann, trommelte sie Freiwillige zusammen. »Wir haben Gruppen gebildet und die Aufgaben aufgeteilt«, sagt Martins. »Öffentlichkeitsarbeit, Kommunikation mit den Bewohnern, Sammeln von Spenden.« Viele Bewohner verloren mit Beginn der Krise ihre Jobs und haben bereits jetzt Schwierigkeiten, sich zu ernähren.

Prekäre Gesundheitslage

Ein Register mit den bedürftigsten Familien wurde angelegt. Freiwillige gehen nun von Tür zu Tür und verteilen Lebensmittel und Reinigungsprodukte. Unterstützung erhält die Gruppe von lokalen Kollektiven und Stadtteilsprechern. Die landesweit größte Organisation zur Bekämpfung des Hungers steuert Lebensmittel bei. In Extremsituationen wusste sich die Favela schon immer selbst zu helfen.

Rund 14 Millionen Menschen leben in Brasilien in Favelas - Tendenz steigend. Allein in Rio de Janeiro sind es rund zwei Millionen Bewohner. Die Gemeinden sind besonders anfällig für das Virus. Der Anteil der Tuberkulose- oder Asthmakranken ist fünfmal höher ist als in den wohlhabenderen Vierteln, und wegen schlechter Ernährung gibt es viele Diabetiker. Geld für Schutzmasken und Desinfektionsmittel hat kaum jemand. Soziale Distanz ist in den dicht besiedelten Vierteln schlicht unmöglich. In vielen Favelas gibt es noch nicht einmal fließendes Wasser, um sich die Hände zu waschen und die einfachsten Hygieneregeln einzuhalten.

Aus mehreren Favelas Rio de Janeiros wurden mittlerweile Infizierte gemeldet. Und es gibt die ersten Toten, auch in Maré. Doch im Vergleich zu Europa halten sich die Zahlen bisher noch in Grenzen. Das liegt vor allem an der hohen Dunkelziffer: Laut einer Studie zwei brasilianischer Universitäten sind die tatsächlichen Fallzahlen in Brasilien 15 mal so hoch wie die offiziellen Statistiken es angeben. Der Grund: Das südamerikanische Land testet so wenig wie kaum ein anderer Staat der Welt.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnte Brasilien unlängst vor dramatischen Konsequenzen durch die Pandemie. Die Stadtverwaltung von Rio de Janeiro rief Mitte April den Ausnahmezustand aus. Mitarbeiter begannen, in Maré Straßenzüge zu desinfizieren, an einigen Ecken der Favela wurden Waschbecken aufgebaut. Doch das ist viel zu wenig, meinen viele. Bewohner haben deshalb die Sache selbst in die Hand genommen: In Maré fahren Freiwillige mit Lautsprecherwagen durch die Favela und empfehlen den Bewohnern zu Hause zu bleiben, sich regelmäßig die Hände zu waschen und überfüllte Orte zu vermeiden. Überall hängen Plakate, die in einfacher Sprache über die Gefahren des Virus informieren.

Auch in anderen Favelas von Rio haben sich Bewohner zusammengeschlossen, um das Virus einzudämmen und die ärmsten Bewohner zu unterstützen. Dadurch, dass die Gefahr jedoch gewissermaßen unsichtbar ist, wird Corona von vielen Favela-Bewohnern nicht ernst genommen. In Maré sind die Straßen zwar leerer als sonst und in der sonst so wuseligen Favela sieht man kaum noch Menschenansammlungen. Aber viele Bewohner treffen sich nun einfach in ihren Häusern: Für Grillpartys, Geburtstage oder Gottesdienste, da auch die Kirchen vorübergehend geschlossen sind. Ein Leben ohne soziale Kontakte ist in der Favela kaum vorstellbar, die Gemeinschaft ist heilig. Auch in Maré wohnen Zehntausende Menschen dicht gedrängt, Wand an Wand. Ein Großteil des Lebens spielt sich auf der Straße ab. Wenn der Zucker alle ist oder man kein Wasser mehr hat, klingelt man im Nachbarhaus. In der Favela hält man zusammen - das war schon immer so. Denn der Staat ist hier kaum präsent - und wenn, dann gewöhnlich mit der vollen Härte des Gesetzes, selten mit Sozialprojekten. Durch Corona wird diese besondere Gemeinschaft der Favela nun auf die Probe gestellt.

