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Lieber Malthus statt Marx

»Planet of the Humans«, beworben von Michael Moore, stellt erneuerbare Energien als Projekt einer geldgierigen Elite dar

  • Von Jörn Schulz
  • Lesedauer: 6 Min.

Wird es ausgerechnet Michael Moore sein, der Donald Trump zur Wiederwahl verhilft? James Delingpole, Autor des, zurückhaltend formuliert, rechtspopulistischen Nachrichten- und Propagandaportals »Breitbart«, hofft darauf. Denn in seinem »mit Abstand mutigsten« Dokumentarfilm »Planet of the Humans« habe Moore »die gesamte Basis des Green New Deal unterminiert«, der von den Demokraten propagiert werde. Mit gekonnter Boshaftigkeit wirft Delingpole ihm auch implizit einen Mangel an humanistischer Ethik vor, indem er sich von dem »malthusianischen Glauben« distanzierte, der dem Film zugrunde liege.

Andere Kommentatoren der libertären, populistischen und extremen Rechten stimmten in die Lobeshymne ein. Kaum einer versäumt es, sich von Michael Moores sonstigen Ansichten zu distanzieren. Aber eben weil Moore ein Linker ist, noch dazu einer der prominentesten, führen sie ihn dankbar als Kronzeugen dafür an, dass sie schon immer recht gehabt hätten.

Der Beifall kommt nicht unverdient. In »Planet of the Humans« wird postuliert, dass »grüne« Energie mehr CO2 freisetzt als die direkte Verbrennung fossiler Brennstoffe - was nicht zutrifft, aber die Rechte wohl nicht weiter interessiert hätte. Der Film deutet die Bemühungen um eine Energiewende jedoch zudem als Komplott einer geldgierigen Elite, zu der einige der Lieblingsfeinde der Rechten wie Al Gore und Barack Obama gezählt werden. Da muss der Begriff »Verschwörung« nicht mehr explizit fallen, um die Rechten in ihrem Glauben zu bestätigen, Opfer finsterer Machenschaften geworden zu sein.

Michael Moore fungiert in »Planet of the Humans« als ausführender Produzent, vor allem aber als prominenter Propagandist für den weit weniger bekannten Jeff Gibbs, der bei früheren Filmen Moores für Produktion und Filmmusik zuständig war und hier Regie führt. Das gereicht dem Film zum Nachteil, denn bei aller gebotenen Kritik an Moores Hang zu plumper Propaganda und Manipulation waren seine Filme unterhaltsam; mochte man sich auch über manches ärgern, so hatte man doch immerhin etwas zu lachen.

Das ist bei »Planet of the Humans« nicht der Fall. Gibbs inszeniert die Dokumentation als eine Art Road Movie, teils als autobiografische Reise von seinem persönlichen Öko-Glauben, dem er schon als Kind frönte, zur Erkenntnis der »Wahrheit«, teils als Rundreise zu diversen Stätten der sogenannten Energiewende, an denen er unvermeidlich feststellt, dass das alles nichts taugt. Dies wird ergänzt durch sonnenuntergangs- und blutmondgetränkte Szenen, in denen Gibbs aus dem Auto oder dem Off auf nicht allzu hohem Niveau vor sich hinphilosophiert, sowie durch die unvermeidlichen Einspielungen von Aussagen diverser »Experten«.

Etwa in der Mitte des Films konsultiert Gibbs Anthropologen und Psychologen, die von Überbevölkerung und der Notwendigkeit sprechen, sich intensiver mit dem bevorstehenden eigenen Tod auseinanderzusetzen. Sie trugen dem Film den Vorwurf ein, malthusianisch zu argumentieren - grundsätzlich zu Recht, zumal diese Aussagen von Gibbs ergänzt werden mit Off-Kommentaren wie diesem: »Es ist nicht das CO2, das den Planeten zerstört - es sind wir Menschen.« Argumentiert wird allerdings nicht, Gibbs begnügt sich mit düster-dräuenden Andeutungen.

Deutlicher wird er in seiner Kernbotschaft: Es gibt keine »grüne« Energie. »Planet of the Humans« stellt hier eine Reihe realer, allerdings längst bekannter und zum Teil bereits gelöster Probleme dar: Es bringt der Umwelt in der Tat wenig, wenn ein Elektroauto mit Kohlestrom angetrieben wird. Fragwürdig wird es, wenn behauptet wird, wegen der unzuverlässigen Versorgung durch Wind- und Sonnenenergie bedürfe ein Stromnetz immer des Backups durch mit fossilen Brennstoffen betriebene Kraftwerke. Ein solches Backup können auch Batterien oder Pumpspeicher liefern. Dass solche Speichersysteme nicht im ausreichenden Maß zur Verfügung stehen und entwickelt werden, beweist nicht, dass dies unmöglich ist.

