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Respekt

Über einen Künstler, dem nichts heilig war

  • Von Karlen Vesper
  • Lesedauer: 2 Min.

Natürlich pilgerte auch ich zum Berliner Reichstag, als diesen 1995 Christo und seine Frau Jeanne-Claude verhüllten, gleich fünf Millionen Neugierigen aus In- und Ausland. Ich hätte mir gewünscht, dieser wäre vom silberglänzenden Gewebe verdeckt geblieben, bis heute und über unsere Tage hinaus. Aus Schuld und Scham. Ist doch in diesem, mit der Inschrift »Dem deutschen Volke« versehenen »Reichsaffenhaus«, wie der gern absolutistisch herrschen wollende Kaiser Wilhelm I. das Parlament diskreditierte (weshalb ihm vielleicht nicht zufällig bei der Grundsteinlegung 1884 der symbolische Hammer zerbarst), unrühmliche deutsche Geschichte geschrieben worden: angefangen von den Kolonialdebatten über Flottenrüstung und Heeresvorlagen vor Deutschlands erstem Griff nach der Weltherrschaft und der von den Nazis initiierten Inbrandsetzung des Gebäudes in der Nacht vom 27. zum 28. Februar 1933, um den Terrorfeldzug gegen alle politischen Gegner zu starten, bis hin zu den fatalen Beschlüssen jüngster Zeit zur Einschränkung des Asylrechts, Kastrierung des Sozialstaates und Legitimierung erneuter deutscher Kriegsführung in der Welt.

Andere weltweit berühmte Installationen des am Sonntag in New York City im Alter von 84 Jahren verstorbenen Christo und der eben dort zehn Jahre zuvor verschiedenen Gattin, etwa »Valley Curtain« in Colorado, die riesigen gelb-blauen »Umbrellas« (Sonnenschirme) in Japan und Kalifornien oder die safranfarbenen »Gates« im New Yorker Central Park konnte ich ob mangelnden Kleingeldes für die Überfahrt oder Flug über den »Großen Teich« leider nicht leibhaftig in Augenschein nehmen. Weitere Aufsehen erregende Projekte waren die schwimmenden Stege auf dem Iseo-See in der Lombardei und die verpackte Brücke Pont Neuf in Paris.

Besonders sympathisch an dem am 13. Juni 1935 als Christo Vladimiroff Javacheff im bulgarischen Gabrovo Geborenen ist, dass ihm nichts heilig war, der auf den Namen des »Heilands« Getaufte seine Werke selbst mit liebevoll-spöttischer Distanz sah: »Es ist total irrational und sinnlos.« Und dass der in einer Volksrepublik aufgewachsene, marxistisch geschulte Künstler die Kommerzialisierung seiner Kunst ablehnte, was ihm freilich seine unternehmerisch begabte Frau ermöglichte.

Das erste gemeinsame Projekt von Christo und Jeanne-Claude hatte übrigens auch mit Berlin zu tun. Aus Protest gegen den Bau der Mauer 1961 errichtete er in Paris eine solche aus 89 Ölfässern, die der schmächtige Christo selbst aneinandergereiht haben soll. Respekt – für alles, für große Kunst.

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