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Verzweifelt gesucht: «Riesige Euphorie»

Christoph Ruf wundert sich über die emphatische Begeisterung mancher Medien für den Geisterspiel-Neustart

Ich habe am Samstag mein zweites «Geisterspiel» auf einer Pressetribüne gesehen. Wenn man zu den zehn Printjournalisten gehört, die Einlass finden, muss man sich Fieber messen lassen, eine Erklärung abgeben, wonach man keinen wissentlichen Kontakt mit Corona-Infizierten gehabt habe und sich maskiert auf einen Platz in gehörigem Abstand zu den neun Kollegen setzen.

Als Eigenbeobachtung ist das Ganze übrigens durchaus interessant. Denn was unter dem ganzen Szenario - menschenleeres Stadion, fast komplette Ruhe - nicht leidet, ist die berufliche Routine. Man schaut aufmerksam zu, notiert dies und jenes. Und wenn das Ende naht, steigt der Puls an, denn man muss manchen Text bei Schlusspfiff versenden.

Alles andere hat hingegen nichts mit Fußball zu tun. Ich empfinde das Geschehen auf dem Rasen jedenfalls als völlig losgelöst von allem, was mich privat interessieren könnte. Erst recht vorm Fernseher, den ich zuletzt nach fünf Minuten ausgeschaltet habe. Und das bei einem Spiel, das mich ansonsten gepackt hätte. Ich kenne im Kollegenkreis übrigens kaum jemanden, der das anders empfindet. Fans schon gar nicht, wobei ich zugeben muss, dass mein Freundes- und Bekanntenkreis da vielleicht nicht repräsentativ ist.

Trotzdem bin ich aufrichtig überrascht, wie oft man in den letzten Tagen vor allem in den Springer-Medien regelrechte Jubelarien auf den Neustart lesen konnte. «Endlich wieder Bundesliga», «Die Euphorie war riesig: Endlich wieder Fußball - und das zuallererst in Deutschland», so etwas. Ich war gegen den Neustart zum damaligen Zeitpunkt, habe aber überhaupt kein Problem damit, wenn andere das anders sehen. Doch woher soll diese angeblich urtümliche Freude an dem sterilen Gekicke kommen? Genau die spricht ja aus diesen Zeilen.

Nun wird also auch die 3. Liga bald wieder starten, am kommenden Wochenende soll es so weit sein. Und - oh Wunder - das lächerliche Schauspiel der vergangenen Wochen wiederholt sich: Seit Monaten vertritt so gut wie jeder Fußballverein bis hinunter ins Amateurlager ausschließlich seine Interessen, verbrämt die aber mit dem Großen und Ganzen. Der Verantwortung fürs Gemeinwohl, der Gesundheit «der Menschen», der Freude, die man «den Menschen» angeblich schenken wolle. Nur komisch, dass dann all die Vereine, die bei einem Abbruch der Saison aufsteigen oder nicht absteigen würden, nicht weiterspielen wollen. Während alle anderen das wollen. Glaubt man der Argumentation der jeweiligen Vereine, geht es aber nicht um den Eigennutz. In Mannheim (Abbrechen!) ist man nur einfach besorgt um das gesamtgesellschaftliche Signal. Während man in Würzburg (Weiterspielen!) eben den Menschen die riesige Freude am Fernsehen übertragenen Spiel gegen Großaspach nicht vorenthalten will. In beiden Fällen geht es natürlich nur um «die Menschen».

Das ist im Übrigen eine Formulierung, die sich selbst entlarvt. Wer von den «Menschen» redet, gerne auch in der Politikerversion von den «Menschen in unserem Land» oder «den Menschen da draußen», outet sich als Charakterschwächling, der zu feige ist, seine eigenen Interessen als solche zu formulieren und stattdessen «Menschen» vorschiebt, die sich gegen das Anwanzen nicht wehren können. Noch schlimmer ist nur das «Bild»-Zeitungs-«Uns», wie es in dem Satz zu finden ist, dass die Grünen «unser Fleisch teurer machen wollen», was ich für eine der besseren Ideen halte, die die Grünen zuletzt hatten.

Zurück zum Fußball und dem merkwürdigen Pathos in denkbar unpathetischen Zeiten. Kann es sein, dass manch einer in Medien und Verbänden, der sich gerade vor Begeisterung gar nicht mehr einkriegt, seiner Zielgruppe ein X für ein U vormachen will? Und kann es sein, dass die Leute trotzdem ein U erkennen? Im Interview mit der «Süddeutschen Zeitung» sagt der ansonsten erfreulich nüchterne DFL-Chef Christian Seifert, man habe «am Wochenende gemerkt, »dass die gesellschaftliche Akzeptanz weniger gelitten hat, als manche meinten ... Allen Unkenrufen zum Trotz freuen sich die Menschen, dass Fußball gespielt wird.«

Am Tag zuvor hatte der »kicker« das Ergebnis einer Leserumfrage veröffentlicht. Davon, dass es sich dabei um Fußballfans handelt, kann man ausgehen. Die Frage, ob man sich »nach dem Re-Start der Bundesliga mit Geisterspielen anfreunden« könne, beantworteten von 180 000 Teilnehmern 42,2 Prozent mit »ja«. Und 57,8 Prozent mit »nein«.

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