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Gequält bis zum letzten Moment

Auf den Todesmärschen 1945 starben Hunderttausende KZ-Häftlinge.

  • Von Ingrid Heinisch
  • Lesedauer: 7 Min.

Weit über eine Million Häftlinge litten und starben im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Etwa 60 000 von ihnen haben die Befreiung am 8. Mai 1945 erlebt - die meisten von ihnen nur nicht in Auschwitz. Dort befanden sich am 27. Januar 1945, als die Rote Armee das Lager befreite, nur noch wenige Tausend Überlebende. Den größten Teil der Menschen hatte die SS seit dem Herbst 1944 nach Westen getrieben, weiter und weiter. Oft von einem Lager zum anderen, immer tiefer ins Gebiet des nationalsozialistischen Reiches bzw. in die Gebiete, die Hitlers Schergen noch geblieben waren und die sie bis zum letzten Moment mit allen Mitteln verteidigten.

Die Häftlinge, die Kriegsgefangenen, die Zwangsarbeiter, die sich in ihrer Gewalt befanden, zahlten dafür einen hohen Preis. Hatten Anfang 1945 noch 714 000 KZ-Häftlinge gelebt, so waren es vier Monate später noch höchstens 500 000. Mindestens ein Drittel der Menschen hat in dieser kurzen Zeit den Tod gefunden: in überfüllten Konzentrationslagern, auf Todesmärschen und in Todeszügen, die sie zu immer neuen Lagern bringen sollten, um zu verhindern, dass die Alliierten sie befreien.

Diese letzten Monate blieben, was das Schicksal der Häftlinge betrifft, von der Wissenschaft lange unbeachtet. Erst vor etwa zehn Jahren hat die Forschung begonnen, sich intensiver mit diesem grausamen Kapitel in der Geschichte des Nationalsozialismus zu beschäftigen. Um es mit den Worten Noah Flugs, des früheren Präsidenten des Internationalen Auschwitz-Komitees, auszudrücken: »Auschwitz war schrecklich, ein nicht enden wollender Albtraum, aber der etwa 650 Kilometer lange Todesmarsch und Ebensee, das Lager, in dem ich befreit wurde, das war die Hölle.«

ndPodcast zum 8. Mai - Von Tim Zülch

Meist wird der Beginn der Todesmärsche auf die befohlene Evakuierung von Auschwitz-Birkenau im Januar 1945 datiert. Doch schon im November 1944 wurden etwa 25 000 ungarische Juden an die österreichische Grenze getrieben. Die Mehrheit waren Frauen, etwa ein Fünftel hat den 220 Kilometer langen Todesmarsch nicht überlebt.

Dann begann im Januar 1945 die Evakuierung von Auschwitz, oft erst nur nach Groß-Rosen, dann immer weiter nach Westen. Viele Häftlinge haben mehrere dieser Todesmärsche mitmachen müssen. Sie führten zur völligen Überfüllung einiger Lager wie Bergen-Belsen, Ravensbrück oder Ebensee und zu fürchterlichen Lebensbedingungen für die Häftlinge. Zum Ende hin konzentrierten sich die Transporte und Häftlingsmassen an der Ostsee, in Bayern sowie bei Mauthausen und dessen Nebenlager Ebensee in Oberösterreich.

Die Nazis verfolgten dabei zwei Ziele: Zum einen wollten sie keinen der Häftlinge in die Hände des Feindes fallen lassen. Nachdem das Konzentrationslager Majdanek im Osten Polens im August 1944 vollkommen unerwartet mit allen Gefangenen von der Roten Armee befreit worden war, fürchteten die Nazis, dass die Häftlinge als Zeugen nach dem Krieg aussagen könnten.

Zum anderen hoffte die NS-Führung, in einem letzten fanatischen Kraftakt wenigstens eine bedingungslose Kapitulation abwenden zu können und so die eigene Haut zu retten. Dafür benötigte sie Waffen. Nicht nur die eine Wunderwaffe, sondern auch Panzer, Flugzeuge, Munition. Um diese zu produzieren, brauchten sie die Häftlinge. Die Männer waren an der Front, selbst die alten und die jungen kämpften im Volkssturm. Die jungen Frauen standen in Rüstungsfabriken neben Zwangsarbeitern. Aber ihnen konnte man keine Arbeitsbedingungen wie den KZ-Häftlingen zumuten, die sich buchstäblich zu Tode schufteten.

Die Rüstungsproduktion wurde zunehmend durch die Luftangriffe der Alliierten gestört oder sogar ganz verhindert. Also musste die Produktion unter die Erde verlegt werden. Das größte dieser Projekte war das KZ Dora-Mittelbau in der Nähe von Nordhausen. Es war erst im August 1944 gegründet worden. Dort wurden die sogenannten Wunderwaffen V1 und V2 hergestellt. Das Lager wuchs rasant. Im Frühjahr 1945 bestand es schon aus 40 Einzellagern, die sich über den gesamten Harz erstreckten - ober- und unterirdisch.

