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Jetzt hilft nur noch Liebesentzug

Ich fühle nichts mehr: Ein vorläufiger Abschiedsbrief an den Fußball

  • Von Fabian Hillebrand
  • Lesedauer: 3 Min.
Der Bundesligastart ist die Antithese zu allem, was schön und gut war am Fußball: Den Fans.
Der Bundesligastart ist die Antithese zu allem, was schön und gut war am Fußball: Den Fans.

Dieses Gefühl hat mich immer wieder umgehauen. Die Stufen zum Block hochzulaufen, aus einem beengten Tunnel in die unendliche Weite eines Fußballstadions zu schreiten. Wie durch einen Filter werden die Emotionen langsam lauter, bis man auf der Empore steht und 40.000 Menschen schreien und jubeln hört. Zum Beispiel ich als kleiner Junge, 2007 Werder Bremen gegen das übermächtige Real Madrid. Der Osterdeich riecht nach Bier, Wurst und Sensation. Daniel Jensen, unauffälliger Mittelfeldakteur und deshalb schon immer mein Lieblingsspieler, spielt das Spiel seines Lebens und einen Steilpass aus dem Mittelfeld heraus, den Aaron Hunt am herauseilenden Casillas vorbei zum 3:1 einschießt. Ohrenbetäubende Freude. Es ist in diesem Moment unvorstellbar, dass Hunt später zum Parias wird und ausgerechnet zum Hamburger SV wechselt - so glücklich macht er Bremen in diesem Moment.

Oder natürlich 2004. Menschenmassen haben sich am Flughafen eingefunden, Thomas Schaaf schwenkt die Werder-Fahne aus dem Cockpit des Fliegers, indem sich die Helden befinden, die den Bayern daheim die Lederhosen ausgezogen haben, wie sie ihnen vorher wohl noch kaum jemand ausgezogen hat und die Meisterschale nach Hause gebracht haben. Ganz Fußballdeutschland klatscht Werder Applaus und wir am Flughafen unseren Helden und uns selber. Ein Bekannter von mir fährt später nur in seinem Werder-Trikot nach Hause. An diesem Tag ist alles möglich.

Oder 2016, als erst in der 88. Minute ein scharfer Ball von Claudio Pizarro von Anthony Ujah noch schärfer gemacht wird und dann Papy Djilobodji den Ball über die Linie grätscht und damit Werder die Erstklassigkeit sicher. Es gibt keine Barrieren mehr, wir rennen auf das Feld, ich sehe Ujah, wie er mit einem Megafon, dass sonst die Ultras halten, Parolen anstimmt und mit den Fans im Kreis springt. Es wird gefeiert, wie in Bayern die letzten 28 Meisterschaften nicht gefeiert wurden. Ich setze mich auf die Trainerbank, wo Victor Skripnik eine der schlechtesten Saisons der Vereinsgeschichte coachte und muss weinen.

2020 steht Werder wieder kurz vor dem Abstieg. Ich fühle nichts. Die Bundesliga geht wieder los, trotz Corona. Aber der Fußball hat sich von mir verabschiedet. Nirgendwo ist die Klassenzusammensetzung so breit wie im Stadion, nirgendwo habe ich Inklusion so schön erlebt wie auf der Westtribüne. Lange habe ich den Fußball gegen alles verteidigt. Zuviel Kommerz? Ja, aber die Fans. Eine abgehobene Parallelwelt? Ja, aber das Gefühl. Die oberkörperfreien Macker? Ja, aber all das Soziale, das die Fankurven umsetzen. In der Coronakrise zeigt sich der Fußball so hässlich wie eine Schwalbe von Timo Werner im Vergleich zu einem Lupfer von Johann Micoud. Früher war alles gut und nichts tat weh. Seit Jahren wird es nur noch schlimmer. Und irgendwann ist es eben auch einfach nichts mehr schön außer das Gerede von früher. Irgendwann ist gut.

Nicht erst die jüngsten Entgleisungen von Trainer Heiko Herrlich und Spieler Salomon Kalou: Der ganze Fußballzirkus hat die Grenze zur Lächerlichkeit überschritten, als er sich selber wichtiger nahm, als alle anderen Sportarten und die ganze Gesellschaft zusammen. Ich vermisse es, die Stufen zum Block hochzulaufen. Ich vermisse den Fußball. Aber anders. Jetzt hilft nun nur noch Liebesentzug. Bis die Fußballbosse in ihrem Paralleluniversum die Hauptsache merken: dass Fußball eben nur Nebensache ist.

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