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Vita activa

Walter Schmidt 90

Es geht die Rede um, der Historiker Walter Schmidt kenne jeden Teilnehmer der Revolution von 1848/49, zumal aus Schlesien, mit Namen und Adresse. Das ist kaum übertrieben. Die Liebe zum Detail verbindet sich bei dem marxistischen Historiker, der am Montag in Berlin seinen 90. Geburtstag beging, mit dem Mut zur theoriegesättigten Analyse.

Geboren am 11. Mai 1930 in Protsch-Weide bei Breslau, nutzte Schmidt die Chance eines Bildungswegs, der typisch für Angehörige seiner Generation in der DDR war. Davor lag eine Zeit der Bedrängnis: Der Zwölfjährige musste erleben, wie sein Vater als Widerstandskämpfer nach einem »Volksgerichtshof«-Urteil hingerichtet wurde. Die antifaschistische Familie hätte in Polen bleiben können, entschied sich jedoch nach dem Krieg für das thüringische Greiz als zweite Heimat. Dort brachte der spätere Archivar und Professor Fritz Beck, damals Lehrer, dem jungen Walter Schmidt die Geschichte nahe. An der Universität Jena lenkte Karl Griewank sein Interesse auf die deutsch-polnischen Beziehungen um 1848.

Walter Schmidts wissenschaftliche Laufbahn begann am Institut für Gesellschaftswissenschaften in Berlin. 1984 übernahm er die Direktion des Zentralinstituts für Geschichte der Akademie der Wissenschaften, das nach der deutschen Vereinigung »abgewickelt« wurde. Erste Meriten hatte er sich 1963 mit dem ersten Teil einer Biografie von Wilhelm Wolff, einem der engsten Mitstreiter von Marx und Engels, erworben, deren zweiter Band 1979 folgte. Trotz Leitungsverpflichtungen blieb er ein publikationsfreudiger Historiker. Er war Leiter des Autorenkollektivs und Hauptautor von Standardwerken wie der »Illustrierten Geschichte der deutschen Revolution von 1848/49« und von Band 4 der »Deutschen Geschichte« für die Jahre 1789 bis 1848. Als international herausragender Forscher zur demokratischen Revolution gab Schmidt vielen ihrer Akteure Gesicht und Stimme.

Konsequent verteidigte Walter Schmidt sein wissenschaftliches Wirken und das seiner Schüler gegen die nach 1990 modische Abwertung und blieb seiner sozialistischen Haltung treu. Unter seinen zahlreichen Aktivitäten als fortan »Privatgelehrter« seien sein großes Engagement für die Fortführung der Marx-Engels-Gesamtausgabe und seine Arbeit in der Leibniz-Sozietät genannt.

Seine kürzlich erschienenen »Erinnerungen eines deutschen Historikers« enthalten manch selbstkritische Bemerkung über die von ihm lange verfochtene These einer selbstständigen DDR-Nation. Dem unermüdlichen Gelehrten sei eine noch lange währende Vita activa gewünscht!

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