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Homophobe Attacken erreichen Rekordniveau

Gewalt gegen Schwulen und Lesben ist in Berlin stark gestiegen / Kundgebung zum Tag gegen Homo- und Transfeindlichkeit am Sonntag

  • Von Martin Kröger
  • Lesedauer: 4 Min.

Zum Internationalen Tag gegen Homo- und Transfeindlichkeit an diesem Sonntag ist in Berlin eine Kundgebung vor dem Rathaus Schöneberg geplant. Die Veranstaltung soll unter strenger Einhaltung der geltenden Kontaktbeschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie stattfinden. »Auch und gerade in der aktuellen Pandemie-Situation ist es wichtig, am 17. Mai zum Internationalen Tag gegen Homosexuellen- und Trans*feindlichkeit Flagge zu zeigen«, sagt die Bezirksbürgermeisterin von Tempelhof-Schöneberg, Angelika Schöttler (SPD).

»Die diesjährige Kundgebung kann nicht in gewohnter Form stattfinden«, sagt Jörg Steinert, der Geschäftsführer des Lesben- und Schwulenverbandes Berlin-Brandenburg (LSVD). Man werde daher am Sonntag unter dem Motto »#stayathome #proudathome« eine Online-Veranstaltung durchführen. Dass vor dem Schöneberger Rathaus die Regenbogenflagge vom Bezirk gehisst wurde, begrüßt der LSVD sehr, weil die queere Bewegung dadurch im Stadtbild trotz der Corona-Einschränkungen sichtbar werde.

Der Gedenktag bezieht sich auf den 17. Mai 1990. Damals wurde Homosexualität aus dem Krankheitsschlüssel der WHO gestrichen. Weltweit wird für die Akzeptanz queerer Lebensentwürfe geworben und darauf aufmerksam gemacht, dass diese in vielen Ländern noch unter Strafe stehen – und in einigen Ländern sogar mit der Todesstrafe bedroht werden.
Dass es auch hierzulande massive Probleme gibt, zeigt unterdessen die neueste Statistik zu den Übergriffen gegen Schwule, Lesben, Trans und Intermenschen in Berlin. Das Berliner Projekt Maneo hat demnach für 2019 einen neuen Rekordwert homophober und transphober Übergriffe in der Hauptstadt ermittelt. Insgesamt seien 559 solcher Attacken gezählt worden, teilte das schwule Anti-Gewalt-Projekt am Freitag mit. Das waren 177 Fälle beziehungsweise 32 Prozent mehr als im Jahr davor. »Das Dunkelfeld ist weiter hoch«, sagt Maneo-Leiter Bastian Finke.

Eine Aussage darüber, ob homophobe und transphobe Gewalt tatsächlich zugenommen habe, sei allerdings schwierig. Denkbar sei auch, dass immer mehr Betroffene zur Polizei oder zu Beratungsstellen gingen und ihre Erfahrungen damit öffentlich machten. Auszuschließen sei eine Zunahme der Gewalt aber nicht, hieß es.

Die Zahl der Körperverletzungen stieg laut der Maneo-Zählung 2019 um 90 auf 153 Fälle. Auch Nötigungen und Bedrohungen nahmen enorm zu: 178 Fälle erfasste das Projekt, 100 mehr als im Vorjahr. Zugenommen haben auch die Fälle, die sich im öffentlichen Raum ereignet haben – inzwischen ist es fast jeder zweite gemeldete Fall (282 Fälle insgesamt). Betroffene seien in der Öffentlichkeit dem Risiko ausgesetzt, beleidigt, bedroht oder angegriffen zu werden. Das schwule Anti-Gewalt-Projekt hat nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr insgesamt 760 Personen beraten.

Massive Probleme mit homo- und transphober Gewalt gibt es derweil auch in Brandenburg. Im vergangenen Jahr ordnete die Kommunale Arbeitsgemeinschaft Tolerantes Brandenburg von insgesamt 66 registrierten homo- und transphoben Fällen mehr als 40 dem Bereich Migration zu. »Die meisten Übergriffe passieren nach wie vor in den Flüchtlingsunterkünften«, sagt Projektleiter Carsten Bock. Auch in den Vorjahren waren die meisten Hilfesuchenden Geflüchtete.

Insgesamt ist die Zahl der Angriffe nach den Worten von Bock aber leicht zurückgegangen: Im Jahr 2018 zählte die Arbeitsgemeinschaft noch 78 Fälle. Die Polizei in Brandenburg registrierte acht Fälle, bei denen Menschen aus homophobem Motiv angegriffen worden sind – darunter zwei Beleidigungen und eine gefährliche Körperverletzung. Die Zahlen unterscheiden sich, da es nicht bei allen Beratungen zu einer Anzeige kommt. 2018 und 2017 registrierte die Polizei jeweils sechs Fälle.

Für die Geflüchteten versuche man häufig, gemeinsam mit den Mitarbeitern der Einrichtungen eine Lösung zu finden, sagt Bock. Das sei wichtig, da die Menschen erst einmal weiter in den Einrichtungen bleiben müssten. Mitunter sei das allerdings nicht mehr möglich, berichtet Bock. Manche der Geflüchteten, die Hilfe bei dem Beratungsprojekt suchen, würden so stark bedroht, dass sie in andere Einrichtungen gebracht werden müssten. »Manchmal müssen sie sogar in einen anderen Landkreis«, so Bock.

Auch bei dem Beratungsprojekt der Landeskoordinierungsstelle Queeres Brandenburg suchen pro Woche drei bis vier homosexuelle Geflüchtete Hilfe, berichtet Projektleiter Jirka Witschak. Seine Stelle sitzt unter demselben Dach wie die Potsdamer Arbeitsgemeinschaft. »Flüchtlingsberatung ist absolut unser Schwerpunkt«, sagt Witschak. Besonders schwierig sei es derzeit, da die Bewohner aufgrund der coronabedingten Einschränkungen die Einrichtung nicht wie gewohnt verlassen könnten. Das mache vielen zusätzlich zu schaffen. mit Agenturen

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