Ähnliches gilt für andere im Film benannte Widersprüche. Der Ressourcenverbrauch bei der Herstellung von Batterien ist zu hoch, man kann auch grundsätzlich daran zweifeln, dass das Elektroauto im Tesla-Stil eine sinnvolle Innovation ist. Viele Probleme wären schneller lösbar, wenn die Ingenieurskunst nicht durch den dem Kapitalismus inhärenten Konservatismus - man hält immer so lange an einer Technologie fest, wie es irgend geht, weil Innovationen teuer sind - und den Zwang zur Profitabilität, dem jede Innovation unterworfen ist, gebremst würde. Manche Probleme sind vielleicht tatsächlich unlösbar, die Grenze des Möglichen aber markieren die Naturgesetze, nicht der Horizont von Investoren.

Dass es nicht zum Umweltschutz beiträgt, wenn ein narzisstischer Schaumschläger wie Richard Branson seinen Privatjet mit Kokosnussöl betankt, hat wohl auch vor der Veröffentlichung von »Planet of the Humans« kaum jemand bezweifelt. Auch andere Repräsentanten des »grünen Kapitalismus« muss man nicht sympathisch finden. Sie wollen Geld verdienen und betreiben Klientelpolitik wie alle anderen auch. Darüber darf sich gern empören, wer gerade nichts Wichtigeres zu tun hat. Und ja, bei Branson kann einen jenseits der Rationalität schon mal das Bedürfnis überkommen, ihm eine Kokosnuss in die grinsende… - aber zurück zur Sache: Wundern sollte man sich nicht darüber, dass auch der »grüne Kapitalismus« nach den Regeln des Kapitalismus funktioniert. Nach welchen auch sonst?

Der »grüne Kapitalismus« scheitert bei der Bewältigung der Klimakrise, weil er sich nicht aus einer Infrastruktur lösen kann, die auf fossilen Brennstoffen basiert, und gemäß den herrschenden Dogmen der Klimaschutz marktkonform zu sein hat, selbst, wenn man den Markt, wie beim Emissionshandel, erst künstlich schaffen muss. Der Film »Planet of the Humans« insinuiert hingegen auf der Grundlage der kontrafaktischen Behauptung, erneuerbare Energien könnten grundsätzlich keine Alternative darstellen, dass der »grüne Kapitalismus« ein großangelegter Betrug sei, die Klimaschutzbewegung unter Kontrolle seiner Protagonisten stehe und ihre Anführer sich verkauft hätten. Gibbs arbeitet dabei im Mooreschen Stil mit diffusen Andeutungen, Halbwahrheiten und Manipulationen; der immer wieder angeführte Sierra Club etwa gehört zum weiteren Umfeld der Demokraten, kann aber schwerlich als repräsentativ für die Klimaschutzbewegung gelten.

Konfrontiert mit dem Vorwurf, der extremen Rechten in die Hände zu arbeiten, gaben sich Gibbs und Moore im Interview mit dem Fernsehsender »The Hill« Ende April als Umweltschützer, die warnen und unbequeme Fragen stellen wollen, ohne Antworten zu haben, sowie als Wachstumskritiker. Ist eine technisierte Zivilisation ohne Umweltzerstörung aber undenkbar, kann die Antwort nur Bevölkerungsreduktion oder Armut für fast alle lauten. Mehr noch als die konventionellen Rechten dürfte diese Botschaft rechtsesoterische Öko-Apokalyptiker und Verzichtsapostel erfreuen. Allen, die bei Verstand bleiben wollen, kann »Planet of the Humans« als Lehrstück dafür dienen, dass Populismus, manipulative Methoden und unseriöser Umgang mit Fakten, so amüsant sie bei Moore zuweilen daherkamen, irgendwann doch unvermeidlich auf Abwege führen.

»Planet of the Humans«, USA 2019. Dokumentarfilm. Regie: Jeff Gibbs. Executive Producer: Michael Moore. 100 Min. Bis zum 20. Mai kostenlos abrufbar auf Youtube: www.youtube.com/watch?v=Zk11vI-7czE

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