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Ohne Bockwurst kein Bier

Restaurants dürfen wieder öffnen, Kneipen nicht. Dagegen regt sich nun Widerstand

  • Von Yannic Walther
  • Lesedauer: 4 Min.

Auszeiten kennt die »Quelle« eigentlich nicht. Seit über 100 Jahren gibt es die Kneipe an der Ecke Alt-Moabit und Stromstraße. Rund um die Uhr, das ganze Jahr über ist sie geöffnet. Eigentlich. Durch das Coronavirus hat sich auch hier einiges verändert. Wirtin Anette Schmidt-Ivanoski begrüßt Hereinkommende jetzt mit Desinfektionsmittel in der Hand. Früher selbstständig, ist die Mittsechzigerin mittlerweile seit sieben Jahren fest angestellt. »Corona geht allen in der Gastronomie an die Substanz«, sagt sie mit ruhiger Stimme.

Dabei gehört die »Quelle« mit ihren sechs Thekenmitarbeitern zu den Glücklicheren in der Branche. Weil sie auch selbst zubereitetes Essen anbietet, darf die Kneipe, genauso wie Restaurants, seit dem 15. Mai wieder öffnen. Für alle reinen Schankwirtschaften gilt das nicht. »Zwar kann ich die Bedenken nachvollziehen, dass Abstandsregeln eher missachtet werden, wenn Alkohol im Spiel ist«, sagt Schmidt-Ivanoski, die sich auf ihrem Kellnerblock notiert hat, was sie alles loswerden möchte. »Wir sind aber das beste Beispiel, dass Kneipenbetrieb auch mit Hygieneschutz möglich ist.«

Ein Lächeln lässt sich unter ihrem Einwegmundschutz erahnen, als sie von einem Gast darauf angesprochen wird, wie blankgeputzt das Lokal zurzeit aussieht. Nicht das einzig Neue: Am Tresen sitzt hier niemand mehr, und die Einzelplätze in Sicherheitsabstand werden vom Personal nach jedem Gast gründlich gereinigt. »Wer sich nicht an die Abstandsregeln hält, fliegt bei mir raus«, sagt Wirtin Schmidt-Ivanoski bestimmt.

So wie in der »Quelle« würden es gern auch Kneipen mit reinem Schrankbetrieb handhaben, die weiterhin geschlossen bleiben müssen. Eine von Norbert Raeder, dem Besitzer der Reinickendorfer Kneipe »Kastanienwäldchen«, gestartete Initiative hat nun beim Berliner Verwaltungsgericht Klage eingereicht, mit dem Ziel, dass auch Gastronomen ohne Speiseangebot wieder öffnen dürfen. Am Montagnachmittag demonstrierten berlinweit Wirte und Gäste vor Kneipen, um auf die schwierige Situation aufmerksam zu machen. »Wer eine Bockwurst verkauft, darf öffnen, wenn es aber nur Getränke sind, bleibt die Kneipe geschlossen«, kritisiert Raeder, der einst Parteichef der Grauen Panther war.

Wenn Schmidt-Ivanoski vom aktuellen Betrieb in der »Quelle« erzählt, bekommt man einen Eindruck davon, dass eine Gleichbehandlung mit Restaurants aus Sicht der Kneipen nur ein erster Schritt sein kann. Die »Multi-Kulti-Kneipe« »Zur Quelle« lebt laut der Wirtin nicht nur von den Stammgästen. Touristen und Studenten würden wesentlich zum Umsatz beitragen. Erstere werden voraussichtlich länger ausbleiben, Letztere kämen durch die eingeschränkten Öffnungszeiten nicht mehr. Auch die »Quelle« muss wie andere Gastronomien um 22 Uhr schließen. Vor Corona ist hier am meisten in den frühen Morgenstunden losgewesen. Die veränderten Schließzeiten bedeuten eine Umstellung vom Drei- auf den Zweischichtbetrieb, weniger Stunden für jeden Mitarbeiter - und am Ende auch weniger Geld.

»In Kneipen sind viele Minijobber angestellt. Die gehen leer aus und bekommen nicht einmal Kurzarbeitergeld, während manche Firmen Millionenbeträge abgreifen«, kritisiert Schmidt-Ivanoski. Sie wolle keine Grundsatzdebatte führen, sagt sie. Zwei konkrete Maßnahmen würden aber bereits einiges verbessern: So sollten Kneipen wieder öffnen dürfen, auch nach 22 Uhr. Zusätzlich sollte, so Schmidt-Ivanoski, die Mehrwertsteuer für alkoholische Getränke auf sieben Prozent reduziert werden - wie es die Bundesregierung bereits bei Speisen in Gaststätten getan hat.

Für Norbert Raeder braucht es schnell ein Umdenken beim Senat. Bei laufenden Betriebskosten und fehlenden Einnahmen ständen viele Kneipen vor dem Aus. »Mich hat das sehr ergriffen, als ich mit einer älteren Dame gesprochen habe, die ihr ganzes Leben hinter dem Tresen stand - und jetzt an Selbstmord denkt«, erzählt er. »Einige Kneipen werden nicht nur vorübergehend geschlossen bleiben«, glaubt auch Schmidt-Ivanoski. Zwar hätte ihr Chef noch nichts in der Art angedeutet, doch im Kiez würde es für andere Kneipen durchaus schlimmer aussehen, weiß sie.

Die ältesten Gäste in der »Quelle« sind laut der Thekenkraft über 80. Machen sich die Wirte und Angestellten in den Kneipen keine Sorgen um ihre Gäste? Norbert Raeder sagt: »Das Risiko für Ansteckungen besteht auch beim Bahnfahren oder wenn die Berliner jetzt statt in der Kneipe zusammen im Park sitzen und dort ihr Bier trinken.« Schmidt-Ivanoski betont, dass Kneipen auch soziale Treffpunkte sind, vor allem für viele allein lebende Menschen. Bleiben sie geschlossen, hätte das auch Auswirkungen auf ihre seelische Gesundheit. Während der Schließung stand sie telefonisch in Kontakt mit ihren Stammgästen. Zumindest bei einigen scheint die Sorge vor Ansteckungen nicht groß zu sein. »Ich wurde aus Spaß auch schon gefragt, wann wir denn hier eine Coronaparty schmeißen können.«

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