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Als Churchill an Stalin schrieb

Den Sieg erkämpften die Alliierten gemeinsam. Von Werner G. Fischer

  • Von Werner G. Fischer
  • Lesedauer: 5 Min.

Weihnachten 1944, am 24. Dezember, ersuchte US-Präsident Franklin D. Roosevelt auf Bitten des Oberkommandierenden der anglo-amerikanischen Streitkräfte in Europa Stalin darum, einen führenden Offizier aus dem Stab von Dwight D. Eisenhower in Moskau zu empfangen, um mit ihm die Lage an der West- und Ostfront zu erörtern. Der britische Premier Winston Churchill schrieb am selben Tag an den Kreml-Herrn: »Ich schätze die Lage im Westen nicht schlecht ein, aber ganz offensichtlich kann Eisenhower seine Aufgabe nicht lösen, ohne Ihre Pläne zu kennen ... Es ist wirklich dringend erforderlich, dass wir die wichtigsten Grundzüge und Termine Ihrer Bewegungen wissen. Wir haben ein solches Vertrauen zu den Offensiven, die von der russischen Armee durchgeführt werden sollen, dass wir Ihnen bisher niemals eine Frage gestellt haben, und wir sind jetzt überzeugt, die Antwort wird beruhigend sein.«

Stalin antwortete positiv. Eisenhower schickte seinen Stellvertreter, Air Chief Marshall Sir Arthur W. Tedder, der schon zu Silvester in der sowjetischen Hauptstadt eintreffen sollte. Dessen Reise verzögerte sich jedoch wegen schlechten Wetters, sodass er nach längerem Aufenthalt in Kairo erst am 14. Januar 1945 in Moskau eintraf. Er wurde tags darauf von Stalin empfangen.

Inzwischen hatte sich die militärische Lage sowohl für die westalliierten als auch die sowjetischen Streitkräfte grundlegend geändert. Ende Dezember hatten Briten und US-Amerikaner in den Ardennen die deutsche Wehrmacht gestoppt und waren zur Gegenoffensive übergegangen. Im Elsass und in Lothringen waren deutsche Angriffe gemeinsam von Franzosen und US-Armee abgewehrt worden. Und die Rote Armee hatte am am 12. Januar 1945 die lange vorbereitete und von den okkupierten Völkern sehnlich erwartete Offensive an fünf Fronten, von Ostpreußen bis hinunter zu den Karpaten, begonnen - mit über vier Millionen Soldaten.

Trotz der konträren Gesellschaftssysteme und der damit verbundenen unterschiedlichen Interessen gab es genügend Übereinstimmung für eine tragfähige Zusammenarbeit der Verbündeten im Kampf gegen Hitler-Deutschland. Diese wurde abgesichert durch die Atlantik-Charta von 1941, die Strategie »Germany first« (obwohl die USA und Großbritannien in Asien, gegen Japan, Krieg führten) sowie die Unterstützung der Sowjetunion durch die »Lend-Lease«-Lieferungen der USA und militärische Hilfe aus Großbritannien. Zudem durch die Forderung nach »Unconditional Surrender« (bedingungslose Kapitulation), die alle Achsenmächte - Deutschland, Japan und Italien - einschloss und auf der Teheraner Konferenz der Alliierten von 1943 bekräftigt worden war. Die seit 1941 von der Sowjetunion geforderte Eröffnung der »Zweiten Front« im Westen erfolgte allerdings erst im Juni 1944.

Das militärische Zusammenwirken durch abgestimmte Offensiven zwischen den Westmächten und der Sowjetunion ab Januar 1945 hatte Vorläufer. Dazu gehörte beispielsweise eine Luft- und Seebrücke der US-Army von der amerikanischen Westküste zum sowjetischen Fernen Osten sowie über den Iran in die Sowjetunion.

