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Die Verwundbaren

Robert Misik über die falschen Freunde der »einfachen Leute«

Rechtspopulisten behaupten, die Interessen der sogenannten einfachen Leute zu vertreten. Aber wer sind diese »einfachen Leute« eigentlich, auf die sich Populisten beziehen? Robert Misik geht in seinem neuen Buch dieser Frage auf den Grund und beleuchtet nicht nur die ökonomischen Bedingungen, unter denen die heutige Arbeiterklasse lebt - ein Begriff, den der Wiener Journalist gegenüber dem der »einfachen Leute« eigentlich bevorzugt. Der österreichische Kapitalismmus- und Globalisierungskritiker geht ebenso ein auf deren Ängste und das Gefühl, vernachlässigt zu werden. Dabei scheut er nicht davor zurück, gängige Überzeugungen derjenigen in Frage zu stellen, die meinen, die entsprechenden Rezepte zu haben, um den Einfluss rechtspopulistischer Parteien zurückzudrängen.

Misik will die subjektiven Empfindungen der sogenannten einfachen Leute verstehen, deren Wertvorstellungen und deren historischen Werdegang. Die Mittel und Methoden jener, die sie verführen wollen, unterzieht er einer kritischen Analyse - aber ebenso einige ihrer linken Fürsprecher. Er selbst zählt sich zu letzteren. Die von ihm vorgebrachten theoretischen Referenzen reichen von Karl Marx bis hin zum französischen Soziologen Pierre Bourdieu.

Eigentlich kann der Wiener Journalist mit der tatsächlichen Unschärfe des Begriffs »einfache Leute« wenig anfangen. Er zieht es vor, von der »Arbeiterklasse« zu sprechen - im Sinne der englischen Bedeutung, der »working class«. Dort umfasst sie weit mehr als Industriearbeiter, schließt zum Beispiel auch diejenigen ein, die als Scheinselbstständige ein prekäres Dasein fristen.

Die Mehrheit der Arbeiterklasse sei jedenfalls nicht für politische Ziele der Rechtspopulisten zu vereinnahmen, meint Misik kühn und konstatiert zugleich, dass sie allerdings politikverdrossen sei und den etablierten Parteien nicht traue. Zur Zeit der Hochphase der FPÖ in Österreich votierten immerhin ca. 35 Prozent der Arbeiterklasse für die Rechtspopulisten. Die Behauptung der Neoliberalen, die Globalisierung sei ein »Win-Win-Szenario« für alle, habe längst ihre Glaubwürdigkeit verloren, so Misik. Das weltweite kapitalistische Wirtschaftssystem sei immer noch auf die Maximen von Marktöffnung und Privatisierung ausgerichtet. Mit all deren fatalen Folgen: Massenentlassungen und Abbau des Wohlfahrtsstaates. Dadurch habe sich ein regelrechtes »System der Angst und Unsicherheit« etabliert. Für Misik ist dies der Nährboden für rechte Ideologien. Denn dadurch sei ein Vakuum entstanden, das linke Parteien nur unzureichend füllen konnten, schon gar nicht die neoliberal gewendete Sozialdemokratie. Rechtspopulisten hingegen böten nationale Identifikationsmöglichkeiten an, die allzu gerne angenommen würden. Vor allem mit rassistischer Hetze wollen sie die Ängste und Verunsicherungen der »einfachen Leute« in ihrem Interesse instrumentalisieren.

Diese in bürgerlichen Kreisen gerne verdrängten Zusammenhänge verdichtet Misik in lebensnahen Bildern: Der Verwundbare schätze nicht den Wandel, sondern Stabilität und Gemeinschaft. »Für die oberen Schichten bedeutet Wandel, dass du dich weiterentwickelst oder ein Start-up gründest«, schreibt Misik, »Für die Arbeiterklasse heißt Wandel meist, dass du gefeuert wirst.«

Als eine Schwäche vieler Linker macht Misik, der in England, den USA, Deutschland und Österreich recherchierte, diverse Fehlannahmen aus: Die Arbeiterklasse sei entgegen linker Idealisierungen mit den wirklich Armen wenig solidarisch, ihr leistungsorientierter Arbeitsethos schon immer an konservative Wertvorstellungen anschlussfähig gewesen. Die Arbeiterklasse zeige zudem wenig Akzeptanz gegenüber dem Wohlfahrtsstaat; mit ehrlicher Arbeit sei niemand auf Transferleistungen angewiesen, meinten viel. Für letztere These bleibt Misik allerdings stichhaltige Belege schuldig. Er bemüht anekdotische Evidenz, also einzelne Statements aus Interviews, die er in Arbeitervierteln von Großstädten geführt hat. Für einen nicht unerheblichen Teil der Arbeiterklasse dürfte seine These jedenfalls nicht zutreffen. Erwerbslosen- bzw. Arbeitslosenhilfe ist für sie jedenfalls zumindest immer eine garantierte Lohnuntergrenze - anders als der gesetzliche Mindestlohn, der durch zunehmende Scheinselbstständigkeit (man denke nur an die unzähligen Paketdienstfahrer) faktisch unterlaufen wird. Die Proteste gegen die Hartz-IV-Gesetze in Deutschland, an denen sich auch viele Gewerkschafter beteiligten, waren dafür in der jüngeren Geschichte ein deutlicher Beleg. Ein nicht unerheblicher Teil der gewerkschaftlich orientierten Arbeiterklasse spürt nämlich durchaus, dass geringere Sozialleistungen Druck auf das gesamte Lohngefüge bedeuten und letztlich immer mehr Menschen in schlecht bezahlte und prekäre Arbeitsverhältnisse treiben.

Zur Klimadebatte verliert Misik leider kein Wort. Dabei treiben Regierungen weltweit Teile der Arbeiterklasse regelrecht in die Arme rechter Klimawandelleugner, indem sie die Kosten für die Folgen der globalen Erwärmung auf die Allgemeinheit abwälzen anstatt die Umweltsünder der Auto- und Energieindus-trie in die Pflicht zu nehmen.

»Der verletzbarste Teil der Arbeiterklasse, das sind Teile der alten weißen Arbeiterklasse und das neue, zugewanderte Proletariat«, schreibt Misik und berichtet auch von Zugewandtheit und Solidarität, auf die er bei seinen Recherchen gestoßen ist. Sein Fazit: Weder Idealisierungen noch negative Generalisierungen werden der Arbeiterklasse gerecht.

Um den Einfluss der »falschen Freunde« zurückzudrängen, plädiert Misik schließlich für ein neues Bündnis aus Arbeiterklasse und progressiven Teilen der Mittelschicht. Voraussetzung sei allerdings, der Arbeiterklasse mit Respekt und nicht mit Herablassung zu begegnen. Das gilt auch und gerade in Zeiten der Pandemie, in der nicht wenige Unternehmen die Chance für Entlassungen, Lohndumping und Tarifausstieg sehen.

Robert Misik: Die falschen Freunde der einfachen Leute. Edition Suhrkamp, 140 S., br., 14 €.

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