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Bio aus der Kiste boomt

Lieferdienste stoßen in der Coronakrise an ihre Kapazitätsgrenzen

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.
Im Ökodorf Brodowin packt eine Mitarbeiterin Kisten für die Auslieferung.
Im Ökodorf Brodowin packt eine Mitarbeiterin Kisten für die Auslieferung.

Mit rund 50 Fahrern, Packern, Kundenbetreuern und Buchhaltern beliefert die Märkische Kiste GmbH wöchentlich 3500 Haushalte und Büros in der Hauptstadt und im Umland mit Biolebensmitteln. In der Coronakrise ist die Firma mit Sitz in Berlin-Tempelhof jedoch an ihre Kapazitätsgrenze gestoßen und musste einen Neukundenstopp erlassen.

Angefangen hatten die Geschäftsführer Sabine und Christoph Scholz 1997 ganz klein mit etwa 100 Kisten pro Woche. Die haben sie damals noch selbst mit Erzeugnissen des Jahnsfelder Landhofs und anderer Biobauern aus Brandenburg gepackt und mit einem Anhänger an ihre Kunden in Berlin ausgefahren.

Weil viele Berliner gegenwärtig zu Hause statt in ihren Büros arbeiten, haben zwei Drittel der Büros ihre Kisten vorläufig abbestellt. Doch gleichzeitig scheuen aus Angst vor Infektionen mit dem Coronavirus viele Menschen den Weg in den Bioladen und wenden sich an den Lieferservice. Die Märkische Kiste müsste ihre Kapazitäten erweitern.

Wann wieder Neukunden angenommen werden können, vermag Geschäftsführer Christoph Scholz im Moment nicht abzuschätzen. »Erst wenn die Büros wieder eingesetzt haben, können wir überblicken, ob wir unsere Pack- und Lieferkapazitäten erweitern können«, erklärt er.

Kurz nach Ausbruch der Coronakrise versuchte eine Kollegin vom »nd« vergeblich, bei der Märkischen Kiste zu bestellen. Auch beim Lieferservice des Ökodorfs Brodowin hatte die Redakteurin keinen Erfolg. Dort nahm man zu diesem Zeitpunkt ebenfalls keine Neukunden mehr an. Das Ökodorf hob den Stopp allerdings inzwischen wieder auf. Erst beim Anbieter Landkorb GmbH & Co. KG mit Sitz in Rohrlack hatte die Kollegin Glück. Sie hatte bereits länger überlegt, sich Bioobst und -gemüse in der Kiste zu bestellen. Mit Ausbruch der Coronakrise entschloss sie sich dann dazu, um angesichts der Ansteckungsgefahr den Weg in den Bioladen zu vermeiden.

Genau so erklärt sich Michael Wimmer den gegenwärtigen Ansturm auf die Biokisten. Der Geschäftsführer der Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau Berlin-Brandenburg (FÖL) glaubt, dass die Neukunden schon länger mit dem Gedanken gespielt hätten, sich beliefern zu lassen. Die Coronakrise sei dann der Auslöser gewesen, es wirklich zu tun. Die Biokisten segeln nach Darstellung von Wimmer auf einer Welle, legten beim Warenumsatz schon vor der Pandemie zu. Das liege an einem insgesamt gewachsenen Umweltbewusstsein.

Dass die Biokisten immer beliebter werden, habe sicherlich auch damit zu tun, dass der Lieferservice für den Empfänger bequem ist, meint Wimmer. Es sei aber zugleich eine gute Möglichkeit, an regionale Bioprodukte zu gelangen. Außerdem gebe es noch den Überraschungseffekt. »Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht«, lautet ein Sprichwort. Doch wenn neugierige Menschen eine Biokiste öffnen und dort Mangold finden, kratzten sie sich am Kopf und überlegten, welches Gericht sich damit zubereiten lasse. Praktischerweise liegen oft Rezepte bei - und Kunden probieren diese gern aus.

Märkische Kiste, Landkorb und Ökodorf Brodowin sind laut FÖL-Geschäftsführer mit je vier bis fünf Millionen Euro Jahresumsatz die drei großen Anbieter. Daneben gibt es die Abokiste Apfeltraum aus Müncheberg in der Märkischen Schweiz. Auch von dort heißt es, aufgrund der Coronakrise sei die Nachfrage »sprunghaft angestiegen«. Man sei leider nicht in der Lage, dem im gleichen Tempo zu begegnen, und bitte um Verständnis, »dass das Abarbeiten von Kundenanfragen einige Zeit in Anspruch nehmen wird«.

Michael Wimmer kennt weitere Anbieter. Beispielsweise einen Ziegenhof, der rund 100 Stammkunden beliefert, oder der Hof Stolze Kuh in Stolzenhagen (Barnim), der bei Sammelbestellungen an Verteilstellen in Berlin liefert, wo sich die Kunden dann ihren Teil abholen.

Als Beispiele, die an die Biokisten erinnern, nennt er noch Formen der solidarischen Landwirtschaft in Brandenburg. Biobauer und Kunden setzen sich dabei zusammen und beraten, mit welchem Festpreis der Bauer für seine Ernte fair entlohnt wird. Sie einigen sich auf eine Summe, die unabhängig vom wetterabhängigen Ertrag gezahlt wird. »Fällt die Ernte gut aus, können die Kunden den Nachbarn mit versorgen«, erläutert Wimmer.

Jahrzehntelang konnten die Biobauern der Mark mit der steigenden Berliner Nachfrage nicht Schritt halten. Bio-Lebensmittel werden deshalb im großen Stil von weiter weg importiert. Zuletzt habe sich aber einiges getan, sagt Wimmer. Sein griffigstes Beispiel dafür ist die Biomilch: 62 Prozent mehr als vor fünf Jahren wird jetzt in Brandenburg erzeugt.

Bei einem solchen Zuwachs wäre ein Preisverfall zu erwarten gewesen. Doch der Markt habe die Menge bei stabilen Preisen aufgenommen, sagt der FÖL-Geschäftsführer. Ein Defizit gebe es nach wie vor bei Obst und Gemüse, dem klassischen Inhalt der Biokisten, bestätigt er. Dazu komme aktuell verschärfend, dass Bio im Einzelhandel einen größeren Anteil habe als in den derzeit geschlossenen Kantinen und Gaststätten.

Brandenburgs Agrarminister Axel Vogel (Grüne) bemüht sich mit einem Bündel von Maßnahmen um eine Ausweitung des Ökolandbaus.

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