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Ausgebeutet, gestreikt, gekündigt

Feldarbeiter protestieren gegen Hungerlöhne, miese Unterkünfte und Versorgung

  • Von Sebastian Weiermann, Bornheim
  • Lesedauer: 4 Min.

Eine kleine Straßenkreuzung am Rand von Bornheim-Roisdorf. Zwischen Friedhof, Blumenladen und dem schäbigen Containerdorf des Spargelhofs Ritter haben sich am Montag fast 200 Menschen zu einer Kundgebung der Gewerkschaft FAU (Freie Arbeiter*innen-Union) versammelt. Gut die Hälfte von ihnen sind rumänische Feldarbeiter, die in den Containern leben. Immer wieder fordern sie auf Rumänisch lautstark ihren Lohn ein.

Eine Arbeiterin ergreift das Wort. Sie erzählt, dass sie seit dem 18. April auf dem Hof im Rheinland arbeitet. Ausgezahlt wurden ihr dafür bisher gerade mal 170 Euro. Jetzt soll sie vor die Tür gesetzt werden. Die Gastronomie nehme keinen Spargel mehr ab, für die Ernte von Erdbeeren könne man sie nicht gebrauchen. Ob, wann und wie sie und die anderen Arbeiter ausbezahlt werden, ist ungewiss.

Zugespitzt hatte sich die Situation in dem Betrieb am Freitag, als sich 150 Feldarbeiter weigerten, in Busse zu steigen, die sie auf die Spargel- und Erdbeerfelder bringen sollten. Stattdessen versammelten sie sich vor ihren Unterkünften und verlangten ihr Geld. Den rumänischen Saisonkräften waren 1500 bis 2000 Euro Lohn pro Monat versprochen worden. Doch für den April habe es bisher nur zwischen 50 und 300 Euro gegeben, empören sie sich. Manche fürchten, wenn sie vor die Tür gesetzt werden und auf eigene Kosten die Heimreise antreten müssen, könnte der Arbeitseinsatz in Deutschland sie mehr kosten, als sie an Lohn erhalten haben.

Die Erntehelfer protestieren außerdem gegen ihre miserablen Lebensbedingungen. Trotz der Corona-Krise sind sie in engen Mehrbettzimmern untergebracht. Zudem beklagen sie, es fehle an warmem Wasser und Müllentsorgungsmöglichkeiten.

Das Familienunternehmen, für das die Rumänen arbeiten, ist bereits seit Mitte Februar insolvent. Was im Betrieb geschieht, entscheidet Insolvenzverwalter Andreas Schulte-Beckhausen. Er behauptete gegenüber dem »Bonner Generalanzeiger«, die Arbeiter seien selbst schuld am schlechten Zustand der Unterkünfte. Sie hätten verhindert, dass Reinigungskräfte putzen könnten. Er habe deshalb Sicherheitsleute engagiert, damit geputzt werden könne. Seit Samstag seien die Container sauber.

Aktive der FAU wollen sich davon am Montag selbst ein Bild machen. Doch Schulte-Beckhausen verweigert den Vertretern der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft den Zutritt zu den Unterkünften. Begründung: Er müsse erst klären, ob die Container zum Betriebsgelände gehören.

Gut 40 Arbeiter stehen am Montagmorgen vor dem Hauptgebäude des Spargel- und Erdbeerhofes. Sie haben unterschiedliche Auskünfte darüber bekommen, wann die ausstehenden Löhne ausgezahlt werden.

Mitglieder der Familie Ritter stehen bei ihnen und kritisieren das Vorgehen des Insolvenzverwalters. Der ehemalige Inhaber Claus Ritter klagt, sein Lebenswerk und sein guter Ruf würden zerstört. Seine Tochter, sagt er, habe eine neue Firma gegründet, die aktuellen Negativschlagzeilen erschwerten den Neuaufbau. Auch sorge er sich um die Arbeiter, von denen etliche seit Jahren nach Bornheim kämen, so Ritter.

Am Mittag stehen FAU-Aktivisten und Erntehelfer am Hofeingang. Die Arbeiter haben Verträge für drei Monate unterschrieben. Diese sollen nun vorzeitig aufgehoben werden. Die in ihnen vermerkte Kündigungsfrist beträgt nur einen Tag. Die Frauen und Männer sind auf die Einkünfte von drei Monaten angewiesen. Die FAU möchte helfen, doch die Kommunikation mit dem Insolvenzverwalter gestaltet sich schwierig.

Gegen 15 Uhr spitzt sich die Situation zu. Plötzlich heißt es, die Auszahlung der ausstehenden Löhne solle auf dem Hof stattfinden. Etwa 100 Personen laufen daraufhin vom Containerdorf zum Hof. Dort erwartet sie eine Polizeikette, auch zwei Sicherheitsmänner sind da. Geld soll es nur für Menschen geben, die auf einer ominösen Liste stehen, heißt es.

Gewerkschaftern und einem von der FAU engagierten Anwalt wird der Zugang zum Ort der Lohnauszahlung zunächst verweigert. Später darf der doch dabei sein. Am späten Nachmittag einigt man sich auf Zahlungen in Höhe von 600 bis 700 Euro für die bisher geleistete Arbeit. Die FAU und der Anwalt streben außerdem eine arbeitsrechtliche Klärung an, ob weitere Ansprüche bestehen.

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