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Vorbereitung auf die Konterrevolution

Der Soziologe Andreas Kemper warnt vor rechten Protagonisten der Firma Degussa Goldhandel

  • Von Dirk Farke
  • Lesedauer: 5 Min.

Wie kamen Sie dazu, sich mit der Firma Degussa Goldhandel GmbH und deren wichtigsten Repräsentanten, dem Chefökonomen Torsten Polleit und dem Hauptgeschäftsführer Markus Krall, zu befassen?

Ich befasste mich 2012 mit einer bestimmten neoliberalen Szene, zu der auch die Firma Degussa Goldhandel und deren Chefökonom Torsten Polleit gehörten. Aus dieser Szene ging die Partei Alternative für Deutschland (AfD) hervor. In meinem Buch »Rechte Euro-Rebellion« vom Juli 2013 mutmaßte ich, dass dort eine Anschubfinanzierung für die AfD stattfand. Die Beweise kamen erst fünf Jahre später ans Licht. Auf den Namen Markus Krall stieß ich Anfang des Jahres ebenfalls im Zusammenhang mit der Firma Degussa.

Es ist somit kein Zufall, dass 2012, als Polleit das ordoliberale, jeden staatlichen Eingriff in die Wirtschaft verteufelnde Ludwig-von-Mises-Institut aufbaute, eine Handvoll hayekanischer Professoren die AfD gründeten?

Der in der Schweiz lebende deutsche Multimilliardär August von Finck kaufte 2010 den Namen Degussa Goldhandel und baute die Firma auf. Als er im April 2012 den neoliberalen Volkswirt Thorsten Polleit einstellte, hatte dieser im Oktober desselben Jahres bereits den neoliberalen Think Tank in den Räumlichkeiten der Münchener Niederlassung von Degussa Goldhandel eingerichtet. In diesem Zusammenhang ist der Name Dagmar Metzger zu nennen. Sie organisierte 2012/2013 die Münchener Wirtschaftsgespräche unter anderem auch mit Thorsten Polleit. Und Dagmar Metzger war die erste Sprecherin der AfD. Diese trat damals als Sprachrohr spezifischer Interessen von Familienunternehmen auf. Die These, die Firma Degussa Goldhandel diene lediglich, so wie die meisten anderen Firmen Fincks, der Kapitalakkumulation, lässt sich so wohl kaum aufrechterhalten. Besonders dann nicht, wenn man auch noch die katastrophale Rolle, die die Familie von Finck in der deutschen Geschichte spielt, berücksichtigt. August von Finck senior gehörte in der Weimarer Republik zu der Gruppe Industrieller, die den Aufstieg Hitlers entscheidend mitfinanzierte. Nach der Machtübertragung revanchierte Hitler sich, indem er von Finck an der »Arisierung« jüdischen Besitzes teilhaben ließ. Das Wiener Bankhaus Rothschild fiel so zum Beispiel in seinen Besitz. Nach dem Krieg war Finck ein reicher Mann. Und nicht weniger katastrophal ist die Geschichte der Firma Degussa.

Finck junior stellt sich bewusst in diese Tradition, indem er den Namen für etwa zwei Millionen Euro erwarb. In den 1990er Jahren finanzierte er dann mit mehreren Millionen DM die rechtspopulistische Partei »Bund freier Bürger« von Manfred Brunner. Ein Jahrzehnt später steckte er viel Kapital in die neoliberale Kampagne »Deutschland ist besser als jetzt« des BürgerKonvents. 2012 kam dann, wie erwähnt, die Geschichte mit Polleit. Und im September 2019 holte von Finck mit dem Crash-Propheten Markus Krall die unbestritten gefährlichste Figur hinzu.

Warum ist der studierte Volkswirt und neoliberale Ökonom gefährlich?

