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Wenn Fußballer Regeln einhalten sollen

Der Torjubel der Herthaner deckt noch einmal die Fragwürdigkeit des DFL-Hygienekonzepts auf, findet Christoph Ruf

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.
Hertha-Trainer Bruno Labbadia (M.)
Hertha-Trainer Bruno Labbadia (M.)

Nein, an Bruno Labbadia lag es nicht, dass Hertha BSC nun schon zum zweiten Mal binnen weniger Wochen als der Verein dasteht, der auf die Corona-Modalitäten der Deutschen Fußball Liga (DFL) pfeift.

Als Herthas neuer Trainer vor dem Anpfiff zum Zwecke der Begrüßung auf seinen Hoffenheimer Kollegen Alfred Schreuder zuging, machte er den Niederländer gestisch darauf aufmerksam, dass er vor dem Anpfiff den Mund-Nasen-Schutz tragen müsse. Schreuder gehorchte prompt. Auch bei den drei Toren beschränkte sich Labbadia auf das Ellenbogen-Antippen - wie es im Übrigen alle anderen Funktionäre und Spieler im Bundesliga-Zirkus an diesem Wochenende auch getan haben.

Das Problem am Berliner Auftritt im Nordbadischen war also nicht die Art und Weise, wie Labbadia sich verhielt. Sondern die Tatsache, dass alle seine Spieler sich anders verhielten als der Trainer. Dafür, dass seine Spieler bei allen drei Treffern eine große Jubeltraube bildeten, abklatschten und sich umarmten, bat der regelkonforme Trainer dann auch tapfer um Nachsicht: »Ich hoffe einfach, dass die Menschen draußen Verständnis haben. Das können wir nicht vermeiden, Emotionen gehören dazu, sonst brauchen wir nicht zu spielen.« Außerdem seien die Spieler bereits sechsmal getestet worden, und jedes Mal sei der Test negativ ausgefallen.

Christoph Ruf, Fußballfan und -experte, schreibt immer montags über Ballsport und Business.
Christoph Ruf, Fußballfan und -experte, schreibt immer montags über Ballsport und Business.

Tatsächlich war das alles zwar kein Bruch mit den Regeln wie der jüngste Zahnpasta-Kauf von Augsburgs Trainer Heiko Herrlich, es war aber eine klare Missachtung der DFL-Empfehlungen, an die sich am Wochenende alle Teams gehalten haben. Außer der Hertha, die andere Prioritäten setzte, wie Vedad Ibisevic nach dem Spiel offenherzig erläuterte. Was man im Übrigen auch nicht als Beweis dafür werten muss, dass sie im Berliner Mannschaftskreis vor dem Spiel allzu oft über den Sinn der Maßnahmen gesprochen haben. »Ich habe unseren Doktor vor dem Spiel gefragt, ob das Tor zählt, wenn man das macht«, sagte Ibisevic jedenfalls. Das sei für ihn »das Allerwichtigste« gewesen. Und, überhaupt, außer beim Jubeln halte man sich ja an alles Vorgegebene. Was man angesichts von so viel Problembewusstsein dann einfach mal glauben sollte.

Ibisevic, der bei Hertha im Übrigen auch das Kapitänsamt innehat, ließ mit diesen Aussage jedenfalls einmal mehr tief Einblicke ins Innenleben von Hertha BSC zu. Schon bei dem unsäglichen Video von Salomon Kalou war er schließlich nicht nur durch die Missachtung der Abstandsregeln aufgefallen, sondern auch durch die Klage darüber, dass ihm angeblich ein Prozent mehr Gehalt als abgesprochen als Solidaritätsabschlag vom Lohn abgezogen worden sei.

In Hoffenheim berichtete er nun freimütig, dass er schon vor dem Spiel den möglichen Jubel geplant hatte - und nur eine kollektive Bestrafung ihn davon abgehalten hätte. Die aber will die DFL nicht aussprechen, waren ja nur Empfehlungen. Auch Augsburgs neuer Trainer Herrlich, dessen Autorität bei der Mannschaft schon vor dem ersten Pflichtspiel schwer gelitten haben dürfte, darf natürlich wieder mitmachen. Der deutsche Fußball ist gerade sehr gnädig mit sich. Er wird wissen, warum.

Eine Frage, die sich bei Hertha allerdings niemand zu stellen scheint, ist die nach dem so oft beschworenen Vorbildcharakter des Fußballs. Die Bilder von einer Jubeltraube aus sieben, acht Spielern dürften im Jugendfußball, bei dem - wenn überhaupt - nur in Kleingruppen unter strengen Regeln trainiert werden darf, das gleiche Erstaunen auslösen wie bereits das Kalou-Video, bei dem man den Eindruck bekam, dass Hertha die Vorschriften und Empfehlungen eher als unverbindliche Empfehlung sieht. In dem Streifen, der zur Suspendierung des Stürmers führte, sah man übrigens auch, wie lax zumindest die ersten der von Labbadia ins Feld geführten sechs allesamt negativ verlaufenen Testreihen bei der Hertha durchgeführt wurden. Vom vereinseigenen Physiotherapeuten in kurzen Hosen übrigens, der den Abstrich auch nicht, wie vorgeschrieben, tief im Rachenraum des Spielers durchzuführen schien. Sondern irgendwo im vorderen Mundbereich.

Nun kann man sich natürlich fragen, warum zwei Mannschaften, die sich über 90 Minuten so nah kommen, wie man das im Fußball nun mal tut, nicht in Nahdistanz jubeln sollen und nicht gemeinsam einlaufen dürfen. Man würde damit nur zum Kern des vielgepriesenen DFL-Hygienekonzepts kommen. Und das wollen wir ja nun alle nicht. Oder?

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