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Prekariat

Brüchiges Leben, brüchige Arbeit

Wie hängen prekäre Jobs, Liebe und Gesundheit zusammen?

Von Inga Dreyer

Klatschen reicht nicht. Auch am 12. Mai, dem Internationalen Tag der Pflegenden, wurde von vielen Seiten darauf hingewiesen. Doch behauptet irgendjemand das Gegenteil? Die Menschen, die abends auf Balkonen standen, um Pflegekräften und anderen zu danken, die das Land während der Coronakrise am Laufen halten? Wohl kaum. Auch Pflegende können nicht von Luft und Liebe leben. Sie brauchen Essen und ein Dach über dem Kopf. Und das wird bekanntermaßen nicht billiger.

Trotzdem haben die Applaudierenden das Bedürfnis gehabt, ihrer Dankbarkeit Ausdruck zu verleihen. Doch was bedeutet Anerkennung eigentlich - gerade in unsicheren Lebensverhältnissen? Dazu haben Christine Wimbauer und Mona Motakef geforscht. Im April erschien ihr Buch »Prekäre Arbeit, prekäre Liebe. Über Anerkennung und unsichere Lebensverhältnisse«, das kostenfrei von der Verlags-Homepage heruntergeladen werden kann. Die beiden Berliner Soziologinnen berühren dabei viele Themen, die im Zuge der Krise in die öffentliche Debatte gespült wurden. Sie betrachten die Situationen von Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen und beziehen dabei Bereiche ein, die ihrer Ansicht nach in der bisherigen Prekaritätsforschung vernachlässigt wurden.

Anerkennung ist einer dieser Bereiche. Wo suchen Menschen nach ihr? Wo werden sie enttäuscht? Wie hängen prekäre Jobs, Liebe und Gesundheit zusammen?

Christine Wimbauer ist Professorin für Soziologie der Arbeit und Geschlechterverhältnisse an der Humboldt-Universität zu Berlin, Mona Motakef Wissenschaftliche Mitarbeiterin am selben Lehrbereich. Gemeinsam haben die beiden vor zehn Jahren zu Doppelkarrierepaaren geforscht. Dabei sei ihnen klar geworden, wie notwendig es sei, den Blick auch auf prekäre Arbeitsverhältnisse zu lenken. Schließlich hätten 38 Prozent der Beschäftigten in Deutschland keine volle und unbefristete Stelle. Etwa zwölf Prozent der Erwerbsbevölkerung lebten in einer verfestigten prekären Lage.

Die Autorinnen liefern keine repräsentative Studie, sondern wollen durch anonymisierte Interviews »ein tieferes Verständnis für die Sinnwelten und das Innenleben prekär beschäftigter Menschen« gewinnen. Dazu haben sie 24 Personen in Deutschland befragt, darunter Paare und Alleinstehende.

Die Lektüre erweist sich als wenig erquickend - was kaum verwunderlich ist. Es geht um miese Erfahrungen im Job, Krankheiten und private Schicksalsschläge. Ein erstauntes Lächeln mag einem über die Lippen huschen, wenn Befragte ihre Lage mit treffsicherer Lakonie und Selbstironie schildern. »Im Moment gefällt mir eigentlich gar nichts da, außer dass ich Prozente auf den Kaffee krieg’«, sagt Sabine Schomann über ihren Aushilfsjob bei einer Kaffeekette. Weder Sinn noch Anerkennung kann sie in ihrer Arbeit finden. Im Gegenteil: Weil sie nicht immer alles richtig macht, wird sie regelmäßig scharf zurechtgewiesen. Schon in der Ausbildung war das so. »Ich kann nicht mehr, ich bin am Ende«, sagt Schomann, und weiter: »Die machen mich nur fertig, die lassen mich merken, dass ich nicht dahin gehöre, und ich bin echt ein Sensibelchen.«

Gesundheitliche Folgen ...

Sie arbeitet vor allem, um Geld zu verdienen. Das ist bei den meisten Befragten so: Arbeit bedeutet Überleben und Unabhängigkeit. Außerdem erscheint sie wichtig, um sich als »anständiges Gesellschaftsmitglied« zu fühlen. Jedoch scheitern die Befragten an ihren Ansprüchen - oft aus strukturellen Gründen. Die Soziologinnen sprechen von »Anerkennungsdefiziten in der Erwerbssphäre«, die sie bei fast allen Befragten ausmachten.

Mehrere von ihnen arbeiten in Branchen, die nun unter dem merkwürdigen Begriff »systemrelevant« firmieren. Markus und Maria Melchior zum Beispiel. Beide sind ausgebildete Rettungssanitäter*innen und haben drei Kinder. Maria wurde während der ersten Schwangerschaft aus dem Rettungsdienst gemobbt und arbeitet nun als Aushilfskraft in einer Fabrik. Mehrmals war sie wegen chronischer Erschöpfung in Rehamaßnahmen.

