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Die Außenseiter

Wie nordhessische Ackerbesetzer für ökologischen und sozialen Wandel kämpfen und eine Gemeinde verändern

  • Von Stefan Otto
  • Lesedauer: 8 Min.

Nichts ist offiziell geduldet auf dem Domänenacker in Hebenshausen, weder die Holzhütten noch die Bauwagen oder das Gewächshaus neben den Beeten. »Das Camp ist illegal«, erklärt die Hessische Landgesellschaft, die den Acker verwaltet. Seit Generationen ist er im öffentlichen Besitz und wird verpachtet. Jahrein, jahraus haben die Bauern dort ihre Ernte eingebracht. Der Lößboden ist ausgesprochen fruchtbar. An einigen Stellen kommt er an die 90 Bodenpunkte heran, erzählte der Landwirt Philipp Kawe vor zwei Jahren, als er dort vorerst ein letztes Mal Weizen und Zuckerrüben angebaut hatte. Ihm wurde gekündigt, weil das Land veräußert werden und dort ein großes Logistikgebiet auf einer Fläche von rund 100 Fußballfeldern entstehen soll.

Wieder einmal soll dafür beinahe jeglicher Umweltschutz den Interessen der Wirtschaft geopfert werden. Dagegen haben sich die Campbewohner aufgelehnt. »Den Boden wollen wir für den Ackerbau erhalten«, erklärt Luca Rosenberg, einer der Besetzer. Die Gruppe entstammt dem Umfeld der Universität im acht Kilometer entfernten Witzenhausen. Mittlerweile haben sich ihr zahlreiche Umweltaktivisten angeschlossen. Einige bleiben für ein paar Tage, andere für Monate. Unterstützt werden sie auch von der örtlichen Bürgerinitiative »Für ein lebenswertes Neu-Eichenberg«.

Vor einem Jahr kamen sie im morgendlichen Nieselregen und fingen an, Zelte aufzubauen, Bretterhütten zu zimmern und zogen einen Wohnwagen her. Der Tag war ein Happening. Sie warfen Flyer in die Briefkästen, auf denen sie sich als neue Nachbarn vorstellten. Doch wer sich hinter der Gruppe verbirgt, daraus machen die Aktivisten ein Versteckspiel. Auch die Namen, die in den Medien auftauchen, sind fiktiv - weil sie mit der Besetzung die Grenze des Erlaubten überschreiten. Trotzdem sind sie nahbar. Jeder, der möchte, kann vorbeikommen. Das inzwischen entstandene Hüttendorf ist keine Trutzburg, sondern Anlaufpunkt für einen Protest gegen den Raubbau an der Natur geworden, der mittlerweile bundesweit Beachtung gefunden hat.

Stetig streicht der Wind übers Feld. Keine Hecke bietet Schutz. Die Äcker in Neu-Eichenberg sind groß, wie so oft, wenn die Böden fruchtbar sind. Das Camp wenige Meter vor dem Ortseingang von Hebenshausen selbst strahlt Ruhe aus. Ein Mann steht auf einem hölzernen Turm und spielt Harfe, seine Melodien sind weithin zu hören. In den Beeten jätet Luca Rosenberg. »Die Situation war vor einem Jahr angespannt«, erinnert er sich. Die Gemeindeversammlung musste noch ein letztes Mal zustimmen, dann wäre das Logistikgebiet beschlossene Sache gewesen. Dann hätten sich die fünf Dörfer der Gemeinde Neu-Eichenberg radikal verändert.

Der Immobilienentwickler Dietz wollte dort große Blechhallen errichten, um sie an Versandhändler und Paketdienstleister zu vermieten. Hunderte Menschen sollten dort arbeiten, manche sagten auch Tausende, und beinahe ebenso viele Lastwagen sollten be- und entladen werden. »Mit der Besetzung wollten wir den Protest auf eine neue Stufe heben«, erklärt Luca Rosenberg. Unbequem wollen sie sein, wie die Umweltschützer im Hambacher Forst. Einer ihrer Leitsprüche lautet: »Wir sind das Investitionsrisiko.« Das Areal wollen sie mit ihrer Anwesenheit für einen Investor so unattraktiv wie möglich machen. Bemerkenswert ist dabei ihr schier unerschütterlicher Optimismus.

