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Kreativ gegen den Nachtmahr

Jeder zehnte Erwachsene hat regelmäßig Albträume, jedes zweite Kind gelegentlich - aber es gibt auch Abhilfe

  • Von Angela Stoll
  • Lesedauer: 5 Min.

Aus dem Nichts meldet sich ein unbekannter Anrufer und überbringt eine knappe, grausame Nachricht: Die Schwester ist tot. Sie ist plötzlich an einer ominösen schweren Krankheit gestorben. Entsetzen und Trauer machen sich breit. Was wird jetzt aus ihrer Tochter? Wer überbringt den Großeltern die furchtbare Botschaft? Aber ist das denn wirklich wahr? Langsam kommen erste Zweifel, dann macht sich Gewissheit breit: Alles nur geträumt. Was für eine Erleichterung! Und dennoch liegt der böse Traum wie ein Schatten auf dem Tag.

Ängste und Sorgen, wie sie gerade zu Coronazeiten viele Menschen befallen, schlagen sich oft in schlechten Träumen nieder. »In akuten Belastungssituationen, etwa auch in Prüfungsphasen, werden Albträume häufiger«, sagt Reinhard Pietrowsky, Professor für klinische Psychologie an der Uni Düsseldorf. »Auch die jetzige Situation führt zu Belastungen.« Angesichts der Bilder von schwer kranken Patienten an Beatmungsgeräten ginge vielen Menschen die Frage durch den Kopf: Was ist, wenn es mich oder einen Angehörigen trifft? Dabei sind Albträume keineswegs nur negativ: Sie können den Betroffenen helfen, ihre Ängste zu erkennen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Albträume entstehen in der REM-Schlafphase, also meist in der zweiten Hälfte der Nacht. Das Gehirn ist in dieser Phase hochaktiv, während das motorische System gehemmt ist - eine sinnvolle Einrichtung der Natur, da man sonst um sich schlagen und sich verletzen könnte. »Der Einfluss des Frontalhirns und damit der Rationalität fällt in der REM-Phase weg«, erklärt Hans-Günter Weeß, Leiter des Interdisziplinären Schlafzentrums am Pfalzklinikum Klingenmünster. Stattdessen sei die Amygdala, ein Emotionszentrum im Gehirn, auffallend aktiv. »Daher sind Träume oft so bizarr und unrealistisch«, sagt er.

Während Sigmund Freud noch davon ausging, dass Träume Ausdruck unbewusster Triebe sind, findet heute die Kontinuitätshypothese prominente Verfechter. Sie besagt, dass der Schläfer im Traum das verarbeitet, was er im Wachzustand erlebt hat. Die meisten dieser Träume, nämlich etwa zwei Drittel, sind Weeß zufolge mit negativen Emotionen belegt. Verfolgung, Tod, Gewaltattacken, Stürze, Versagensängste, Unfälle und Schamgefühle sind die häufigsten Themen, um die Albträume kreisen. Typischerweise wacht man daraus auf und kann sich im Detail an die Horrorszenarien erinnern.

Fast jeder Mensch träumt gelegentlich etwas Schlimmes, Belastendes. Bei zehn Prozent der Erwachsenen passiert das sogar regelmäßig, also einmal pro Monat oder öfter. Frauen sind häufiger betroffen. »Das liegt vielleicht daran, dass sie kreativer sind«, sagt Pietrowsky. Grundsätzlich neigen nämlich kreative, aber auch ängstliche und emotional labile Menschen eher zu Albträumen. Möglicherweise gibt es auch eine erbliche Belastung. So berichtet der Schlafexperte Weeß: »Studien deuten darauf hin, dass die Gene eine Rolle spielen könnten.« Denn bei eineiigen Zwillingen war die Albtraumhäufigkeit ähnlich ausgeprägt, nicht aber bei zweieiigen. Eindeutig bewiesen ist der Zusammenhang allerdings nicht. Klar ist dagegen, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen, etwa Depressionen oder Angststörungen, häufiger Angstträume haben als andere.

Ein eigenes Kapitel sind Kinder und Jugendliche: Bei ihnen sind Angstträume geradezu normal. So schätzt man, dass jedes zweite Kind zwischen sechs und zehn Jahren zumindest gelegentlich Albträume hat. Aus mehreren Gründen: »Das kindliche Gehirn reift noch aus. Kinder haben zum Beispiel mehr REM-Schlaf«, erklärt Pietrowsky. »Außerdem müssen sie ständig mit neuen Situationen zurechtkommen. Die Träume dienen dazu, solche Probleme zu bewältigen.«

Manche Menschen haben allerdings so oft ausgeprägte Angstträume, dass sie massiv leiden. »Ich habe immer wieder Patienten, die aus Angst vor ihren Träumen nicht zu Bett gehen wollen«, berichtet Weeß. Auch Pietrowsky hat erlebt, wie groß die Not der Betroffenen sein kann: »Sie kann sogar zu suizidalen Gedanken führen.« So wollte sich eine Patientin, die jede Nacht davon träumte, wie sie ermordet wird, vom Balkon stürzen.

Wer öfter schlecht träumt, kann ein »Angstgedächtnis« entwickeln, erklärt der Experte: Bestimmte Bilder, die einem Betroffenen im Wachzustand oder auch beim Schlafen begegnen und ihn an den schlimmen Traum erinnern, können neue Albträume triggern. So entsteht ein Teufelskreis der Angst, aus dem die Patienten nicht aus eigener Kraft ausbrechen können: Sie sollten Hilfe in Anspruch nehmen - erster Ansprechpartner ist in der Regel der Hausarzt.

Wiederkehrende Albträume sind eine typische Folge posttraumatischer Belastungsstörungen, wie sie nach schlimmen Erfahrungen, etwa einer Vergewaltigung oder einem Unfall, auftreten können. In diesen Fällen wird nicht bloß das Symptom, sondern die Belastungsstörung als solche behandelt. Oft ist es aber nicht so offensichtlich, was hinter wiederholten Albträumen steckt. Manchmal sind bestimmte Medikamente schuld: So können zum Beispiel Antidepressiva, Blutdrucksenker und Mittel gegen Parkinson die Angstträume provozieren. »Wer Medikamente nimmt, sollte daher den Beipackzettel studieren«, rät Weeß. Abgesehen davon kann auch Alkohol- und Drogenkonsum dazu führen, dass man schlecht träumt.

Sind solche Ursachen ausgeschlossen, lassen sich häufige Albträume meist gut mit einer schlichten Methode, nämlich der Imagery Rehearsal Therapy bekämpfen: Dabei lernt der Patient, den Ablauf seines Traums so zu ändern, dass er ihm keine Angst mehr macht. Er erinnert sich im Wachzustand an eines der Horrorszenarien und erfindet ein neues Drehbuch mit gutem Ende, das er sich immer wieder einprägt. Erwachsenen hilft es dabei meist, die Handlung aufzuschreiben; bei Kindern sind dagegen Bilder, in denen sie die Traumszenen malen, besonders effektiv. »Die Imagery Rehearsal Therapy ist der Goldstandard in der Behandlung wiederkehrender Albträume«, sagt Pietrowsky. In der Regel sind dazu nur wenige Sitzungen bei einem Psychotherapeuten nötig. Man kann die Methode aber auch allein ausprobieren: »Im schlimmsten Fall ist sie dann nicht so effektiv.«

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