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Immer der Nase nach

Bettina M. Pause meint, alles sei eine Geruchssache

  • Von Marion Pietrzok
  • Lesedauer: 5 Min.

»Die Nase ist - verglichen mit einem Gebäude - ein Wolkenkratzer. Von dem kennen wir jedoch erst einige wenige Etagen«, hat Bettina M. Pause festgestellt. Die Wissenschaftlerin ist in der Riege der Forscher der Welt, die sich der geruchlichen Kommunikation zwischen den Menschen auf die Spur begeben haben, die führende. Seit 30 Jahren ist sie in etlichen der Zimmer dieses - wie sie einräumt - noch jede Menge Geheimnisse bergenden Wolkenkratzers unterwegs.

Mit diesem Buch, das den Stand der eigenen und der internationalen Geruchsforschung zusammenfasst, erweist sie sich nicht nur als - laut eigener Aussage - »das führende Nasentier in der biologischen und Sozialpsychologie«; seit 2005 ist sie in leitender Position an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf tätig. Nein, mit diesem Buch hat sie einem Tausendsassa Reverenz bezeigt, der es lange Zeit nicht in die Visiere seriöser Wissenschaft geschafft hat. Der Geruchssinn war schlichtweg unbeachtet, unterschätzt, unterdrückt. Jetzt wird das anders.

Denn als Schreibende ist Bettina M. Pause vielleicht der Joachim Ringelnatz unter den Wissenschaftsautoren: So viel pointiert Bildhaftes, so viel wortspielerisch Eingängiges, so viel verblüffend Unterhaltsames war in der Darstellung wissenschaftlicher Erkenntnisse und Veröffentlichungen wohl noch nie! Zu danken ist auch der Schriftstellerin Shirley Michaela Seul, die als Initiatorin und Lebendigmacherin des Buches ihr quasi über die Schulter geblickt hat.

Bettina M. Pause beherrscht die große Kunst, Wissenschaft leicht fasslich zu präsentieren. Dabei läuft sie bei aller Unterhaltsamkeit, mit der sie den Leser auf Entdeckungsreise durch die Welt des Geruchs mitnimmt, niemals Gefahr, ins schlagzeilenorientierte Einseitige und Billige von Boulevardmedien zu geraten. Sie nutzt klug ein eindringliches Arsenal, das Sprache bietet, insbesondere das vergnügliche, womit sie sich mit hohem Erkennungswert auch in der twitternden Gegenwart behaupten kann. Mit Leidenschaft, die sich beim Lesen des Buches auf den Leser überträgt, vermittelt sie ihre Erkenntnisse und die Richtung weitergehender Forschung anschaulich und spannend, verzichtet auf Fremdworte und wissenschaftliche Termini - so sie nicht unbedingt erforderlich sind -, scheut sich auch nicht, Ausrufezeichen zu setzen. Denn von Revolution und Erschütterung von Grundfesten ist die Rede.

»Riechen scheint die Grundlage unserer Gehirnfunktionen zu sein, die Grundlage des Empfindens, des Gefühls, des Erinnerns und wahrscheinlich auch des Denkens«, summiert sie ihre Darlegungen. Wem stiege eine solche Vermutung wohl nicht in die Nase! Aber der Kühnheit der These steht deren schrittweise Herleitung in nichts nach. Bettina M. Pause bezieht sich in ihrer erstaunlichen Hommage auf den Geruchssinn, die zwecks Erklärung der Brisanz ihres Themas eine kurz gefasste und kurzweilige Philosophiegeschichte enthält, auf Denker wie Epikur, der die Sinneserfahrung als Erkenntnisquelle hoch schätzte, oder auf Montaigne: »Die Sinnen sind der Anfang und das Ende der menschlichen Erkenntniß.«

Augensinn und Gehör jedoch, denen man normalerweise eher traut bei der Wahrnehmung der Welt, seien im Vergleich zu dem, was »die Nase« leistet, lediglich blind und taub, besagen die heutigen Forschungsergebnisse. Dabei stützt sich Bettina M. Pause vornehmlich auf Studien der letzten zwanzig Jahre, und die meisten der Veröffentlichungen, die sie in den umfangreichen und ebenso wie ein Krimi zu lesenden Anmerkungen des Buches beschreibt, sind jüngeren und jüngsten Datums. Sie selbst hat 2009 erstmals den wissenschaftlichen Nachweis erbracht, dass Angst chemisch, also über Geruchsmoleküle, übertragbar ist. Das Olfaktometer, die Untersuchungsapparatur, die dabei zum Einsatz kam, hat die Wissenschaftlerin selbst entwickelt - man kann das Instrument im Internet begutachten.

Der größte Teil des Buches ist jenen Gerüchen »gewidmet«, die unterhalb der Wahrnehmungsschwelle liegen. Auf sie allerdings reagieren wir durchaus, wiewohl wir nichts von diesem Einfluss wissen. Sie steuern das menschliche Verhalten. Weil, wie Bettina M. Pause ausführt, sie »im Laufe der Evolution so extrem wichtig geworden sind«. Ihr Bezug auf die Evolution überzeugt. Geleitet von einem hohen sozialen Verantwortungsgefühl, auf der Suche nach nichts weniger als den Wurzeln der Menschheit, nach »Faktoren, die uns glücklich oder krank machen«, gibt sie für unser Geruchgesteuertsein eine Fülle alltäglicher situativer Beispiele. Ob bei der Partnerwahl (mit den verbreiteten Vorstellungen vom Einfluss der Pheromone wird aufgeräumt), ob bei der Beurteilung von Vorgesetzten, ob bei Freundschaften - man geht immer der Nase nach.

Die Forscherin erzählt von neuen Erkenntnissen über den Zusammenhang von Geruchsgehirn und Depression; da hat sie Bahnbrechendes geleistet. Und über die Bedeutung chemischer Kommunikation Homosexueller: In ersten Studien fand sie gemeinsam mit ihrer Mitarbeiterin heraus, dass Lesben und Schwule anders auf Frauen- und Männergeruch reagieren als heterosexuelle Menschen. Was immer an Themen in den Blick genommen wird (sollte man jetzt besser sagen: erschnüffelt worden ist?), die Quintessenz lautet: Die Nase führt einen nicht an der Nase herum, sondern ist immer ehrlich. Sie ist klüger als der Verstand. Der aber versuche oftmals im Nachhinein zu erklären, was der unbewusste Geruch schon längst analysiert hat, wir suchten »vernünftige« Gründe und schöben sie vor, statt uns zu unserem »Bauchgefühl« zu bekennen. Deutlich von ihr gesagt, und der Zusammenhang mit unserer sogenannten Leistungsgesellschaft ist evident: Statt den Intelligenzquotienten zu ermitteln (was immer da eigentlich gemessen werde und warum), sei es »höchste Zeit, dass die Intelligenztests einem Intelligenztest unterzogen werden«.

Nach Lektüre des Buches ist jedenfalls klar: »Wenn wir alle mehr riechen als denken würden, wären wir ziemlich sicher glücklicher. Auch die Welt wäre vermutlich in einem besseren Zustand.«

Eine Randbemerkung der Rezensentin angesichts des Covid-19-Angriffs auf uns Menschen: Welches Frühsymptom beklagen mit diesem Virus Infizierte? Den Verlust des Geruchssinns. Verschwörungstheoretiker könnten hier ansetzen: Das Virus attackiert das Elementarste der Menschheit, um sie zu vernichten.

Bettina M. Pause: Alles Geruchssache. Wie unsere Nase steuert, was wir wollen und wen wir lieben. Piper, 268 S., geb., 20 €.

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