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Meereswellen und Harnwegsinfektionen

Poesie und Gesellschaftsanalyse: Wegen Corona fanden die Oberhausener Kurzfilmtage dieses Jahr online statt

Rhapsody in Blue: Pyjama-Party mit Roboter und Porzellanhund. Szene aus dem Film »Sugar« von Bjørn Melhus
Rhapsody in Blue: Pyjama-Party mit Roboter und Porzellanhund. Szene aus dem Film »Sugar« von Bjørn Melhus

Dass 66 Jahre ein gutes Alter zum Loslegen sind, wusste schon Udo Jürgens. Auch die 1954 gegründeten Oberhausener Kurzfilmtage wagten zu ihrem Geburtstag etwas Neues - wenngleich nicht ganz freiwillig. Aufgrund der Corona-Pandemie fand die 66. Ausgabe des ältesten Filmfestivals seiner Art in diesem Jahr erstmals als reine Onlineveranstaltung statt. Konnte das funktionieren? Ja, solange die heimische WLAN-Leitung stabil war, hat es funktioniert. Selbst wenn viele Cineasten den sozialen Charakter eines Branchentreffens, die breite Leinwand und die Vorführatmosphäre in der Lichtburg, dem traditionsreichen Oberhausener Festivalpalast, vermisst haben dürften.

Schließlich sind die ästhetischen Rahmenbedingungen im digitalen Exil andere. Am heimischen PC oder am Smartphone ist es für einen Film schwieriger, sich in die Herzen und Hirne der Zuschauer vorzukämpfen. Gute Ideen indes funktionieren in jedem Format, egal wie viel Zoll die Bildschirmdiagonale misst. So wie in Renata Poljaks Wettbewerbsbeitrag »Porvenir«. Dialoglos, aber in eindringlichen Bildern erzählt die kroatische Regisseurin vom uralten Menschheitsthema der Migration. Es fängt an mit einem nackten Rücken, dann folgt ein Flug über das Meer, dessen Wellen sich bewegen wie die Muskeln des Rückens - bis man plötzlich am anderen Ende der Welt steht, unter dem bleischweren Himmel Feuerlands. Poljak trägt die Erinnerung an Amerikas windgepeitschten Südzipfel gleichsam im Körper. Einst kam ihr Großvater als Goldsucher nach Feuerland, doch nicht sein Glück fand er hier, sondern einen frühen Tod. Das Wrack am Strand wirkt wie eine traurige Erinnerung an diesen Lebensschiffbruch.

Insgesamt ließ das Filmfestival 350 Filme in fünf Einzelwettbewerben nebst Sondersektionen antreten. Die größte Meisterwerkdichte bot der Internationale Wettbewerb, wo man auf so eigenwillige Produktionen wie »Mat and her mates« traf. Pauline Penichouts Film begleitet junge Frauen, die in einem besetzten Haus eine Art gynäkologische Selbsthilfegruppe gründen. Ein Körperdiskursessay, der sich nicht nur um Orgasmen und Harnwegsinfektionen, sondern auch um weibliche Autonomie dreht.

Aufs Siegerpodest kamen jedoch andere: Den mit 8000 Euro dotierten Großen Preis der Stadt Oberhausen, die wichtigste Auszeichnung der Veranstaltung, erhielt die US-Amerikanerin Lynne Sachs für »A Month of Single Frames«. Naturaufnahmen in der verblassenden Unschärfe der Melancholie dominieren die Hommage an Sachs’ verstorbene Freundin und Kollegin Barbara Hammer. Der Hauptpreis des Internationalen Wettbewerbs ging an Sohrab Hura und »Bittersweet«. Feinfühlig begleitet der indische Filmemacher hier seine an Schizophrenie leidende Mutter. Im Deutschen Wettbewerb wiederum gab es einen Beitrag des Medienkünstlers Bjørn Melhus: »Sugar«, eine ironische Science-Fiction-Geschichte um einen kulleräugigen Roboter. Ausgerechnet die Maschine übernimmt in dieser aufschlussreichen Dystopie die Aufgabe, einem emotional verkümmerten Menschen seelischen Beistand zu leisten.

Und sonst? Im NRW-Wettbewerb, dem regionalen Teil des Festivals, tat sich Jona Schaller mit einer alltagspsychologischen Studie über männliches Selbstbewusstsein hervor. Aus der Musikvideosparte ist unter anderem der Beitrag von Roman Schaible hängen geblieben: Heinz Strunks konsumkritischer Sprech-Song »Abgelaufen« wird hier mit einer Rentnergroteske bebildert.

Auswanderung und Globalisierung, aber eben auch Identitäts- oder Genderfragen waren immer wieder Gegenstand der komprimierten Kinokunstwerke. Bei all dem zwingt der Kurzfilm, ähnlich wie die Novelle in der Literatur, zur Verdichtung auf das Ereignishafte und auf wenige, einprägsame Sequenzen. Wie in »Mamaville« von Irmak Karasu aus der Türkei: Die fünfzehnjährige Ferah verbringt die Ferien im Haus der Großmutter am Meer. Während die alte Dame Dating-Shows im Fernsehen anguckt und dabei genussvoll Feigen ausschlürft, ringt die Enkelin mit ihrer erwachten Sexualität. Mediterrane Sommerstimmung sowie der Gegensatz zwischen der verletzlichen Heldin und der deftigen Körperlichkeit der Großmutter prägen den Symbolismus der bemerkenswerten Coming-of-Age-Miniatur. Überhaupt ist es die Verbindung von Poesie und Gesellschaftsanalyse, die immer schon die Kompetenz der Kurzfilmtage ausmachte. »Milena’s Song« von Anna Remešová und Marie Lukacova etwa feiert mit dem experimentellen Tanz der Putzfrau in einer Kirche den weiblichen Ausbruch aus dem Korsett patriarchaler Traditionen.

Dem Dokumentarfilm übrigens weisen die Oberhausener keine eigene Sparte zu. Warum, macht »Letters from Silivri« deutlich. Adrian Figueroa arbeitet in dem Film die Inhaftierung des türkischen Oppositionellen Osman Kavala auf. Während eine Stimme aus dem Off die authentischen Gefängnisbriefe des Erdoğan-Gegners liest, driftet das visuelle Geschehen ins Surreale ab. Hochzeitspaare, Kinder und Männer mit Gewehren bewegen sich in hypnotischer Langsamkeit durch einen Istanbuler Vorort-Moloch. Realität oder Fiktion? Doku oder Spielfilm? Wenn die Wirklichkeit zum Alptraum wird, spielt das keine Rolle mehr.

www.kurzfilmtage.de/blog-festival-2020/

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