Krall präsentiert sich nach außen als katholischer Familienmensch. Aber seine wichtigste Aufgabe besteht offensichtlich in der Vorbereitung und Durchführung der »Konterrevolution«, wie er das nennt. Einen Tag nachdem Finck ihn im September 2019 einstellte, hielt er seinen »Einführungsvortrag« bei der Landtagsfraktion der AfD in Schleswig-Holstein. Anfang des Jahres veröffentlichte er sein Buch »Die bürgerliche Revolution«, das sich seit März in den Top 20 der »Spiegel«-Bestseller-Liste befindet. Er postuliert hier unter anderem eine Gegenwehr gegen die »zunehmende neosozialistische Enteignung«. Er fordert die Abschaffung des allgemeinen Wahlrechts, den Sturz der Regierung Merkel und die Einführung einer Wahlmonarchie, damit jemand da ist, der auf Lebenszeit ein Vetorecht gegen Regierungsbeschlüsse hat.

Er spricht in diesem Zusammenhang von einem »Erweckungserlebnis«, das er 2016 hatte.

Ja, genau. Das sagte er in einem Interview mit der rechten »Epoch Times« auf die Frage, ob er nicht auch die These vertrete, dass der Teufel gesellschaftlich aktiv sei. Der Herausgeber des Magazins »eigentümlich frei« habe ihm das Buch »Der Todestrieb in der Gesellschaft« eines orthodoxen Christen überreicht und ihm sei daraufhin klar geworden, dass seit Jahrtausenden der Teufel hinter dem Sozialismus stecke. Krall spricht dann auch vom »Tier Sozialismus«, für den er zum Beispiel auch Merkels Politik hält. Wir stünden jetzt vor einem Endkampf zwischen den Mächten des Guten und des Bösen. Sollte Satan in Gestalt des »Klimasozialismus« gewinnen, so müssten fünf Milliarden Menschen sterben.

Und dennoch erhält Krall regelmäßig Bühnen in der bürgerlichen Öffentlichkeit.

Krall tritt nicht nur regelmäßig bei der AfD auf, er wird von einem breiten bürgerlichen Spektrum hofiert: Hier eine Sparkasse, da die Friedrich-Naumann-Stiftung der FDP. Auch der hessische Alumni-Club der Freiburger Albert-Ludwigs-Universität hat ihn im Februar zum Vortrag eingeladen.

Wie soll der Sturz der Regierung nach Kralls Vorstellungen genau ablaufen?

Das können Sie ganz detailliert in einem Aufsatz in »eigentümlich frei« vom 18. April dieses Jahres nachlesen. Krall hat hierzu die Atlas-Initiative gegründet. Diese soll im Laufe des Jahres ein bis zwei Millionen Menschen, zum Beispiel im Rahmen der gerade anlaufenden Corona-Hygienedemos, vor dem Kanzleramt zusammenbringen, um dem Parlament die Arbeit beim Sturz der Regierung abzunehmen. Besorgniserregend sind Kralls Umsturzpläne auch deshalb, weil es bereits bewaffnete Preppergruppen wie zum Beispiel »Nordkreuz« gibt, die jederzeit losschlagen können. Einige »Nordkreuz«-Führer sehen im Reichsbürger Walter K. Eichelburg ihren Guru. Eichelburg sagt immer wieder aufs Neue den »Tag X« voraus und muss diesen »Tag X« des Umsturzes bisher aber immer wieder nach hinten verschieben. In einem aktuellen Papier bezieht sich Eichelburg positiv auf Krall und sieht in Krall den neuen »Kaiserlichen Reichsfinanzminister«.

August von Finck verkaufte im Februar einen Großteil seiner Aktien beim Schweizer Unternehmen SGS im Wert von etwa 2,3 Milliarden Franken. Wozu benötigt er gerade jetzt so viel flüssiges Kapital? Wir können doch hoffentlich davon ausgehen, dass er damit seinen Erben schon mal einen kleinen Vorschuss auszahlen möchte.

Ich habe bislang nichts anderes gehört. Andererseits soll Finck trotz seines Alters noch sehr rüstig sein. Wir dürfen die Geschichte des Hauses August von Finck auch nicht ignorieren, und er hat persönlich im September Krall, der ganz gezielt am Umsturz arbeitet, eingestellt. Auch wenn seine Umsturzphantasien jetzt noch nicht ganz für den Staatsstreich ausreichen sollten - für Anschläge im apokalyptischen Wahn reichen sie allemal.

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