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  • Politik
  • Corona und die Wirtschaft

»It`s the Pandemic, Stupid«

Mehrere Studien untersuchen den Zusammenhang von Gesundheitsschutz und Wirtschaftsleistung in der Corona-Pandemie

  • Von Fabian Hillebrand
  • Lesedauer: 4 Min.
Die Wirtschaftsleistung in Deutschland ist im ersten Quartal infolge der Corona-Krise eingebrochen. Der staatlich verordnete Lockdown hat damit nur wenig zu tun, sagen verschiedene Studien.
Die Wirtschaftsleistung in Deutschland ist im ersten Quartal infolge der Corona-Krise eingebrochen. Der staatlich verordnete Lockdown hat damit nur wenig zu tun, sagen verschiedene Studien.

Der Corona-Ausbruch bedroht die Existenz zahlreicher Menschen. Besonders, aber nicht nur ältere Menschen fürchten sich vor einem schweren Verlauf der Krankheit. Schützt sie und euch, bleibt zuhause, das war lange die Forderung. Doch wie soll das gehen, wenn das Geld nach mehreren Wochen Shutdown langsam knapp wird? Corona trifft die Menschen ganz unterschiedlich.

Von verschiedenen Seiten werden die Erhaltung der Gesundheit und das Hochfahren der Produktion daher als Gegensätze betrachtet. »Wir dürfen keine Menschenleben opfern für die Wirtschaft«, sagen die einen. »Die Beschränkungen sind Gift «, sagen die anderen. Es müsse verhindert werden, dass die wirtschaftlichen Folgeschäden nicht zu weitaus mehr Toten führen, als der Shutdown gerettet habe.

Diese Gegenüberstellung wird der komplexen Problemlage nicht gerecht, das deuten zumindest mehrere neue Studien aus Deutschland und den USA an. »It`s the pandemic, stupid«, auch wenn Wissenschaftler so nie reden würden, lassen sich ihre Ergebnisse so zusammenfassen. Nicht die staatlich verordneten Lockerungsmaßnahmen sind der Hauptgrund für die wirtschaftliche Talfahrt, sondern die globale Unsicherheit und die wirtschaftlichen Ausfälle durch das Virus.

Bei zu großen Lockerungen steigen sowohl die wirtschaftlichen als auch die gesundheitlichen Schäden, argumentieren Forscher des ifo Instituts und des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung. Die Wissenschaftler haben verschiedene Verläufe der Epidemie modelliert und kommen zu dem Ergebnis, dass bei einer Basisreproduktionszahl von rund 0,75 die wirtschaftlichen und gesundheitlichen Schäden am geringsten sind. Die Basisreproduktionszahl gibt an, wie viele Menschen von einer infektiösen Person durchschnittlich angesteckt werden, wenn kein Mitglied der Population gegenüber dem Erreger immun ist. Grundsätzlich sei die Zahl der zusätzlichen Covid19-Toten umso geringer, je niedriger die angenommene Reproduktionszahl ist. Allerdings seien die Unterschiede bis zu einer Reproduktionszahl von 0,75 relativ klein. Erst bei höheren Reproduktionszahlen von 0,9 und 1,0 steigt die angenommene Zahl der zusätzlichen Toten deutlich an. Doch auch die Wirtschaft würde leiden: Bei zu starken Lockerung müssten die Beschränkungen so lange bestehen bleiben, dass die wirtschaftlichen Kosten über den gesamten Zeitraum der Jahre 2020 und 2021 insgesamt höher ausfallen würden.

Sowohl aus wirtschaftlichen als auch aus gesundheitspolitischen Blickwinkeln betrachtet ist eine zu starke Lockerung, bei der die Reproduktionszahl bei über 1 liegt, nicht wünschenswert. Die Strategie umsichtiger, schrittweiser Lockerungen ist nicht nur wirtschaftlich, sondern auch gesundheitspolitisch vorzuziehen, so das Ergebnis der Forscher.

Obwohl die Studie erwähnt, dass es wiederum auch ein gesundheitspolitisches Interesse an Lockerungen der Maßnahmen gibt, nämlich die psychischen Folgeschäden der Isolation, werden diese nicht berücksichtigt. Genauso wenig werden gesundheitliche Folgeschäden bei den Überlebenden der Krankheit einberechnet. Die Rechnung überschlägt nur die in den verschiedenen Modellen zu erwartenden Todeszahlen und die zu erwartende Wirtschaftsleistung. Auch wird nicht auf die Auswirkung nach unterschiedlichen Wirtschaftszweigen differenziert. Dass kleine Restaurants deutlich stärker betroffen sind, als große Pharmakonzerne, ist klar. Aber auch für sie könnte eine zweite Beschränkungswelle fatal werden, falls die aktuellen Lockerungen zu weit gehen. Dabei kommt es maßgeblich auch auf das Verhalten der Bevölkerung an. Erfolgreiche Abstandsmaßnahmen beispielsweise könnten stärkere Lockerungen ermöglichen, so die Wissenschaftler und Epidemiologen des ifo Instituts und des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung.

In den USA scheinen das Weiße Haus und die meisten Republikaner einig zu sein: Die Krise ist gelöst, sobald lautstark die Wiedereröffnung der Wirtschaft vollzogen wird. Forscher aus Havard haben versucht, unter Verwendung anonymisierter Daten mehrerer großer Unternehmen, Kreditkartendaten, Lohn- und Gehaltsabrechnungen und Daten von Finanzdienstleistungsunternehmen möglichst genaue Statistiken zu Verbraucherausgaben, Beschäftigungsquoten, Einkommen und anderen wirtschaftlichen Schlüsselindikatoren zu berechnen. Eines ihrer Ergebnisse: Der staatlich verordnete Shutdowns hat nur geringe oder keine Auswirkung auf die Wirtschaftstätigkeit. Schon davor sind die Wirtschaftszahlen eingebrochen. Das zeigen auch Daten aus Chicago - es ist in einem Land mit Todeszahlen wie in den USA schlicht unmöglich, sich ein fröhlich funktionierendes Wirtschaftssystem neben überlasteten Krankenhäusern und Menschen in Sorgen um ihre Angehörigen vorzustellen.

Die wirtschaftlichen Folgen der Krise sind enorm. Weltweit stürzen sie Menschen in Existenzsorgen. Nur: Die Regierungen in aller Welt haben die staatlichen Volkswirtschaften nicht alleine geschlossen – sie können die Volkswirtschaften auch nicht alleine öffnen. Politiker sollten anhand der bisherigen Studien nicht auf die Wirtschaftslobbyisten hören, die ihnen weitere Öffnungen ins Ohr flüstern wollen und lieber eine vorsichtige Strategie wählen – das suggerieren die Daten aus Deutschland und den USA. Man würde mit einer solchen Strategie langfristig auch die Wirtschaft schützen. In einigen Fällen vor ihren eigenen, zu kurz gedachten Forderungen.

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