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Der Aussteiger

Verlassen kann man sich nur auf die eigene Neugier: Der Schauspieler und Regisseur Clint Eastwood wird 90 Jahre alt

  • Von Stefan Ripplinger
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Figur, die der junge Clint Eastwood als Schauspieler geschaffen hat, kreist um die Motive Rechtlosigkeit und Rache. Ob in seinen Italo-Western der 60er oder in seinen »Dirty-Harry«-Filmen der 70er Jahre, stets spielt er einen Mann, der sich selbst zum Gesetz erhebt. Er läuft zwar Amok, aber bedacht, kühl, ja kalt. Um eine solche Figur populär zu machen, darf sie zwar auf eigene Rechnung, aber durchaus nicht nur für sich handeln. Sie sucht auf blutige Weise Gerechtigkeit in einer ungerechten Welt.

Nun muss der Kapitalismus denen, die er ausbeutet, zwar ungerecht erscheinen. Aber er ist es, wie sein Rechtssystem, auf gleichgültige Art. Das Kapital ist kein böser, sondern ein tauber Gott. Außerdem übt es seine Herrschaft immer auf indirekte Weise aus. Seine Übeltäter sind stets selbst Opfer. Wer sich also in dieser Welt rächt, schießt fast immer daneben oder trifft einen Unschuldigen. Ja, im Grunde ist Schuld nicht mehr greifbar. Das reflektieren die Filme, die Clint Eastwood als Regisseur gedreht hat.

»Erbarmungslos« (1992) ist noch ein Rache-Film. Aber der Rächer (Eastwood selbst) muss bereits zum Jagen getragen werden. Was ihn lange zurückhält, ist sein Wissen darüber, dass das Sterben eine entsetzlich langwierige, schmutzige, mitunter auch tragikomische Angelegenheit ist. Der US-amerikanische Filmregisseur Sam Peckinpah war der Erste, der in seinen Western Menschen nicht sterben ließ, als ob sie Schießbudenfiguren wären, die nach hinten umklappen. Eastwood geht nicht nur hier, sondern auch in seinen seltsam unpatriotisch-patriotischen Kriegsdramen »Flags of Our Fathers« und »Letters from Iwo Jima« (beide 2006) noch einen Schritt weiter. Gewalt erscheint bei ihm als ein tragisches Verhängnis, manchmal auch als Idiotie, nicht, wie bei Quentin Tarantino, den Coen-Brüdern und ähnlichen Narzissten, als ein perverser Spaß.

Den ganzen Irrsinn der Rache zeichnet »Mystic River« (2003) nach. Ein Schwacher (Tim Robbins) gesteht unter Druck eine Tat, die er gar nicht begangen hat, und wird von einem Starken (Sean Penn) hingerichtet. Spätestens mit diesem Werk hat Eastwood das Rollenmodell seiner frühen Western und Krimis ad absurdum geführt und sich als Bewahrer des Erzählkinos empfohlen. Er arbeitet mit natürlichem Licht, langen Einstellungen, an Originalschauplätzen; in »Brücken am Fluss« (1995), der in einem Bauernhaus spielt, kriechen tatsächlich die für einen solchen Ort typischen Fliegen übers Mobiliar.

Eastwoods Geschichten sind schlicht, meist unspektakulär, selten tumb, moralisch zwar, aber immer von Skepsis durchzogen und von Pessimismus grundiert. Er ist ein Konservativer, und wie allen Konservativen, die stoisch an ihren Prinzipien festhalten, geben ihm die durchs Dorf getriebenen Säue im Nachhinein recht: Wenn sie weg sind, ist er immer noch da. Und wer sollte bei ihrem Auftrieb einen klaren Gedanken fassen können?

Das bedeutet auch, dass an Clint Eastwood das Kino von Jean-Luc Godard oder Wim Wenders spurlos vorübergegangen ist. Seine Mittel können subtil sein - exzentrisch oder malerisch sind sie selten. Eine Ausnahme ist »Bird« (1988). Forest Whitaker spielt in seiner ersten Hauptrolle den sterbenden Jazzmusiker Charlie Parker, genannt »Bird«. Der Film ist ein langer Abgesang, ein langer Albtraum, zwar in Farbe, aber fast durchweg im Halbdunkel. Schattenhafte Gestalten treten wie Silhouetten ins trübe Licht und werden wieder vom Schwarz aufgesogen. Es ist die »amerikanische Tragödie«, über die der Schriftsteller Theodore Dreiser schrieb, gegeben als Renaissancegemälde.

Wenn man »Brücken am Fluss« nicht nur als das aufwühlende Melodram mit Meryl Streep liest, das es vor allem ist, sondern auch als ästhetisches Manifest, sieht sich Eastwood aber nicht als Künstler, geschweige als Maler. Er verzichte, sagt er darin in der Rolle eines Landschaftsfotografen, auf unscharfe Einstellungen und subjektive Kommentare. Er bemühe sich um Sachlichkeit. Mit der steten Veränderung der Welt habe er sich längst abgefunden, sie sei nur »natürlich«. Doch auf irgendetwas müsse sich einer auch verlassen können. Was es ist, bleibt unklar. Die Familie ist es in diesem Film, der von einem Ehebruch handelt, eher nicht. Sind es Überreste einer älteren technischen Zivilisation wie hier die Holzbrücken im Madison County oder ein alter Sportwagen in »Gran Torino« (2008)? Aber sie zerfallen doch längst. Verlassen kann sich einer am Ende nur auf die eigene Neugier, so lehrt es jedenfalls »Brücken am Fluss«, vielleicht der wichtigste Film seiner Karriere. Wenn er vom Zug aus etwas Schönes sehe, sagt der Fotograf, dann steige er einfach aus und schaue es sich an. Und das ist Clint Eastwood, der am Sonntag 90 Jahre alt wird, am Ende geworden: ein Aussteiger.

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