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Pummel gegen Hass!

Nach einer Hassattacke auf eine Nutzerin zeigen Menschen auf Twitter selbstbestimmt ihre Körper, die sonst ständig von Anderen bewertet, kommentiert und beleidigt werden

  • Von Mascha Malburg
  • Lesedauer: 3 Min.

Runde Bäuche, dicke Oberschenkel, füllige Dekolletés: Hunderte Menschen zeigen gerade unter #PummelgegenHass selbstbestimmt ihre Körper, die sonst ständig von Anderen bewertet, kommentiert und beleidigt werden. Der Hashtagtrend hat einen ernsten Hintergrund: Am Tag zuvor ist über die Nutzerin Zaxi eine Hasswelle hereingebrochen, nachdem sie darauf aufmerksam gemacht hatte, dass die Sängerin Adele nach ihrer Gewichtsabnahme öffentlich ständig auf ihren Körper reduziert wird.

«Du bist ja auch fett und nur neidig», kommentierte ein Nutzer, andere nannten sie eine Hure. Plötzlich fluteten etliche Hassnachrichten Zaxis privates Postfach: «Dich würde ich nur tot ficken», schrieben die Fremden und forderten sie auf, sich umzubringen. Zaxi fotografierte die Drohungen, schaltete ihren Account kurzfristig ab und rief die Polizei.

«Ich habe dann versucht, das Ganze rational zu sehen», erzählt Zaxi «nd», «aber natürlich war ich traurig und verletzt». Sie hat ihr ganzes Leben Mobbing aufgrund ihres Gewichts erlebt. Online wie offline beginnt es dabei häufig mit der «Gesundheitskeule», beobachtet Zaxi: Dünne Menschen erklären ihr ständig, dass ihr Gewicht sie krank macht und wie sie abnehmen muss.

Dass Zaxi sich sehr wohl um ihren Körper kümmert und schon ihr ganzes Leben mit Diäten kämpft, interessiert die Leute wenig. Im Alltag bleibt es meistens bei den «gut gemeinten» Tipps, aber in der Anonymität des Internets häufen sich die Beleidigungen. Die Drohungen sind aggressiver.

Was Zaxi erlebt, hat einen Namen: «Fat-Shaming» - Die Stigmatisierung und Demütigung von Menschen mit Übergewicht. Das beginnt schon beim Hinweis auf den «ungesunden» Körper. Denn: Dicke Menschen wissen, dass sie dick sind. Sie brauchen niemanden, der sie daran erinnert. Ob sie etwas an ihrem Körper ändern wollen, oder sich schön finden, wie sie sind, ist allein ihre Sache.

Genau darum geht es bei dem Hashtag #PummelgegenHass, den Zaxis Freundin Minx nach der Hassattacke ins Leben gerufen hat. «Ich wollte das nicht auf uns sitzen lassen», sagte die «nd». In Solidarität mit ihrer Freundin postete Minx ein Foto ihres Körpers und schrieb: «Ich. Bin. Dick. Und wenn DU Komplexe deswegen hast, sind das deine und du darfst sie behalten. Ich will sie nicht. Das bin ich. Und ich bin gut.»

Tausende Nutzer*innen machten es Minx nach, deutschlandweit lagen der Hashtag im Trend. «Das hat mich richtig stolz gemacht», erzählt Zaxi gerührt. Gerade für Frauen sei es eine echte Überwindung, sich so öffentlich zu zeigen: Denn ihre Körper unterliegen genauesten Schönheitsvorstellungen: Schlank und fest sollen sie sein, Fett ist nur an bestimmten Stellen erlaubt, dort aber bitte ordentlich. Barbie, Heidi Klum und die Jeansgrößen bei H&M machen es vor.

«Gesellschaftlich und medial wird ständig darüber diskutiert, wie Frauen auszusehen haben», sagt Minx. Aber auch Männer leiden unter der Stigmatisierung ihres Körpers, betont sie. Generell seien alle Formen von «Body-Shaming» schlimm, ergänzt Zaxi. «Ob »Knochengerüst oder Fettsack, kein Mensch hat solche Beleidigungen verdient«.

Auch unter dem neuen Hashtag sammeln sich jetzt wieder die Beschimpfungen. Die beiden Frauen lassen sich davon aber nicht unterkriegen: Die hohe positive Resonanz mache das wett, grinst Zaxi: »Heute mache ich Twitter auf und sehe diese ganzen unterschiedlichen Körper: Dick, dünn, groß, klein, hell und dunkel, mit Narben und Dehnungsstreifen.« Durch Twitter habe sie eines gelernt: »Egal was die Hater sagen, unsere Körper sind gerade in ihrer Unterschiedlichkeit normal und gesund. Und ich bin gut, so wie ich bin.«

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