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Mit Godard und Vonnegut auf LSD

Auf der Suche nach widerständigen Praktiken: Die Serie »Dispatches from elsewhere«

Den meisten ist der Schauspieler Jason Segel aus der Serie »How I met your mother« bekannt. Seit zehn Jahren versucht sich der Fernsehstar im Kino. 2015 gab er in »The End of the Tour« sogar den mittlerweile verstorbenen US-Schriftsteller David Foster Wallace. Mit der neuen Serie »Dispatches from elsewhere« ist Segel nun sowohl als Hauptfigur als auch als Drehbuchautor, Produzent und Regisseur im Genre der sogenannten Qualitätsserien unterwegs.

Die Feuilletons sind voll des Lobes für die zehnteilige Reihe über vier Menschen, die an einem surreal anmutenden Gesellschaftsspiel im Stadtraum von Philadelphia teilnehmen: Die Mitspieler werden in einem mysteriösen sogenannten Jejeune-Institut per Videobotschaft instruiert. Sie machen sich in einer Schnitzeljagd auf den Weg durch die Stadt, warten etwa an einer öffentlichen Telefonzelle darauf, angerufen zu werden, bis plötzlich eine Gruppe Breakdancer mit Ghettoblaster um sie herumtanzt und eine als Bigfoot verkleidete Figur sich dazugesellt. In heruntergekommenen Häusern finden sie geheime, an Wände gekritzelte Botschaften. Alles läuft auf die Suche nach der verschwundenen Künstlerin Clara Torres hinaus, deren Wandmalereien von den Mitspielern wiederentdeckt werden.

So eine von Künstlern veranstaltete Schnitzeljagd hat es tatsächlich gegeben: Zwischen 2008 und 2011 wurde in der San Francisco Bay Area ein ähnliches Spiel mit Hunderten Beteiligten im Stil einer groß angelegten Guerillaaktion aufgeführt, um den Stadtraum zu erkunden. Zu sehen ist das in Spencer McCalls Dokumentarfilm »The Institute« (2012).

In der Fiktion werden die Mitspieler in Vierergruppen eingeteilt. Neben dem vereinsamten, sich freudlos von einem zum anderen Tag hangelnden Peter (Jason Segel), der Playlists für einen Musikstreamingdienst verwaltet, gibt es noch die Kunst studierende Transfrau Simone, die ältliche, sozial überaus kompetente Janice und den im Zuge des Spieles in den Wahnsinn abdriftenden millionenschweren Mathematiker Fredwyn.

Die Vier finden sich, streiten sich, misstrauen sich, kämpfen gemeinsam, schließen irgendwann Freundschaft und merken am Ende, wie brüchig die in der Magie des Spiels entstandenen sozialen Bindungen sind. »Dispatches from elsewhere« erzählt, wie Menschen aus ihren Alltagssituationen herausgerissen werden, um schließlich zu lernen, solidarisch miteinander umzugehen. Es geht aber auch um Inspiration durch Kunst (und wie diese durch Profitinteressen absorbiert wird) und um die Suche und die Entwicklung widerständiger Praktiken.

Die Geschichte der Künstlerin Clara Torres ist eine Parabel für den kapitalistischen Kunstbetrieb. Sie erzählt von sozialer und ökonomischer Enteignung und davon, wie dem entgegengewirkt werden kann. Das zieht sich als roter Faden durch die zehn Folgen, die wirken, als hätten Kurt Vonnegut, René Pollesch und Jean-Luc Godard gemeinsam auf LSD eine Fernsehserie inszeniert.

Die titelgebenden »Botschaften von anderswo« sind radikale Interventionen im von Arbeitsdisziplin, Pflichterfüllung und Vereinsamung geprägten Alltag der Mitspieler. Die kreative Gegenseite wird im Spiel (ebenso wie in der realen Vorlage in San Francisco) durch die sogenannte Elsewhere Society verkörpert und deren Kampf um »Divine Nonchalance«, um göttliche Lässigkeit. Gegenüber dem regulären Medienbetrieb, der sonst an möglichst actionreichen und einfach zu verarbeitenden Häppchen orientiert ist, wirkt »Dispatches from elsewhere« wie eine Kampfansage.

Der Großteil der Zuschauer dürfte es über die ersten zwei Folgen kaum hinausschaffen. Denn die Serie hat durchaus einige Längen. Sie zeigt zwar die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen anspruchsvoller, kunstaffiner Filmerzählung im Serienformat. Es lohnt, sich auf diese Geschichte einzulassen - im besten Fall stellt sich sogar das Gefühl der göttlichen Lässigkeit ein.

»Dispatches from elsewhere«, auf Amazon Prime.

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