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Die Seuche, die Ungleichheit und die Proteste

Warum fordert niemand in der Coronakrise die Vier-Tage-Woche und die Entprivatisierung des Gesundheitssystems?

  • Von Helmut Dahmer
  • Lesedauer: 7 Min.

Bis in die frühe Neuzeit waren die Menschen Seuchenzügen hilflos ausgeliefert; sie wussten nicht, wie ihnen geschah. Erst als auf der Grundlage der verallgemeinerten Warenproduktion Nutzenkalküle eine enorme Steigerung der Arbeitsproduktivität, also der Natur- und Menschenbeherrschung, ermöglichten, wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch Biologie und Medizin revolutioniert. Seitdem sind Epidemien im Prinzip kontrollierbar geworden, man kann ihnen vorbeugen, sie eindämmen oder sie gar abschaffen.

Seit 150 Jahren sind Infektionskrankheiten kein Schicksal mehr, so wenig, wie es die Kriege sind oder die Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima. An die Stelle vieler »Naturkatastrophen« sind man-made-disasters getreten. Und wenn Epidemien auf antiquierte Weise auch heute noch verhandelt werden, als handele es sich um Phänomene wie Meteoriten-Einschläge, Tsunamis oder Vulkanausbrüche, dann wird der unbeherrschbaren Natur zugeschrieben, was nur mehr Produkt der unbeherrschten Weltgesellschaft ist, die – von Imperativen der Kapitalakkumulation getrieben – planlos von einer Katastrophe in die nächste taumelt. Nicht wenige der vermeintlichen »Natur«-Katastrophen der Gegenwart sind in Wahrheit Sozial-Katastrophen, und deren »naturale« Camouflage verhindert die Suche nach den Faktoren hinter den (epidemiologischen) Fakten.

Die längste Zeit der Menschheitsgeschichte boten Höhlen, Häuser, Städte und Mauern, bot das Ensemble kultureller Errungenschaften relativen Schutz gegen Naturgewalten und sichtbare Feinde, nicht aber gegen unsichtbare und darum unbekannte. Das änderte sich erst in der Moderne, die es ermöglichte, auch Unsichtbares sichtbar und messbar zu machen und neuartige Schutzvorkehrungen und Heilmittel zu kreieren. Aufgrund der Forschungen von Pasteur, Koch und ihren Nachfolgern ist es möglich geworden, das menschliche Habitat mit neuartigen, feineren Filtern besser gegen Bakterien und Viren zu schützen.

Doch im Innern dieses Habitats herrscht noch immer die Ungleichheit und toben Verteilungskämpfe zwischen den Klassen. Von deren Ausgang hängt es ab, ob neue Verfahren der Seuchenbekämpfung entwickelt und genutzt werden können und ob sie wenigen, vielen oder allen zugutekommen. Nicht mehr die Wölfe müssen wir fürchten, sondern Menschen, die – unkontrolliert – über finanzielle und militärische Machtmittel verfügen, nicht neue Viren, sondern die traditionell ungleiche Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums, die es unmöglich macht, Hunger, Kriege und Seuchen abzuschaffen. It’s the class-structure, stupid!

In vielen Staaten der Erde gilt die jeweils verfolgte Politik als »alternativlos«; und weil es schon lange keine großen Parteien mehr gibt, die nicht nur bestimmte Mängel der bestehenden Gesellschaft reformieren, sondern ihre Struktur ändern wollen, und weil Sozialwissenschaftler, denen es um solche Alternativen geht, marginalisiert werden, fungieren derzeit einzig Virologen als (technische) Berater jener Regierungen, die das System der Ungleichheit und der Unmündigkeit schlecht und recht verwalten. Die aus ein paar Parteipolitikern ad hoc gebildeten »Corona-Stäbe« erwiesen sich freilich in diesem, von der Seuche bestimmten Frühjahr 2020, als bemerkenswert flexibel. Über Nacht schlugen sie große Breschen in den Käfig alternativloser Reform- und Gedankenlosigkeit und verlegten sich, nach Jahren und Jahrzehnten der »Austeritäts«-Politik, um der Wirtschaft und der Volksgesundheit willen aufs Schuldenmachen und auf staatliche Eingriffe in die »Märkte«, deren Kommando ihnen zuvor Gesetz war.

Inwieweit die jüngste Mutation des Coronavirus durch Rodungen, Massentierhaltung und Klimawandel begünstigt wurde, steht dahin. Dass das Virus sich über die heutigen Reise- und Handelsrouten verbreitet, ist unverkennbar. Dass Prophylaxe, Eindämmung, Erforschung und Bekämpfung von den verfügbaren Ressourcen, überhaupt vom jeweiligen Zustand des Gesundheitssystems, abhängen, liegt auf der Hand. Und das heißt: Die Bevölkerungen der Gläubigerstaaten haben gegenüber denen der Schuldnerstaaten auch und gerade in Pandemiezeiten weitaus bessere Überlebenschancen, so wie im Innern der wenigen Wohlstandsinseln die privilegierten Schichten auch im Zeichen von Corona besser, sicherer und länger leben.