Den schien Sigrid Erfurth schon lange verloren zu haben. Die Vorsitzende der hessischen Grünen lebt in Neu-Eichenberg und ist Gegnerin des Logistikgebiets von der ersten Stunde an. Im hessischen Landtag musste sie aber miterleben, wie auch ihre Partei für die Privatisierung der Domänenfläche stimmte. Sie müssten sich an die Beschlüsse der Vorgängerregierung halten, begründeten ihre Parteifreunde die Entscheidung.

Als im Haushaltsausschuss im September 2018 der Verkauf beschlossen wurde, blieb Sigrid Erfurths Platz leer. Mehr konnte sie nicht tun. »Wenn so viele Menschen bequem am Computer einkaufen möchten, dann braucht es auch irgendwo solche Logistikzentren«, sagte sie resigniert. Tatsächlich boomt der Online-Handel, entsprechend braucht es Flächen für große Verteilzentren. Alleine im Rhein-Main-Gebiet prognostiziert die Studie »Logistik und Immobilen« für die kommenden zehn Jahre einen Bedarf von 780 Hektar.

Doch die Leute vom Acker hörten nicht auf Sigrid Erfurth. Und auch nicht auf den sozialdemokratischen Gemeindebürgermeister Jens Wilhelm, der stets zuversichtlich war, das Vorhaben nach Plan umzusetzen. Aber eines war auffällig: Je näher die Entscheidung rückte, desto größer wurde das Unbehagen angesichts des Großprojekts.

Zum Showdown kam es im Januar, als die Gemeindeversammlung zwei Tage lang tagte. Sie sollte darüber abstimmen, ob der Bebauungsplan ein drittes Mal geändert werden sollte, um ihn rechtssicher zu machen, damit die Bagger anrücken könnten. Rund 150 Menschen fanden sich in der Gaststätte »Waldmann« in Hebenshausen ein, um still und mahnend der Versammlung beizuwohnen. Viele hielten den 15 Abgeordneten Aufkleber entgegen, auf denen »Mut zur Umkehr« stand.

Längst waren die Reihen der Christ- und Sozialdemokraten nicht mehr geschlossen. Es gab Abweichler, und am zweiten Abend kippte das Mehrheitsverhältnis, nachdem der bereits zurückgetretene CDU-Fraktionsvorsitzende Hans-Heinrich Schröter ein langes Plädoyer für den Ausstieg hielt. Die Versammlung stimmte für einen Vorschlag der Grünen, die Planung für ein halbes Jahr zu stoppen, um nach Alternativen zu suchen. Nach dem Entschluss lagen sich die Zuschauer in den Armen, einige weinten auch. Erschien es ihnen doch wie ein Wunder, dass ihre Bewegung so viel Überzeugungskraft entwickelt hatte, um ein Großprojekt aufzuhalten.

Der Protest der Bürgerinitiative ist seitdem abgeebbt, als wollten sie der Suche nach alternativen Nutzungen die nötige Ruhe einräumen. Die Ackerbesetzer aber kündigten an zu bleiben, obwohl die Hessische Landgesellschaft die Domänenfläche wieder an ortsansässige Landwirte verpachten wollte und keinen Hehl daraus machte, dass ihr das Hüttendorf dabei im Wege steht. Kurzzeitig sah es nach einer Eskalation aus, letztlich gab es einen Kompromiss. Die Landwirte bauen konventionell an, lassen aber Platz für großzügige Hanfpflanzungen rund ums Camp frei, auf denen sie nicht spritzen. Für die Besetzerin Ida Bauer ist das ein »Minimalkonsens«. Natürlich hätten sie sich einen Ökolandbau gewünscht, aber sie suchen nicht den Konflikt um jeden Preis.