Gesundheit ist ein zentrales Thema. Häufig ist unklar, was zuerst kam: Ist die berufliche Situation prekär, weil die Gesundheit nicht mehr mitspielt - oder ist die Gesundheit ruiniert, weil der Job so zermürbend ist?

Bei Theo Tettler kam alles auf einmal: Scheidung, Kündigung, psychische Erkrankung. Sein Beispiel zeigt, wie stark Beruf und Gesundheit miteinander verbunden sind. Über seinen Job berichtet er: »Es war eine Rennerei von früh bis spät. Natürlich war es machbar, wenn man gesund ist und noch einigermaßen jung.«

Wer jedoch älter und kränker wird, kann nicht mehr mithalten. Die Befragten berichten von Arbeitsverdichtung, Rationalisierungen, Sparmaßnahmen - und auch von Mobbing.

... fehlender Anerkennung

»Prekarisierung« könne als Prozess des Brüchigwerdens begriffen werden, schreiben Wimbauer und Motakef. Brüchig kann vieles werden: Gesundheit, Freundschaften, Paarbeziehungen - und auch Rollenmodelle. So stellen die beiden Soziologinnen die Frage, was passiert, wenn Männer aufgrund prekärer Lebenslagen nicht mehr den Familienernährer spielen können. Kann das eine Chance für neue Modelle sein? Im Ergebnis aber stellen sie insgesamt ein Festhalten an der männlichen Ernährerrolle fest. Diejenigen, die daraus ausbrechen wollen, stehen vor privaten wie gesellschaftlichen Hürden.

Wie sich prekäre Arbeitssituationen auf das Privatleben auswirken, ist unterschiedlich. Die Interviews zeigen: Beruflicher Misserfolg kann zu mangelnder Anerkennung in der Partnerschaft führen. Das ist beispielsweise bei Maria Melchior so, die sich um die drei Kinder kümmert und arbeitet - aber bei ihrem Partner keine Anerkennung für die Doppelbelastung findet.

Es wird deutlich, dass es meistens Frauen sind, die unter der Nichtanerkennung von Sorgearbeit leiden - eine Tatsache, die aktuell in der Coronakrise auf gesamtgesellschaftlicher Ebene offensichtlich wird. Unter den Befragten der Studie ist jedoch auch ein Mann, der unter der Problematik leidet. Seine Frau hätte lieber einen »Ernährer« als jemanden, der sich um die Kinder kümmert.

Wimbauer und Motakef zeigen andererseits auch, dass Paarbeziehungen und Freundschaften in anderen Fällen eine Ressource sein können, die Kraft gibt, berufliche Frustrationen auszuhalten.

Bei einigen Befragten kommen Frust im Job und in der Liebe zusammen - wie bei Ulrike Urban: »Diese Kombination alt, arm, krank ist für mich der Horror, besonders, weil ich jetzt auch schon so lange alleine lebe.«

Mit der Vorstellung vom Leben als Paar seien immer noch Heilsversprechen verbunden, schreiben die Autorinnen. Allerdings zeigten die befragten Paare, dass eine Paarbeziehung nicht notwendig den Weg ins Paradies ebne, sondern manchmal auch in die entgegengesetzte Richtung führen könne. Die Suche nach Erlösung in der Liebe kann also eine Falle sein, genauso wie die Orientierung am Prinzip der Meritokratie. Das bedeutet: Wer sich anstrengt, wird belohnt. Ist aber nicht immer so - wie die Beispiele zeigen.

Bleibt die Frage, was sich tun lässt, um die Gesellschaft zu entprekarisieren? Eine Antwort lautet: Gute Arbeit und sichere Jobs. Wie Wimbauer und Motakef jedoch zeigen, ist der Mensch mehr als seine Erwerbsarbeit. Auf theoretischer Ebene lassen sie sich auch von Judith Butler inspirieren, die davon ausgeht, dass wir als soziale und körperliche Wesen der Anerkennung des Anderen bedürfen. Wir sind per se verletzbar. Bestimmte Gruppen werden über politische Regulierungen geschützt. Butler spricht dabei von »Rahmen der Anerkennbarkeit«.

Wie können wir diese Rahmen ausweiten und beispielsweise jene einbeziehen, die Sorgearbeit für andere leisten? Die Autorinnen thematisieren auch die Bedeutung von Sorge für sich selbst. Diese werde von den Befragten »nicht als gesellschaftlich legitimer Anspruch, höchstens als unerfüllter Wunsch empfunden«.

Vielleicht hat sich das in der Coronakrise etwas relativiert. Vom Sauerteig bis zur Kombucha-Kultur ist der neue Koch- und Backkult sicherlich ein Ausdruck von Selbstsorge. Auch die Sorge für andere ist im Fokus - spätestens durch die Rebellion vieler Homeoffice-Eltern. Wichtig ist, dass das Thema bleibt - auch jenseits der Krise.

Christine Wimbauer, Mona Motakef: Prekäre Arbeit, prekäre Liebe. Über Anerkennung und unsichere Lebensverhältnisse. Campus Verlag, 420 S., open access: https://kurzelinks.de/prekaer

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