Chaotische Politik

Valdirene Militão, 48, dunkle Haare, Bluse mit Blümchenmuster, wohnt mit ihrem Mann und den drei Kindern in einem kleinen Backsteinhaus im Norden der Megafavela. Im Eingangsbereich wuchern zahlreiche Pflanzen, ganz in der Nähe des Hauses befindet sich das »Große Ramos-Schwimmbad« - künstlicher See und beliebtes Ausflugsziel vieler armer Cariocas (Einwohner von Rio, d. Red.). »Wir sind verwirrt und wissen einfach nicht, wem wir glauben sollen«, sagt Militão und blickt aus dem Fenster. Auf der Straße vor ihrem Haus sind auch an diesem Tag viele Menschen unterwegs. »Einen Tag erklärt das Gesundheitsministerium, dass Isolationsmaßnahmen wichtig seien. Am nächsten Tag sagt Präsident Bolsonaro, dass Corona eine kleine Grippe sei und wir wieder arbeiten müssen.« Die Verwirrung in der Favela Maré steht sinnbildlich für die chaotische Corona-Politik der brasilianischen Regierung.

Gefahren verharmlost

Am 19. April nahm Präsident Bolsonaro in der Hauptstadt Brasília an einer Demonstration gegen Isolationsmaßnahmen teil, die die meisten Landesregierungen beschlossen hatten. Vor einer johlenden Menschenmenge hielt er eine Rede gegen den Stillstand und hustete wild in der Gegend herum. Als einer der letzten Staatschefs weltweit spielt Bolsonaro das Virus weiter hartnäckig herunter und fordert eine Rückkehr zur Normalität. Mit seinem Kurs hat er sich politisch zwar weitestgehend isoliert. Doch anstatt die Lage zu beruhigen, geht Bolsonaro zum Angriff über. Weil sein Gesundheitsminister Luiz Henrique Mandetta die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation befolgen wollte und Studien von Wissenschaftlern verteidigte, wurde er am 16. April von Bolsonaro entlassen und durch einen linientreuen Gefolgsmann ersetzt. Brasilien steuert auf chaotische Wochen zu.

Brutales Dilemma

Gesundheitsexperten warnen vor einer Katastrophe für die Favelas, sollte sich das Virus dort großflächig ausbreiten. Viele Bewohner von Maré fühlen sich mit ihren Sorgen allein gelassen. Für arme Brasilianer bedeutet die Pandemie ein brutales Dilemma: Die, die noch können, arbeiten entweder weiter und gehen das Risiko einer Infektion ein. Oder sie bleiben ohne Einkommen zu Hause. Viele nehmen das Risiko in Kauf.

Die dreifache Mutter Militão, die eine asthmatische Bronchitis hat und damit zur Risikogruppe zählt, hat seit dem Beginn der Pandemie ihr Haus nicht mehr verlassen. Während viele Favela-Bewohner informell beschäftigt sind und mit Beginn der Pandemie von einem auf den anderen Tag arbeitslos wurden, hatte Militão Glück: Die Sozialarbeiterin kann über ihr Smartphone in Quarantäne weiterarbeiten. In ihrer Freizeit näht sie Stoffmasken, die sie an soziale Projekte spendet.

Mit ein paar Telefonaten hat Militão Frauen aus der Nachbarschaft animiert, sich ihr anzuschließen und ebenfalls Masken zu nähen. »Wir kommen der Nachfrage kaum hinterher. Alle brauchen Masken.« Doch nicht nur das. Seit Corona fehle es in ihrem Stadtteil an fast allem. »Man muss sich doch nur einmal hier umschauen«, sagt Militão. »Es ist so schlimm, viele Menschen sind bereits am Hungern.«

Übersetzung: Niklas Franzen

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln