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Peng! Knall!

Netflix: »Time to Hunt«

  • Von Benjamin Moldenhauer
  • Lesedauer: 3 Min.

Was von diesem Film zuallererst in Erinnerung bleibt, ist das Geräusch der Schüsse. Die sind in dem koreanischen Actionfilm »Time to Hunt« in den zentralen Sequenzen derart laut, dass es einem in den Ohren klingelt. Die Geräuschkulisse, die sich ausbreitet, sobald die Jagd an Fahrt aufnimmt, ist eine Form von kinematografischem Terror und entfaltet schnell eine beeindruckende Intensität. Wenn hier die Schüsse auf der Tonspur hochgemischt werden, hat das nur noch wenig mit der Dynamik des gängigen Actionkinos zu tun, sondern soll den Zuschauer mit aller Virtuosität niederknüppeln.

Regisseur Yoon Sung-hyun ist es mit seinem zweiten Spielfilm gelungen, die filmischen Techniken und Dynamiken des Actionfilms aufzunehmen, zuzuspitzen und sie so als Horrorkino zu realisieren. Dem entspricht die zentrale Figur: ein Auftragskiller, der Jagd auf vier stoffelige, sympathische Kleingangster macht, die nach dem Überfall auf ein Casino das lokale Gangstersyndikat an den Hacken haben. Die stille, aber spürbar sadistische Unnachgiebigkeit, mit der die Killer-Figur agiert, stellt sie in eine Reihe mit dem unaufhaltsamen, beklemmenden Anhalter aus dem Horrorklassiker »The Hitcher«. Der Plot und die übrigen Charaktere verblassen dann auch etwas.

Überhaupt merkt man »Time to Hunt« an, dass der Film, bei allen Versuchen, ein finster-dystopisches Korea zu zeichnen, vor allem darauf aus ist, möglichst intensives Bewegungskino zu schaffen. Dass die Dialoge ein wenig vorgestanzt wirken und der Film zwischen den Eskalationsszenen auch einige Längen hat (und mit zweieinviertel Stunden Laufzeit auch sicher nicht zu kurz ist) - egal. Was der Film erreichen will, gelingt ihm mit Leichtigkeit: Schaut man ihn in der angemessenen Lautstärke, fühlt man sich danach, als sei man von John Woo und Michael Mann gleichzeitig in die Mangel genommen worden.

Unmittelbar-körperlich realisiert sich der Angriff auf die Sinne der Zuschauer wie gesagt über den Ton. Aber auch sonst - hinsichtlich Farbe, Bewegung, Rauminszenierung - ist dieser Film ein durchweg geglückter Versuch, das Publikum in einem möglichst gnadenlosen Rhythmus unter Strom und Stress zu setzen. Die Räume werden sukzessive enger, die Farbgebung wird immer höllischer. Allein zu der Szene im Parkhaus könnte man ein halbes Seminar an einer Filmhochschule abhalten. Wie sich das Geräusch der Auto-Alarmanlagen mit dem Stresszustand der Figuren und dem Wissen des Zuschauers um die zwangsläufig kommende Katastrophe verbindet, das ist schon von einer beeindruckenden filmischen Virtuosität.

Was außerdem bleibt, nach dem Sehen: die Erinnerung an den Kinosaal, in dem man das alles viel lieber gesehen hätte als auf Netflix. Nach der Weltpremiere auf der letzten Berlinale ist »Time to Hunt« nur noch als Stream zu haben. Mit gutem Kopfhörer und aufs Maximum gedrehtem Lautstärkeregler kann man mit diesem Film auch so viel Freude haben. Aber man weiß auch wieder, warum eine Leinwand, die größer ist als das eigene Wohnzimmer, allen anderen Formaten bis auf Weiteres schlicht überlegen bleibt.

»Time to Hunt«, Südkorea 2020. Regie/Drehbuch: Yoon Sung-hyun; Darsteller: Lee Je-hoon, Ahn Jae-hong. 134 Min. Abrufbar auf Netflix.

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