Viel Unterstützung erhielten sie in der Gemeinde, betonen die Hüttenbewohner oft. Vor allem Sympathisanten der Bürgerinitiative finden es rührend, wie sie bei Wind, Sturm und Nachtfrösten im Camp ausharren, um ein stetiges Zeichen zu setzen. Doch es gibt auch einige, die den Hang der linken Subkultur befremdlich finden, jeden zweiten Laternenmast in der näheren Umgebung mit Aufklebern zu versehen.

Für Ida Bauer dagegen ist das Hüttendorf ein wichtiger Platz, um alternatives Leben auszuprobieren. Zurzeit nimmt die Arbeit im Gemüsegarten viel Zeit in Anspruch. Eine Fläche, so groß wie ein Fußballfeld, haben sie umgebrochen, auf der sie Gemüse anbauen: Kartoffeln, Bohnen sowie Artischocken. Rote Bete, Tomaten und Möhren. Viel zu viel, um sich selbst zu versorgen, aber sie haben vor, das Gemüse auch in den Dörfern zu verteilen. Gratis. »Die Leute sollen auch was vom Acker haben. Schließlich ist das ihrer und soll es auch bleiben«, sagt Ida Bauer. Ein Zeichen wollen sie setzen, dass das Land dem Allgemeinwohl dienen sollte.

Bürgermeister Jens Wilhelm kann mit der Besetzung nichts anfangen. »Es gibt andere Formen der Meinungsäußerung, die das Thema ebenso kritisch betrachten und hinterfragen können«, meint der ehemalige Polizist. Die Bürgerinitiative geht einen solchen Weg. Ihre Mitglieder sind im Dorfleben integriert und zwei von ihnen auch in der Arbeitsgemeinschaft vertreten, die nach einer alternativen Nutzung für den Acker sucht. Der Bürgermeister lobt die konstruktive Stimmung in der Runde, an der neben den Fraktionen auch Vertreterinnen von »Fridays for Future« teilnehmen.

Derzeit gibt es zwei Vorschläge für eine alternative Nutzung: eine großflächige Solaranlage, für die das Unternehmen Adaica aus Witzenhausen wirbt, und eine kleinteilige landwirtschaftliche Nutzung, das auch eine Energienutzung zulässt und sozialen Projekten Platz einräumt. Die studentische Projektgruppe »Land schafft Zukunft« hat dafür ein Konzept entwickelt. Für die Hüttenbewohner ist die Präferenz eindeutig: »Die Solaranlagen wären auch nur wieder eine großtechnische Lösung«, kritisiert Luca Rosenberg. Sie wünschen sich, dass die Wertschöpfung in der Gemeinde bleibt. Doch die Camp-Bewohner haben in dem Gremium keine Mitsprache. »Natürlich nicht«, sagt Jens Wilhelm. Für ihn gehören sie nicht zur Dorfgemeinschaft.

Und dennoch sind die Besetzer präsent. Jetzt, im Frühling, blüht das Camp wieder auf. »Wir können die Welt nicht retten, indem wir uns an die Spielregeln halten«, sagt die Klimaaktivistin Greta Thunberg. »Die Regeln müssen sich ändern, alles muss sich ändern.« Das ist auch die Haltung der Besetzer. Sie beschwichtigen nicht, sondern polarisieren - und zweifellos haben auch sie dazu beigetragen, dass sich die Stimmung in der Gemeinde geändert hat.

Über viele Jahre hatten SPD und CDU den politischen Diskurs bestimmt. Es herrschte ein Klima der Kungeleien. Gerade einmal zwei Jahre ist es her, als die damalige Bürgermeisterin Ilona Rohde-Erfurth erklärt hatte, die Verhandlungen mit den Interessenten für das Logistikgebiet seien bereits in der finalen Phase und unaufhaltsam. Die Einwände der Bürgerinitiative, die sich gerade formiert hatte, könnten nicht mehr berücksichtigt werden, verkündete die Sozialdemokratin. Diese Zeiten sind vorbei. Im Februar erklärte die Dietz AG, angesichts der derzeitigen Entwicklung kein Interesse mehr an dem Logistikprojekt zu haben.

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