US-Wahlkampf

Wahlkampf aus dem Keller

Max und Moritz analysieren im Chat mit Oliver Kern jede Woche den US-Wahlkampf.

Von Max Böhnel und Moritz Wichmann

MUM8 - Wahlkampf aus dem Keller

Hallo Max, der Präsidentschaftskandidat der Demokraten, Joe Biden, sitzt seit Monaten in seinem Keller, während Donald Trump als Präsident durchs Land reisen darf. Trotzdem stieg Bidens Umfragemehrheit zuletzt auf gut 8 Prozentpunkte. Läuft das perfekt für Biden, weil er sich daheim nicht mehr so oft verhaspelt wie sonst bei bei seinen Wahlkampfauftritten?

Perfekt wäre es für ihn erst, wenn er gar nichts mehr sagen müsste, denn selbst ohne große Reden vor vielen Anhängern legt er grobe Schnitzer hin. Der letzte kam vor einer Woche, als er in einem Radiointerview sagte: »Wenn Sie ein Problem damit haben, sich darüber klar zu werden, ob sie für mich oder für Trump sind, dann sind sie nicht schwarz.« Den Satz haben viele zurecht als herablassend und rassistisch empfunden. Trump griff ihn dafür prompt in einem TV-Clip an. Kurz darauf entschuldigte sich Biden. In den Umfragen liegt er aber tatsächlich weiter vorn.

Es stört also eher Donald Trump, dass er nicht mehr vor seinen Wahlvolk auftreten kann?

Nun ja, es wird ja immer noch jeder Satz, jede Geste, jeder Tweet von ihm vermeldet. Er spielt weiter sein Spiel mit den Medien, indem er bewusst provoziert, droht und beleidigt. Irgendwann wurden seine Corona-Pressekonferenzen aber zum PR-Desaster. Der Höhepunkt war der berühmte Satz, man solle sich doch mal Desinfektionsmittel spritzen. Solche Sätze machen auch auf seine Fans keinen guten Eindruck. Die suchen auch nach Antworten und Auswegen. Und wenn Trump jetzt sagt, dass einer zweiten Infektionswelle kein Shutdown folgen würde, hört sich das selbst in den Augen von etlichen Anhängern so an, als würde er sie lieber krank werden lassen statt Arbeitslosengeld zu zahlen. Zudem stieg die Zahl der Toten in den USA nun auf mehr als 100.000. Und was macht Trump? Er geht Golf spielen. Da muss Biden gar nichts tun, als im Keller zu sitzen und abzuwarten.

Trotzdem will der ja auch in den Nachrichten vorkommen. Wie gelingt ihm das?

Da ist Joe Biden bis auf ein Interviews fast abwesend. Zum Memorial Day kam er diese Woche zum ersten Mal nach fast 5 Wochen öffentlich wieder aus dem Haus, um an einem Kriegsdenkmal einen Kranz niederzulegen. Das war sofort ein Medienereignis. Über einen anderen Weg schaffte er es dennoch, sich in den Medien zu halten: mit der Suche nach einer Vizepräsidentschaftskandidatin. Es wird fleißig spekuliert, wer es wird.

Biden hat sich früh festgelegt: Es wird eine Frau. Ein politisch kluger Schachzug? Immerhin war bei Hillary Clintons Niederlage 2016 auch viel Sexismus mit im Spiel.

Das sicherlich, aber in welchem Ausmaß das eine Rolle spielte, ist nicht klar. Sie gewann die Wahl ja eigentlich auch mit 3 Millionen Stimmen mehr. Dass dann aber Trump ins Weiße Haus einzog, lag am antiken Electorial College, diesem Wahlmännergremium und nicht am Sexismus. 2008 fragte man auch, ob es klug wäre, bei all dem Rassismus Barack Obama aufzustellen.

Zuletzt wurden die Namen von Stacey Abrahams aus Georgia, Kamala Harris (Kalifornien) und Elisabeth Warren (Massachusetts) hoch gehandelt. Ein Testballon folgt dem nächsten. Mit wem ist denn noch zu rechnen?

Da wäre die eher unbekannte Senatorin aus Nevada, Catherine Cortez Masto. Sie hat Lateinamerikanische Wurzeln und könnte Biden bei diesen Wählern helfen. Die wenigen Stimmen der Latinos waren im Vorwahlkampf eine seiner Schwachstellen.

Eine Schwäche Clintons war der industrielle Nordosten, da fallen einem Michigans Gouverneurin Gretchen Whitmer oder die Senatorin von Minnesota, Amy Klobuchar, ein. Welche Eigenschaften spielen eine Rolle bei der Auswahl?

Die Kriterien sind zahlreich. Da wäre die politische Vergangenheit; wunde Punkte, die Trump ausschlachten könnte. Etwa, dass Elizabeth Warren mal fälschlicherweise angegeben hat, indianischer Abstammung zu sein. Deshalb beleidigt Trump sie stets als »Pocahontas«. Aber auch der Parteiflügel, den die Kandidatin vertritt, kann wichtig werden. In letzter Zeit ist Warren wieder nach oben gerückt, weil sie eine Progressive ist und Biden damit vielleicht ein Zeichen setzten will. Es muss auch bedacht werden, dass die Demokraten vielleicht wichtige Posten verlieren, wenn zum Beispiel eine Stimme im Senat fehlt, weil Klobuchar, Warren oder Harris plötzlich Vizepräsidentin sind.

Hautfarbe und Herkunft sind weitere Faktoren. Die Aussicht auf eine schwarze Vizepräsidentin wie Harris oder Abrams würde mehr Afroamerikaner mobilisieren. Klobuchar und Whitmer könnten dagegen Minnesota und Michigan wieder in die Hand der Demokraten bringen. Natürlich muss die Person auch Regierungserfahrung haben. Biden ist schließlich schon 77 Jahre alt. Sollte er im Amt sterben, hätten wir ganz automatisch die erste US-Präsidentin. Das wird alles heiß diskutiert.

Keine Kandidatin vereint alle Kriterien auf sich. Wie lange geht dieses Favoritenspielchen denn noch weiter. Muss sich Biden nicht bald mal entscheiden?

Schriftlich fixiert ist ein Zeitpunkt nicht. Normalerweise erfolgt die Auswahl ein paar Wochen vor dem Parteitag, auf dem das Duo dann gekürt und gefeiert wird. Aber in der Coronakrise ist nichts mehr normal. Wir wissen nicht einmal, ob es im August Parteitage geben wird.

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