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Lissabon hält in der Krise zusammen

Stadtverwaltung der portugiesischen Hauptstadt und Hilfswerke versorgen Zehntausende mit Lebensmitteln

  • Von Peter Steiniger
  • Lesedauer: 3 Min.

Reden, zuhören, kümmern: Nach diesem Konzept betreibt Portugals älteste Einrichtung der Gesundheitsfürsorge, die katholische Santa Casa de Misericórdia das »Projekt Radar«. Anfang 2019 hatte sie es gemeinsam mit der Lissaboner Stadtverwaltung als Pilotprojekt für Portugal ins Leben gerufen. Es ist für die wachsende Bevölkerungsschicht der Menschen über 65 Jahre da. Dazu zählt in der portugiesischen Hauptstadt etwa jeder Vierte. Rund 85 000 davon wohnen dort heute allein oder mit jemandem aus derselben Altersgruppe.

Mit der Unterstützung vieler Freiwilliger soll »Radar« etwas gegen die Vereinsamung alter Menschen tun, Risiken vorbeugend erkennen und konkrete Hilfe leisten. Angehörige, Nachbarn, Gewerbetreibende, Apotheken und soziale Einrichtungen betätigen sich hier für diese guten Zwecke gemeinsam. Zum Netzwerk gehören auch die Sozial- und Gesundheitsbehörden, die Polizei und die Gemeindeverwaltungen der einzelnen Stadtteile.

In der Coronakrise versorgen die freiwilligen Helfer nun Tag für Tag vor allem Hunderte allein lebende ältere Menschen mit Essen. Lissabons seit 2015 von Fernando Medina von der sozialdemokratischen Sozialistischen Partei (PS) geführte Stadtverwaltung lässt derzeit sogar insgesamt an etwa 15 000 Menschen kostenlos Mahlzeiten verteilen. Satte 1,5 Millionen Euro kostet das die Stadtkasse pro Monat. Lieferanten sind unter anderem die Küchen vorübergehend geschlossener Schulen. Die Hilfe zielt auf die Bedürftigsten in der Stadt. Angewiesen sind nicht nur Ältere mit kleinen Renten, sondern auch viele Familien mit Kindern.

Schon unter normalen Verhältnissen leben viele Bewohner Lissabons mit prekären Jobs, niedrigen Löhnen und bei steigenden Wohnkosten in oder am Rande der Armut. Schulen sowie drei von der Armee betriebene Punkte in der Stadt dienen als Ausgabestellen für die Notspeisung. Voll versorgt werden Hunderte obdachlose Menschen, die in Notaufnahmezentren untergebracht wurden, wie der umgenutzten Sporthalle Casal Vistoso im Stadtteil Areeiro. Etliche von ihnen sind erstmals in eine solche Situation gelangt, haben durch die Krise erst den Job und dann das Dach über dem Kopf verloren. Die Behörden rechnen damit, dass die Zahl der Wohnungslosen weiter steigen wird.

Angesichts der bereits dramatischen Krise auf dem Mietwohnungsmarkt - nicht zuletzt eine Folge der Umwandlung vieler Immobilien in lukrative Ferienunterkünfte für Touristen - will Lissabons Stadtregierung jetzt aktiv werden. Der Bestand an öffentlichen Wohnungen, der nach Angaben der zuständigen Stadträtin Paula Marques (PS) gerade einmal sieben Prozent ausmacht, soll jetzt deutlich erhöht werden. Die Stadt beabsichtigt dafür ungenutzten, aber bezugsfähigen privaten Wohnraum zu erwerben. Mitte April stimmte das Rathaus zudem einem Antrag des Sozialstadtrats Manuel Grilo vom Linksblock (BE) zu, mehr Mittel für den Umbau von in öffentlichem Besitz befindlichen Gebäuden, etwa Kasernen, zu Wohngebäuden mit erschwinglichen Mieten einzusetzen.

Anders als Nachbar Spanien kamen Portugal und sein Gesundheitssystem glimpflich durch die Corona-Pandemie. Doch die Folgen der Eindämmungsmaßnahmen für das wirtschaftliche und soziale Leben sind auch hier katastrophal. Nach dem Ende eines sechswöchigen Notstands kehrt das ärmere EU-Land seit dem 4. Mai schrittweise in eine veränderte Normalität zurück. Kleinere Geschäfte und Dienstleistungsbetriebe haben seitdem wieder geöffnet, in der kommenden Woche sollen Gastronomie und Schulen folgen. Noch bis zum Juni warten müssen Kultureinrichtungen. Die Erholung von Wirtschaft und Arbeitsmarkt hängt in Portugal wie in anderen Reiseländern stark von einer baldigen Wiederaufnahme des Tourismus ab.

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