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Männerwelten

Das Monster

Wenn jede Frau* eine Geschichte zu erzählen hat, müssen die Täter unter uns sein

Von Paula Irmschler

Heute steige ich direkt mal mit einer Frage ein, wie so eine Lehrerin: Was glaubt ihr, wie viele Hashtag-Kampagnen braucht’s noch, bis der Alltag von Frauen* wahr- und ernst genommen wird? Jemand ’ne Antwort? Also ich hab keine Lust mehr. Kurz war ich naiv, es muss so zwischen Mittwoch und Donnerstag gewesen sein. Ich fand gut, wie wütend und kämpferisch Sophie Passmann, Palina Rojinski, Jeannine Michaelsen, Visa Vie, Stefanie Giesinger, Collien Ulmen-Fernandes und Katrin Bauerfeind da bei Pro 7 auftraten, wie sie in 15 Minuten in einem Beitrag, der »Männerwelten« hieß, einen Einblick gaben in das, was passiert, wenn Frauen in der Öffentlichkeit stehen, wenn Frauen auf Datingprofilen sind, wenn Frauen vermeintlich erreichbar sind, wenn Frauen sich von A nach B bewegen, wenn Frauen zu Hause sind.

Es gab viel berechtigte Kritik in den sozialen Netzwerken, weil im Beitrag einiges unsichtbar blieb: Frauen mit Behinderung, Transmenschen, Schwarze Frauen und andere mehrfach Marginalisierte sind noch häufiger von Angriffen betroffen. Einig sind sich die Täter in ihrem Motiv: Es ist Misogynie. Es ist das Abwerten von allem, was als nicht männlich gilt, es ist das Zurverfügungstehenmüssen, es ist das Bekämpfenmüssen von allem vermeintlich Weiblichen, also Beherrschbaren.

Das ist ein strukturelles Problem. Wir jagen hier momentan den hundertsten Hashtag durch die Gegend, und Leute schreiben auch fortwährend, dass es ein »strukturelles Problem« ist. Aber es scheint nicht anzukommen. Wieder mal wird aus den Fällen, die gezeigt werden, »das Andere« gemacht: Es seien die »verrückten« Männer, die »schlimmen« Männer, die »kranken« Männer», die «Arschlöcher», die Ausnahmen, die Monster.

Wenn man diese Einzelnen bekämpfe, ausschließe, anzeige, ächte, dann sei alles gut, heißt es. Wir hingegen sind die Guten, wir schütteln die Köpfe. Und klar, wir haben noch nie Fotos von unseren Penissen geschickt. Wir haben noch nie jemandem aufgelauert. Wir haben noch nie jemanden in den Busch gezogen. Wir haben noch nie bewusst etwas Derartiges getan, und wir kennen auch niemanden, der so etwas machen würde. Das kann nicht ganz hinhauen. Wenn jede Frau* eine Geschichte zu erzählen hat, muss es da draußen auch irgendwo die Täter geben.

Aber wir müssen aufhören zu glauben, dass das alles erst losgeht mit Penisbildern und mit Überfällen auf der Straße endet. Wir stecken da alle mit drin. Täter sind keine Gruppe, die am Rande der Gesellschaft steht und nichts mit uns zu tun hat. Wir lassen das immer wieder zu. Wir basteln alle an den Bildern von Weiblichkeit und Männlichkeit und den Konsequenzen bei Nichterfüllung dieser Bilder an jedem Tag mit. Du und du und ich. Wir fordern Härte von denen, die wir als Männer erkennen, und vermuten Schwäche bei denen, die wir als Frauen erkennen. Wir haben das verdammte Monster erschaffen und wir müssen ihm die Maske herunterreißen. Vielleicht mal ohne Hashtag. Go!

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