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Moralische Lockerungsübungen

Fabian Hillebrand über Versuche, in Coronazeiten Leben gegeneinander aufzurechnen

  • Von Fabian Hillebrand
  • Lesedauer: 4 Min.

Was wäre, wenn die Lungenkrankheit COVID-19 wirklich alle treffen würde? Wenn das Virus Menschen mit und ohne Vorerkrankungen gleich befallen würde? Wenn nicht das Alter entscheiden würde, wer stirbt oder einen schweren Verlauf erleidet, sondern der Zufall? Was würde sich an ihrem Verhalten der Pandemie gegenüber ändern? Wie die gesellschaftliche Debatte? Wie die momentanen Lockerungsübungen?

Fabian Hillebrand ist Online - und Schwerpunktredakteur beim neuen deutschland.
Fabian Hillebrand ist Online - und Schwerpunktredakteur beim neuen deutschland.

Viele Menschen machen sich verbal immun. Klar ist: Sterben tun nur die anderen. Hauptsache man selbst gehört nicht dazu. Als die Spanische Grippe in Deutschland aufkam, tauften Offizielle sie die »Pseudo-Grippe«. Nur eine Modeerscheinung, bloß keine Panik, dachte man damals.

Es ist vielleicht diese vermeintliche Nichtbetroffenheit, dieses Nicht-Eingestehen-Wollen der eigenen Verletzlichkeit, auf deren Rücken sich in den letzten Wochen in Deutschland eine gefährliche Debatte entwickelt hat. Der gleiche Wert des Lebens und die Errungenschaften einer inklusiven Gesellschaft stehen zur Disposition. Angefangen hat das nicht erst bei Boris Palmer, der in einer gefährlichen Beiläufigkeit davon spricht, dass viele Todesopfer der Epidemie ja eh bald das zeitliche gesegnet hätte. Als wäre der Wunsch, vielleicht noch einige Jahre den Ruhestand zu genießen, die Enkel großzuziehen oder einfach ein paar Jahre mehr guten Cognac zu schlürfen nicht der Sinn, sondern ein Verbrechen gegen den Generationenvertrag. Als wären die Alten vor allem ein Klotz am Bein der Gesunden, die ohne sie schon lange in wiedereröffneten Autohäusern feiern könnten.

Gesellschaftlich gerät mit solchen Äußerungen etwas ins Rutschen. Es wird diskutiert, ob der Schutz der durch das Virus besonders Betroffenen, das sind vor allem aber nicht nur alte Menschen, die Einschränkungen der anderen rechtfertigt. Wen retten, wen sterben lassen? Zu welchem Preis?

Medizinisch verdichten sich diese Fragen in dem Problem der Triage. Das Wort kommt aus dem französischen und der Sprache des Krieges. Bei einer großen Katastrophe müssen Ärzte auslesen, wer zuerst behandelt wird. Wenn nun durch die Behandlungskapazitäten in Krankenhäusern erschöpft sind, müssen Ärzte entscheiden, welche Patienten intensivmedizinisch behandelt und welche palliativmedizinisch versorgt werden. Mehrere medizinische Fachgesellschaften haben für Deutschland Empfehlungen ausgearbeitet. Das dort Kriterien wie neurologische Vorerkrankungen oder eine sogenannte Gebrechlichkeitsskala als Faktoren genannt wurden, um eine Priorisierung der Patienten vorzunehmen, stieß besonders bei Behindertenverbänden auf große Kritik. Sie fürchten eine nachrangige Behandlung.

In anderen europäischen Ländern wird oder wurde die Triage bereits durchgeführt. In Italien wird beispielsweise die Lebenszeiterwartung nach überstandener Krankheit, in der Schweiz die Erfolgswahrscheinlichkeit der Behandlung als Kriterium zur Auswahl herangezogen.

Sollte man einen 80-Jährigen mit Vorerkrankungen von dem Beatmungsgerät entfernen, wenn ein junger Mensch es dringender braucht? In Deutschland lässt die Verfassung solchen utilitaristischen Gedankenspielen kaum Platz. Der berühmteste Beleg dafür: Die gekippte Abschussermächtigung im Luftsicherheitsgesetz. Ein von Terroristen gekapertes Flugzeug fliegt auf ein voll besetztes Stadion zu. 70 000 Menschen könnten sterben. Würden Sie das Flugzeug samt Passagieren abschießen, um so ein Vielfaches mehr an Menschenleben zu retten?

Nicht so das Bundesverfassungsgericht. Eine Passage im Luftsicherheitsgesetz, die in einer solchen Extremsituation den Abschuss des gekaperten Flugzeugs erlaubte, kippte es mit der Begründung: »Eine solche Behandlung missachtet die Betroffenen als Subjekte mit Würde und unveräußerlichen Rechten. Sie werden dadurch, dass ihre Tötung als Mittel zur Rettung anderer benutzt wird, verdinglicht und zugleich entrechtlicht.«

In der Coronakrise wird genau ein solches verdinglichtes, nutzenmaximierendes Denken wieder befördert. Parallel zu den Lockerungen der Maßnahmen werden auch schon einmal moralische Lockerungsübungen durchgeführt. Meist mit Verweis auf einen größeren Nutzen, im Fall Boris Palmer angeblich der von Kindern in Afrika, oder mit Sorgen um die Wirtschaft (wessen Wirtschaft wird da eigentlich gerettet?) wird da die Gefährdung ganzer Gruppen von Menschen hingenommen.

Ich sag es mal ganz brutal: Die Leichtigkeit, mit der einige über die Frage der Wertigkeit von Leben sprechen, macht Angst. Da wird die an einen selbst gemurmelte Versicherung, »sterben tun nur die anderen«, schnell zur selbsterfüllenden Prophezeiung.

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