Zu den 35 000 Häftlingen, die einerseits in der Produktion arbeiteten, sich andererseits beim Ausbau des Stollensystems abquälten, kamen nun etwa 15 000 Häftlinge aus Auschwitz. Sie hatten tagelang in ungeheizten Zügen ausharren müssen. Als die Züge Dora-Mittelbau erreichten, waren viele der Häftlinge schon tot oder lagen im Sterben. »Diese Tage waren für mich die schrecklichsten meines Lebens«, so die Erinnerung eines Häftlings. »Wenn wir die Toten anfassten, blieben uns öfter Arme, Beine oder Köpfe in den Händen, da die Leichen gefroren waren.« Die SS ließ Scheiterhaufen errichten, auf denen in mehreren Schichten die Leichen verbrannt wurden. Das Feuer war tagelang weithin zu sehen.

Gemeinsam mit den Häftlingen kamen Hunderte von SS-Leuten aus Auschwitz im Harz an. Sie übernahmen die Kommandantur von Dora-Mittelbau. Waren die Lebensbedingungen dort schon vorher grauenhaft gewesen, so verschlechterten sie sich unter der neuen Führung noch weiter. Sie überspannte das Lager mit einem unbarmherzigen Terrornetz. Jeden Tag wurden Häftlinge erhängt, denen die SS Sabotage bei der Rüstungsproduktion vorwarf. Meist waren es sowjetische Kriegsgefangene. An einem Tag exekutierte die SS 50 Häftlinge auf einmal und zwang die übrigen, dabei zuzusehen.

Ziel des Terrors war es, die Häftlinge einzuschüchtern und so zu noch größeren unmenschlichen Anstrengungen zu zwingen - zu Leistungen, zu denen die halb verhungerten, völlig erschöpften Menschen eigentlich nicht mehr in der Lage waren.

In den letzten vier Monaten seines Bestehens starben im KZ Dora-Mittelbau mindestens 6000 Häftlinge - durch den Terror, den die SS ausübte, aber vor allem durch Krankheiten, durch Hunger und Erschöpfung. Es gelang der SS, die Arbeitskraft der übrigen Häftlinge so weit auszupressen, dass in diesen drei Monaten etwa 1700 V2-Raketen und mindestens 6000 V1-Flügelbomben die unterirdischen Fabriken verließen. Sie kosteten vor allem in London und Antwerpen noch unzählige Menschen das Leben.

Anfang April 1945 kam die Front immer näher. Das Lager wurde in aller Eile geräumt, die Häftlinge wurden wieder auf Todesmärsche getrieben oder in Viehwaggons gezwungen. Die Züge fuhren nach Bergen-Belsen, nach Ravensbrück und Sachsenhausen. Überall waren die Lager überfüllt. Aber die SS war nicht bereit, auch nur einen der Häftlinge freizugeben. Im Gegenteil, sie war von einem mörderischen Vernichtungswillen angetrieben.

Ein Beispiel dafür ist das KZ Wöbbelin. Es wurde als letztes Außenlager von Neuengamme errichtet und bestand nur zehn Wochen. Sein einziger Zweck war die Verwahrung von Häftlingen aus anderen Lagern, die die SS hatte aufgeben müssen. Es kam nie über den Zustand des Provisoriums hinaus. 5000 Häftlinge waren hier auf engstem Raum zusammengepfercht. In dem kurzen Zeitraum starben 1000 Menschen.

Dora-Mittelbau war zwar eines der größten und bekanntesten Rüstungslager, aber in Wirklichkeit nur eines von Tausenden, in denen neben Häftlingen auch Zwangsarbeiter unter unwesentlich besseren Lebensbedingungen schufteten. Unter Rüstungsminister Albert Speer war ein dichtes Netz von Lagern in der Nähe von Rüstungsbetrieben entstanden. Viele davon sind vergessen.

Schwarzenpfost zum Beispiel war ein Außenlager von Neuengamme in der Nähe von Rostock. Auch dieses Lager wurde Ende 1944 in aller Hast errichtet - unweit der Heinkel-Werke, wo Flugzeuge gebaut wurden. Jahrzehnte später fanden Schüler aus Gelbensande während der Arbeit an einem Geschichtsprojekt dessen Spuren. Etwa 1000 bis 1500 meist weibliche Häftlinge mussten hier Zwangsarbeit leisten. Nur wenige Berichte gibt es darüber. Die Schüler haben im Wald bei Rostock einen Gedenk- und Lehrpfad angelegt.

Eines der letzten Konzentrationslager, die befreit wurden, war Ebensee in Österreich. Auch hier wurden bis zuletzt tiefe Stollen in den Berg getrieben. Am Ende dienten diese statt dem Rüstungsbetrieb einem letzten Mordversuch der SS-Bewacher, die die Häftlinge in den Steinbruch jagten, um sie dort mit Dynamit zu liquidieren. Doch die Häftlinge widersetzten sich. Ihre Bewacher mussten fliehen.

»Dann geschah etwas Schreckliches. Einen Tag lang gab es keine Aufseher und noch keine Befreier«, erinnerte sich Noah Flug. »Diese Zeit haben einige meiner Kameraden genutzt, um die Kapos zu erschlagen. Diejenigen, derer sie habhaft werden konnten.«

Sicher ist: In diesen allerletzten Kriegsmonaten kam das KZ vor den Haustüren der Deutschen an. Die endlosen Kolonnen von Menschen, die sich durch die Dörfer quälten, waren nicht zu übersehen. Kaum jemand konnte ehrlich behaupten, von nichts gewusst zu haben. Und doch hält sich diese Lüge bis heute.

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