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Das Geschäft mit den Pharma-Exporten

Parallelimporte sind in der EU der große Renner. Marktführer Orifarm expandiert in der Coronakrise

  • Von Andreas Knudsen, Kopenhagen
  • Lesedauer: 3 Min.

»Soll es das Billigste sein?« So lautet eine häufig gestellte Frage von Apothekern in vielen europäischen Ländern, wenn das Verkaufsgespräch ins Stocken kommt. Hierbei geht es um die Entscheidung zwischen dem teuren Originalpräparat und preisgünstigen Alternativen: einem patentfreien Nachahmerpräparat (Generikum) oder dem gleichen Medikament in anderer Verpackung. Letzteres wird parallel zum Vertriebskanal des eigentlichen Pharmaproduzenten aus einem anderen EU-Land eingeführt. Gleiche Medizin, verschiedene Herkunftsquellen und ein Wirrwarr von Namen, die sich der Patient oft nicht merken kann und den Apotheken eine große Verantwortung überlässt, das richtige Präparat in der richtigen Dosierung zu verkaufen.

Medizinische Wirkstoffforschung ist aufwendig, teuer und zieht sich über Jahre hin. Deshalb genießt der erste Anbieter eine patentrechtliche Schutzperiode zwischen zehn und 15 Jahren, um die Kosten wieder zu amortisieren und zusätzlich eine oft üppige Rendite einzufahren. In den Ländern der EU sind die Lebenshaltungskosten und damit die Medizinpreise unterschiedlich. Dies nutzen Parallelimporteure aus, die patentrechtlich geschützte Medizin in einem Mitgliedstaat mit niedrigeren Preisen aufkaufen, um sie in Hochpreisländern in eigener äußerer Verpackung und unter neuem Namen weiterzuverkaufen. Generell geht hier der EU-Warenstrom von Süd nach Nord.

Nach Ablauf der Patente und eventueller anderer Schutzrechte können Konkurrenten mit Genehmigung des ersten Produzenten Kopien der ursprünglichen Medizin herstellen und nach behördlicher Zulassung verkaufen. Der Wirkstoff ist bei diesen Generika der gleiche wie vorher. Da die Kopieproduzenten keine Forschungskosten haben und keine eigenen Zulassungsverfahren durchlaufen müssen, könne sie ihre Mittel erheblich preisgünstiger verkaufen. Genau das ist ihre Geschäftsstrategie.

Nach Angaben des Verbands der Arzneimittel-Importeure Deutschlands haben importierte Arzneimittel hierzulande einen preisdämpfenden Effekt von 2,6 Milliarden Euro jährlich. Davon profitieren vorzugsweise die Krankenkassen und in gewissem Umfang auch die Verbraucher. In den EU-Ländern liegt der Anteil von Generika und Parallelimporten zwischen 20 und 60 Prozent, wobei Deutschland am oberen Ende der Skala zu finden ist. Kein Wunder, dass dies Pharmaproduzenten aus aller Welt anlockt, darunter den Generikahersteller Teva (Ratiopharm), der mit 3500 Präparaten weltweit Marktführer ist, oder die dänische Orifarm-Gruppe, die auf Generika und auf Parallelimporte setzt. Das Unternehmen ist mit einem Marktanteil von etwa 15 Prozent größter Parallelimporteur in Europa. Um diese Stellung auszubauen, hat Orifarm jetzt für 610 Millionen Euro 110 Generikapräparate vom japanischen Pharmakonzern Takeda übernommen. Mit zum Kauf gehören zwei Fabriken in Dänemark und Polen, die Orifarms Möglichkeiten der Umverpackung von Originalmedizin wie die der Produktion von Generika stärkt. Zu den neuen Geschäftsmöglichkeiten gehören bekannte Schmerz- und Erkältungsmittel.

Die Attraktivität von Generika und parallelimportierter Medizin ist so groß, dass auch Originalproduzenten Tochterfirmen in Deutschland etabliert haben. Die vielleicht bekannteste ist Sandoz (Hexal, 1A Pharma), eine Tochter des schweizerischen Novartis-Konzerns.

Insgesamt gesehen ist der Produktionsstandort so attraktiv, dass Deutschland mittlerweile ein Nettoexporteur bei Parallelmedizin ist. Die Geschäftsaussichten sind insgesamt äußerst günstig, woran auch die Corona-Pandemie nichts geändert hat. Einige Länder verhängten zwar zeitweilige Ausfuhrverbote für kritische Produkte, aber da keine größeren Produktionsprobleme auftraten, wurden diese wenig später wieder aufgehoben.

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