Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Unverschuldet abgeschlagen

Dynamo Dresden kommt mit der erwarteten Niederlage verspätet aus seiner Corona-Pause

  • Von Christoph Ruf, Dresden
  • Lesedauer: 4 Min.

Das größte Lob für den VfB Stuttgart kam nach dem 2:0-Sieg in Dresden vom gegnerischen Trainer. »Wir haben gegen eine Topmannschaft gespielt, die in die erste Liga aufsteigen wird«, fand Markus Kauczinski. Dynamos Coach verband damit allerdings vor allem ein Lob für die eigene Mannschaft, die dem Tabellenzweiten lange Zeit Paroli geboten hatte und mit etwas Glück sogar einen Punkt in Dresden behalten hätte. So aber hat Dynamo sechs Zähler Rückstand auf den Relegationsplatz, vor der Coronapause war es einer. Die Dresdner sind abgeschlagen - auch weil sie vor dem 0:2 gegen Stuttgart ganze 84 Tage lang kein Pflichtspiel mehr bestritten hatten.

Während anderorten die Gesundheitsämter nur die jeweils infizierten Spieler isolierten, wurde in Dresden nach drei positiven Coronatests die komplette Mannschaft unter Quarantäne gestellt. Kein Spieler durfte seine Wohnung verlassen. Derweil waren die anderen 17 Zweitligisten wochenlang im Mannschaftstraining und brachten schon drei Partien hinter sich. Dynamo dagegen spielte seit Anfang März exakt zweimal elf gegen elf. Am Mittwoch im Training. Und am Sonntag gegen den VfB.

Der 50-jährige Kauczinski war im Winter angeheuert worden, um eine verunsicherte Mannschaft wieder aufzurichten. Nach einer schwierigen Anfangsphase schien der Turnaround geschafft. Dynamo stand in der Rückrundentabelle auf Platz elf. Als Corona den Spielbetrieb lahmlegte, hatte man gerade gegen Aue und Regensburg gewonnen. Nun sollten auch ein besseres Offensivverhalten und taktische Flexibilität auf der Agenda stehen. Trainiert werden konnte das aber nicht mehr. Ein »Scheißgefühl« sei das gewesen, so Kauczinski, »wenn man verdammt ist zum Zuschauen«. Da eine Verlängerung der Saison nie zur Debatte stand, muss Dynamo seine ausgefallenen Spiele in sogenannten englischen Wochen mit je drei Spielen in sieben Tagen nachholen: Acht Spiele in 27 Tagen stehen noch auf der Agenda.

Dynamo versucht, all diese Widrigkeiten mit dem auszugleichen, was man hat: eine große Fanschar und ein im Lauf der Jahrzehnte gewachsener Trotz - gespeist aus dem (mal realen, mal herbeifantasierten) Gefühl, dass andere Vereine im deutschen Fußball eine deutlich größere Lobby haben. Am Samstag war der sonst lauteste K-Block im Stadion natürlich auch leer. Vor ihm prangte aber ein riesiges Transparent: »Mit Wut im Bauch und klarem Verstand zerstört ihr Gegner und Verband«, wurde dort den Spielern mitgegeben, sich gegen Stuttgart und die uneinsichtigen Ligaoffiziellen zur Wehr zu setzen.

Tags zuvor hatten Dresdener Ultras vorm Mannschaftshotel an der Elbe eine Pyro-Aktion organisiert: Das Flusswasser reflektierte dabei die roten Flammen, vor dem der Schriftzug »Wir zusammen gegen den Rest der Welt!« prangte. »Fantastisch«, fand das noch am Sonntag Kapitän Florian Ballas. »Es sind jetzt noch sechs Punkte zum Relegationsplatz, es ist noch alles möglich.« Das stimmt. Doch die Aussicht, nun drei englische Wochen am Stück spielen zu müssen, während die Konkurrenz sich sechs Tage lang auf den nächsten Gegner vorbereiten kann, lässt wenig Optimismus zu.

Angesichts der widrigen Umstände kann der Verein nichts weniger brauchen als internen Streit. Doch nach jahrelanger Harmonie am Großen Garten, haben Mitglieder des Aufsichtsrates nun einen Schuldigen dafür ausgemacht, dass Dynamo schon im zweiten Jahr in Folge in Abstiegsgefahr schwebt: Sportdirektor Ralf Minge soll im Sommer gehen, auch weil ihm zwei seiner letzten beiden Trainer-Entscheidungen misslungen seien. Tatsächlich war es ein Fehler, im Herbst 2018 Maik Walpurgis zu holen. Das Experiment mit dem Fanhelden und Trainerneuling Christian Fiél, das in der Hinrunde scheiterte, hatten im Februar 2019 allerdings fast alle im Verein befürwortet. Dass Minge den Verein zuletzt konsolidierte, dass der einstige Pleitegeier Dynamo heute Millionen Euro an Rücklagen hat, ist in Vergessenheit geraten.

Insofern dürfte es Minge gutgetan haben, dass Trainer Kauczinski am Freitag noch mal eine Lanze für den einst so starken Mann bei Dynamo brach: »Ralf ist derjenige, der alles zusammenhält. Ich hoffe, dass sich die Dinge lösen.« Auf dem Platz hilft derweil nur eine Siegesserie. Schon an diesem Dienstag soll sie in Hannover beginnen. »Eine Trotzreaktion muss ich gar nicht anfachen«, weiß Kauczinski. »Das Gefühl, dass wir hier in etwas reingeraten sind, für das wir nichts können, hat eh schon jeder.«

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln