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Gar nicht niedlich

Abstoßend und anziehend: In der Serie »The Shivering Truth« machen Puppen das Unbewusste sichtbar

Abgründig und rätselhaft: »The Shivering Truth«
Abgründig und rätselhaft: »The Shivering Truth«

Wer Puppen niedlich findet, hat womöglich noch nie etwas von der »Muppets«-Parodie »Meet the Feebles«, dem fiesen Killer »Chucky« oder dem britischen Satireformat »Spitting Image« gehört, das Politikerpuppen aus Schaumstoff sprechen ließ. Doch bei aller Absurdität haben die Hampelmänner und -frauen des Horror- oder Satirepuppentheaters in der Regel irgendeine Art von Sinn, und sei es bloß als Zerrbild oder Gruseleffekt.

Auch Dwyre sieht zunächst einmal freundlich aus. Aber er ist eine der kleinen Ausgeburten der Hölle, die das alltagsdämonische Panoptikum der Stop-Motion-Show »The Shivering Truth« gleich im Dutzend bevölkern. Nach dem Aufwachen zieht sich Dwyre ein benutztes Kondom aus dem Ohr und merkt bald darauf, dass in seinem hohlen Kopf ein pelziges Tier brütet, weshalb er sich, dem Wahnsinn nahe, mit dem eigenen Spiegelbild paart und Babys aus Spiegelglas gebärt.

Zerrbilder und Gruseleffekte? Massenhaft! Und Sinn? Fehlanzeige! Wer beim Fernsehen nicht gewohnheitsmäßig eine Flasche Absinth oder wahlweise viel Wodka mit LSD zu sich nimmt, könnte mit der Erfindung des New Yorker Comedy-Anarchisten Vernon Chatman womöglich fremdeln. Schließlich ist fast alles an der Serie des US-amerikanischen Late-Night-Kanals Adult Swim bis an den Rand des Erträglichen abgründig, geschmacklos, rätselhaft - und gerade deshalb wohl ähnlich fesselnd wie eine Massenkarambolage auf der Gegenfahrbahn.

Die Serienmacher zeigen eine abstoßend-anziehende Alptraumwelt, in der kein Puzzlestück zum anderen zu passen scheint: Ein Lebensmüder rettet bei jedem Suizidversuch so viele Leben, dass ihn die angerufene Suizidhotline mühsam wieder zum Freitod überreden muss, während ein verzweifeltes Ehepaar seine Tochter nicht wiederfindet, die der folgenden Selbstzerfleischung ihrer Eltern mit vor den Augen gehaltenen Händen beiwohnt, und ein Soldat nur noch Hühnerblut trinkt, um nach seiner Enthauptung durch islamistische Terroristen weiterzuleben. Puh.

Was zusammenhanglos klingt, ist am Ende nicht mehr und nicht weniger als eine - zugegeben oft schwer erträgliche, aber durchweg faszinierende - Abstraktion des Irrsinns unserer Epoche. Wenn die Logik mit jedem Tag, an dem Donald Trump im Amt bleibt, schmerzhaft real an ihre Grenzen stößt, wirkt ein Chaostheoretiker, der herausfindet, dass Schmetterlingsflügelschläge gar nicht zufällig Wirbelstürme über Bali auslösen, sondern dass Schmetterlinge Bali hassen und seit Urzeiten Rache schwören, plötzlich gar nicht mehr so abwegig.

Es gibt drei Herangehensweisen an die Tatsache, dass im populistisch-pandemischen Zeitalter viele Gewohnheiten und Werte der fortschreitenden Zerstörung anheimfallen: Radikaler Realismus; noch radikalerer Eskapismus; oder eben die radikalstmögliche Dekonstruktion beider Herangehensweisen in einem Meer aus Bullshit, das alle Ethik und Moral konsequent in Aberwitz auflöst. (Man denke beispielsweise an das Kunstblut im menstruierenden Slip der zweiten Folge.)

»Wenn du deinen Gegner nicht besiegen kannst«, rät der Kater Garfield im Fall beratungsresistenter Feinde, »verwirr’ ihn!« Nach diesem Prinzip stellt Produzent Vernon Chatman beinahe alle sittlichen Parameter der Gesellschaft noch konsequenter auf den Kopf, als er es bereits in seinem Vorgänger »South Park« getan hatte.

Umso dringender ist da ein Ratschlag an alle Eltern: Weil die Puppen Karikaturen der Menschen sind, mögen sie in »The Shivering Truth« eigentlich ganz nett aussehen; ihr Verhalten ist allerdings alles andere als kindgerecht. Im Gegenteil. Es könnte selbst reifere Gemüter nachhaltig verstören. Wer sich indes auch ohne Drogen für psychisch belastbar hält, sollte unbedingt mal reinschauen.

»The Shivering Truth«, in Deutschland bei TNT Comedy

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