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Gauland will den 8.Mai nicht feiern

Die Befreiung vom Nationalsozialismus als Feiertag passt nicht in den Geschichtsrevisionismus der AfD

  • Von Mascha Malburg
  • Lesedauer: 3 Min.

Am späten Abend des 8. Mai 1945 kapitulierte die deutsche Wehrmacht endgültig. In der Nacht fielen über Europa keine Bomben mehr und am nächsten Morgen befreite die sowjetische Armee in Stutthof das letzte Konzentrationslager der Nazis. 12 Jahre NS-Schreckensherrschaft waren vorbei.

Für Alexander Gauland ist all das kein Grund zum Feiern. Den Vorschlag der Holocaust-Überlebenden Esther Bejarano, den 8. Mai zum Feiertag zu erklären, lehnt er ab. Der Tag sei ein »ambivalentes Datum«, sagte der Ehrenvorsitzende der AfD gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland: Für die Insassen der Konzentrationslager sei es ein Tag der Befreiung gewesen, aber der 8. Mai stehe zugleich für eine »absolute Niederlage, ein Tag des Verlustes von großen Teilen Deutschlands und des Verlustes von Gestaltungsmöglichkeit«

Gauland stellt gegenüber, was nicht verglichen werden darf: Die Vernichtung von Menschen und die Vernichtung eines Staates, eines faschistischen noch dazu. Natürlich bedeutete die Kapitulation des deutschen Reiches für Viele auch den Verlust ihrer Heimat, aber für die Anderen bedeutete sie eben den Gewinn ihres Lebens. Hier von Ambivalzenzen zu sprechen, ist schlicht menschenverachtend.

Gaulands »Neubewertung« der NS-Zeit ist nicht neu: Schon vor zwei Jahren forderte er in einer Rede vor AfD-Anhängern, man könne wieder stolz sein auf die Taten der deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Die Deutschen hätten das Recht, sich ihre »Vergangenheit zurückzuholen«. Dass er seinen Geschichtsrevisionismus jetzt allerdings direkt vor versammelter Presse äußert und sich so öffentlich gegen den Vorschlag einer Holocaust-Überlebenden stellt, verschafft seiner Rhetorik eine neue Dimension.

In einer Linie mit der AfD-Strategie bleibt Gauland dabei taktisch immer kurz vor der Verfassungswidrigkeit: Die Verbrechen der Nazis werden von den AfD-Spitzen niemals komplett geleugnet, sie werden kleingeredet bis zum »Vogelschiss«. Das anschließliche »Leiden« der Deutschen unter der »dämlichen Bewältigungspolitik« (Höcke) und dem »Schuldkult« (Andreas Wild, Martin Renner) hingegen wird aufgebauscht, bis die, die wirklich gelitten haben, vergessen sind.

In der Geschichtschreibung der AfD wird nach 1945 ein fetter Schlussstrich gezogen, in dessen Schatten man aus den Rhetoriken der Nazi-Zeit schöpfen kann, ohne die gemäßigten Wähler zu verprellen. Wenn Gauland den Verlust der deutschen »Gestaltungsmöglichkeit« durch das Kriegsende betrauert, fühlt jeder Neonazi mit. Aber seine implizierte Forderung, die unangenehme Vergangenheit nun endlich hinter sich zu lassen, schmeichelt auch der Mitte: Erst kürzlich sprachen sich 51 Prozent der Befragten in einer »ZEIT«-Umfrage dafür aus, einen Schlussstrich unter der Nazi-Vergangenheit ziehen. In Anbetracht der sinkenden Umfragewerte der AfD und ihrem Bedeutungsverlust in der Coronakrise wundert es nicht, dass ihr Ehrenvorsitzender hier potentielle Wähler wittert und es mit der alt bewährten Masche versucht.

In einer Sache muss man Gauland am Ende aber noch Recht geben: Der 8. Mai ist ein Tag der Niederlage - einer Niederlage des Hasses, des mörderischen Antisemitismus und der Zerstörung. Und das sollte kräftig gefeiert werden!

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