Corona wirft ein grelles Licht auf die feinen und weniger feinen Unterschiede, die, um des immerfort beschworenen, imaginären Zusammenhalts »aller« Menschen willen, national und international geleugnet, beschönigt, relativiert und ignoriert werden. Zumindest für die, die überhaupt sehen wollen, werden im Zeichen von Corona die Klassenteilung und die Sprossen der Einkommensleiter, wird die gesamte Hierarchie der sozialen Schichtung sichtbar.

Maßnahmen-Konformität erzeugt auf die Dauer Unwillen. Viele empören sich über kleine Ungleichheiten, die ihnen die großen, lebensentscheidenden verdecken. Maskenträger attackieren Masken-Verweigerer, Abstandhalter leichtsinnige Regelübertreter. Statt dass sie Risikozuschläge und Lohnerhöhungen für das medizinische Personal verlangten, lassen ganze Straßenzüge die imaginäre Einheit der Corona-Bedrohten hochleben, mit Musik und Tanz auf Balkonen, mit Nationalhymnen und Beifallklatschen. Wehe dem, der sich von solchen Ritualen dispensiert.

Im Bann der Alternativlosigkeit, die in Deutschland so lange Staatsraison war, weiß niemand, was zu tun und zu fordern wäre. Keiner kommt auf die naheliegende Idee, als Antwort auf die Coronakrise nicht nur die sofortige Ent-Privatisierung des Gesundheitssystems zu fordern, sondern (nach englischem Muster) die Einrichtung eines neuartigen, non-profitablen Gesundheitsdienstes, der jedermann kostenlos zur Verfügung steht. Kein Gewerkschafter traut sich, angesichts des Kurzarbeiterheers, das demnächst zum Arbeitslosenheer wird, jetzt eine Umverteilung der Arbeit auf die Tagesordnung zu setzen, also die Vier-Tage-Woche (mit 28 Wochenstunden) für alle Beschäftigten und eine Mindestsicherung für alle, für die es keine Arbeit (mehr) gibt.

Stattdessen demonstrieren Tausende, denen es zuvor nie eingefallen wäre, überhaupt einmal für oder gegen etwas auf die Straße zu gehen, für die Aufhebung der Restriktionen (der Ausgangsbeschränkungen, der Masken- und Abstandspflicht), die uns bisher Infektions- und Todesraten wie in den Nachbarländern (von Russland, den USA oder Brasilien ganz zu schweigen) erspart haben.

Nicht die Verselbständigung der Exekutive gegenüber dem Parlament macht ihnen Sorge, nicht die Tendenz zum »starken Staat«. Vorschnell geben sie die parlamentarische Demokratie verloren, schwingen das Grundgesetz als Talisman und wähnen, die »Uniformierung« der Bevölkerung durch den »Merkel-Maulkorb« zeige, dass wir uns halb schon im Orwell-Staat befänden. In der ersten Reihe finden sich Leute aus allen sozialen Schichten, die, angstgetrieben, die Pandemie überhaupt leugnen, sie für ein bloßes Gerücht halten, erfunden, um Menschenmassen zu manipulieren. Nazis, die keine sein wollen, versuchen, auf dieser Protestwelle zu surfen, da die »Flüchtlingswelle«, die sie nach 2015 in die Parlamente von Bund und Ländern spülte, vorläufig verebbt ist. In Deutschland wühlt der Strudel der Empörung gleich auch die ganze unbewältigte Vergangenheit wieder auf.

An Statisten für alte Stücke fehlt es nicht, und in diesen Geisterspielen wähnen die einen sich in der Revolution von 1848, andere versetzen sich lieber noch einmal in die von 1989 (»Wir sind das Volk!«); dritte tragen stolz ein T-Shirt mit dem Konterfei Anne Franks zur Schau, während junge Frauen und ältere Männer, vor Torheit strahlend, mit einem »Judenstern« an der Brust paradieren. Viele rufen im Chor auch gern »Widerstand!« in einem Land, in dem es keine Résistance gab und die wenigen Widerständler noch Jahre nach dem Krieg als »Verräter« galten.

Auch die antisemitisch getönte »antikapitalistische Sehnsucht des deutschen Volkes«, von der Gregor Strasser, der Reichorganisationsleiter der NSDAP, 1932 im Reichstag sprach, regt sich wieder. Die Sehnsüchtigen küren Bill Gates, den mäzenatischen Gründer von Microsoft, zum Sündenbock. Der ist einer von weltweit mehr als zweitausend Milliardären. Vielen Protestlern gilt er darum als das personifizierte Übel, als eine Art Mr. Weltkapitalist (wie auch George Soros). Was aber werfen sie Gates vor? Nicht etwa, dass das Wirtschaftssystem, von dem er profitiert, Mehrarbeit auspresst und ihnen stets mit »Freisetzung« droht, oder dass Leute wie er sich Regierungen und Parlamente kaufen können, nein: dass er, angesichts der neuen Pandemie, eine Variante der guten alten Pockenimpfung favorisiert.

Es gilt die Diagnose, die Goya am Ende des 18. Jahrhunderts auf seinem 43. »Capricho« notierte: »El sueño de la razón produce monstruos.« Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer.

Helmut Dahmer ist emeritierter Professor für Soziologie und lebt in Wien. Anfang des Jahres erschien von ihm im Verlag Westfälisches Dampfboot das Buch »Antisemitismus, Xenophobie und pathisches Vergessen. Warum nach Halle vor Halle ist« (101 S., br., 10 €).

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