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Pflegeheime unter Druck

Schwieriger Spagat zwischen Infektionsschutz und notwendiger menschlicher Nähe

  • Von Ulrike Henning
  • Lesedauer: 4 Min.
Begrüßung durch Plexigras: Mutter und Tochter in einer AWO-Einrichtung in Mecklenburg-Vorpommern
Begrüßung durch Plexigras: Mutter und Tochter in einer AWO-Einrichtung in Mecklenburg-Vorpommern

Ab Mitte März wurden die Verordnungen der Bundesländer für Kontaktbeschränkungen in der Coronakrise immer wieder verschärft. Als besondere Risikogruppe gelten Menschen der älteren Jahrgänge, unter ihnen besonders diejenigen in Pflegeheimen. Bundesweit traten weitreichende Besuchsverbote in Kraft. Nur Berlin und Thüringen hielten einen Besucher je Pflegebedürftigen von einer Stunde pro Tag weiterhin für möglich. Zugelassen wurden von den Landesregierungen außerdem Ausnahmen für Palliativstationen und sterbende Menschen. Wie das am Ende konkret geregelt wurde, lag jedoch im Ermessen von Heimleitungen.

Inzwischen sind mit den Lockerungsbestimmungen auch Besuche in Heimen wieder möglich, extra zum Muttertag am 10. Mai wollte die Bundesregierung das regeln. Das Hin und Her, oft in kurzen zeitlichen Abständen und verschieden je nach Bundesland oder gar Gesundheitsamt, verschaffte den Einrichtungen eine anstrengende Zeit. »Unsere Heime versuchten auf verschiedene Weise, den Kontakt zwischen Pflegebedürftigen und Angehörigen herzustellen, per Telefon, Internet, durch Begegnungen am Fenster oder über den Balkon«, berichtet Erika Stempfle, Pflegeexpertin der Diakonie Deutschland, über die Situation. »Teils wurde vor den Heimen gesungen, man schaute sich gemeinsam Gottesdienste an oder las die Gemeindebriefe vor. Die Angehörigen wurden gebeten, Lebenszeichen zu schicken, Post oder Geschenke abzugeben.«

Dennoch setzten die Heime eher auf Sicherheit als auf Kreativität dabei, Begegnungen zu ermöglichen. Jedenfalls ergibt sich dies aus Schilderungen von Angehörigen gegenüber der Bundesinteressenvertretung für alte und pflegebetroffene Menschen e.V. (BIVA-Pflegeschutzbund), wie Pressereferent David Kröll berichtet: »Die Einrichtungen wurden von der neuen Situation regelrecht überrollt. Je älter und kränker die Bewohner, um so mehr sind sie gefährdet, wenn sie sich infizieren. Es ging also zuerst einmal darum, dieses Risiko zu reduzieren. Ein zusätzliches Problem war, dass Bund und Länder ja keine einheitlichen und abschließenden Regeln aufgestellt haben. Durch fehlende kommunale Verantwortlichkeiten entstanden Spielräume, die die Heimleitungen zwangen, selbst Entscheidungen zu treffen - sie setzten dann nachvollziehbar zuerst auf Sicherheit. Nach den Rückmeldungen, die wir bekamen, fielen die einzelnen Regelungen häufig viel rigoroser aus als vielleicht nötig gewesen wäre.« Die Juristen der BIVA führten 600 Beratungen zu den Corona-Einschränkungen durch, normalerweise sind es in einem ganzen Jahr insgesamt 3500 Beratungen zu allen möglichen Themen.

Hilfesuchende schilderten dramatische Szenen: »Wir haben seit dem Besuchsverbot nur Essen vorbeigebracht und abgegeben. Dabei haben wir meinem Vater vor dem Tor durch ein Fenster zugewunken, wir wollten ihm nur ein Lächeln ins Gesicht zaubern und sind wieder gegangen. Heute haben wir einen Anruf vom Heim bekommen und sollen die Besuche vor dem Haus unterlassen, weil das sonst alle machen würden.« Beschwerden wie diese brachten die BIVA auch dazu, eine Petition für ein Besuchsrecht in Pflegeheimen auf der Plattform Change.org zu starten, die knapp 25 000 Befürworter unterzeichneten.

Die Schließungen der Heime hinterließen Spuren: »Die Reaktionen sind so vielfältig wie in der gesamten Gesellschaft«, erklärt Diakonie-Vertreterin Stempfle. »Einige der Bewohner sind resigniert. Andere sagten: Wir haben schon so viel erlebt, unter anderem den Krieg. Manche verkrafteten aber die Situation besser als die Angehörigen. Menschen mit Demenz verstehen nur teilweise, was passiert, und können dann eher ängstlich reagieren.« Maßnahmen zum Infektionsschutz bleiben auch in den Pflegeheimen weiterhin erforderlich, es ist immer wieder nach einer Balance zwischen Infektionsschutz und den sozialen Kontakten zu suchen, damit psychische und gesundheitliche Folgen gering bleiben. Auch aus diesem Grund braucht der Bereich stärkere Unterstützung als bisher, um soweit wie möglich zur Normalität zurückkehren zu können. »Gemessen an der langen Diskussion um die schrittweise Wiederöffnung der Schulen hätten wir uns mehr Zeit für denselben Prozess in den Heimen gewünscht«, kritisiert Stempfle. Es habe einen Überbietungswettbewerb der Bundesländer gegeben, erst bei der Schließung, dann bei der Lockerung. »Für manche Angehörige war das Ergebnis dann enttäuschend, da die Besucherregelungen noch nicht am Tag der Bekanntmachung umgesetzt werden konnten. Es entstand großer Druck auf die Einrichtungen.«

Denn auch die Lockerungen wollen organisiert werden, Begegnungsorte sind zu schaffen, Angehörige einzuweisen. Schwierig, wenn sich Vorgaben dafür ständig ändern. Zudem wäre es hilfreich, wenn es mehr Tests gäbe: »Wenn zum Beispiel Menschen aus dem Krankenhaus zurückkommen, sollen sie prinzipiell 14 Tage in Quarantäne. Ein Test könnte diese zusätzliche soziale Isolierung ersparen.« Sowohl Stempfle als auch Kröll sehen das Problem, dass bestimmte Pflegebedürftige von den Begegnungen unter Infektionsschutz kaum profitieren: Diejenigen, die zum Beispiel nicht oder nur noch schlecht sehen oder hören können. Hier hilft Technik meist nicht, Abstandsregeln werden zur Herausforderung. Auch in solchen Fällen könnten Tests mehr direkte Kontakte ermöglichen.

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