Es gab gab auch eine offizielle Zusammenarbeit der sowjetischen und westalliierten Geheimdienste. Der Chef des US-amerikanischen OSS, William J. Donovan, führte in Moskau Gespräche mit Vertretern des sowjetischen Militärgeheimdienstes sowie des NKWD. Die sowjetische Seite war beteiligt an der Desinformationsoperation »Bodyguard«, die der Täuschung der Deutschen hinsichtlich der Eröffnung der »Zweiten Front« mit der Landung in der Normandie diente, die wiederum durch die Sommeroffensive der Roten Armee 1944 indirekte Unterstützung fand.

1943 wurden an den Botschaften in Moskau, London und Washington Militärmissionen der drei Hauptmächte der Anti-Hitler-Koalition eingerichtet. Zwischen den britisch-amerikanischen Militärvertretern und dem sowjetischen Generalstab gab es nicht nur einen schriftlichen Austausch von Informationen, die Leiter der Militärmissionen in Moskau nahmen auch an Treffen der Botschafter bei Stalin teil. Bei einem Einsatz der 15. US-Luftflotte gegen Ungarn im Herbst 1944 kam es indes zu einem schweren Zwischenfall: Sowjetische Bodentruppen wurden getroffen, sowjetische und US-Jagdflugzeuge beschossen sich.

Anfang jenes Jahres hatte es zwischen Churchill und Stalin einen bemerkenswerten Schriftwechsel gegeben. Am 12. Januar 1944 schrieb der britische Premier nach Moskau: »Wir verfolgen von Stunde zu Stunde den wunderbaren Vormarsch der Sowjetarmee. Wenn wir wieder in Teheran wären, würde ich jetzt über den Tisch hinweg zu Ihnen sagen: ›Teilen Sie mir bitte rechtzeitig mit, wann wir aufhören sollen, Berlin zu zerstören, damit genügend Unterkünfte für die Sowjetarmee bleiben.‹« Stalin antwortete: »Unsere Armeen haben in der letzten Zeit wirklich Erfolge erzielt, aber bis nach Berlin ist es für uns noch sehr weit ... Folglich brauchen Sie die Bombardierung Berlins nicht abzuschwächen, sondern sollten sie möglichst mit allen Mitteln verstärken.« In der Folge vermeldete Churchill nach Moskau britische Luftangriffe auf Berlin, zu denen Stalin regelmäßig gratulierte. Während eines Treffens von Churchill und Stalin am 14. Oktober 1944 in Moskau kündigte jedoch der britische Premier laut sowjetischem Protokoll an, wenn die Deutschen aus Frankreich vertrieben seien, »werden sich die Verbündeten auf den Weg nach Berlin machen«. Eröffnet war der Wettlauf auf die deutsche Hauptstadt. Erst am 27. März 1945 änderte Eisenhower seine Pläne. Er teilte Stalin mit, er wolle mit seinen Hauptkräften in Richtung Leipzig - Dresden vorstoßen.

In der Endphase des Krieges gab es verschiedenste deutsche Versuche zu Sonderverhandlungen mit den Westalliierten. So wurden im Februar 1945 geheime Kontakte zu US-Vertretern in der Schweiz aufgenommen. Das führte zu Verstimmung in der Anti-Hitler-Koalition, die sowjetische Führung fühlte sich hintergangen. Letztlich eroberte jedoch die Rote Armee Berlin. Kampfkommandant General Helmuth Weidling kapitulierte am 2. Mai 1945 mit den Worten: »Ich befehle, den Widerstand einzustellen.«

Am 6. Mai versuchte der von Hitler zum Reichspräsidenten ernannte Großadmiral Karl Dönitz im Hauptquartier der (West-)Alliierten Streitkräfte in Reims nochmals, ein Separatabkommen zu erreichen. Eisenhower bestand auf bedingungsloser Kapitulation vor allen Siegermächten, die in der Nacht zum 7. Mai unterzeichnet wurde. Sie wurde mit der Unterzeichnung einer weiteren Kapitulationserklärung in der Nacht zum 9. Mai am Sitz des Oberkommandierenden der Roten Armee in Deutschland in Berlin-Karlshorst besiegelt.

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